Einzigartiges Institut

Hamburger Konservatorium baut für 24 Millionen Euro

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Axel Ritscher
Die Visualisierung der Kolbenhöfe zeigt, wie das bestehende Magazingebäude im Norden der Kolbenhöfe umgebaut werden soll.

Die Visualisierung der Kolbenhöfe zeigt, wie das bestehende Magazingebäude im Norden der Kolbenhöfe umgebaut werden soll.

Foto: © Freiland Hamburg GmbH / Freiland Hamburg GmbH

Die Musikschule verlegt ihren Hauptsitz von Sülldorf nach Ottensen. Ein Konzertsaal entsteht. Was Kent Nagano damit zu tun hat.

Hamburg. Das Hamburger Konservatorium zieht in die Kolbenhöfe an der Ottenser Friedensallee. Das Konservatorium und die Partnerunternehmen Otto Wulff und Rheinmetall Immobilien haben einen entsprechenden Vorvertrag über den Erwerb des Grundstücks im Ottenser Prestigeprojekt unterschrieben. Der Kaufvertrag soll im Sommer geschlossen werden. Über die Höhe des Preises haben die Beteiligten Stillschweigen vereinbart. Für die Musikakademie soll das bestehende Magazingebäude im Norden der Kolbenhöfe umgebaut werden und die Musikschule mit Proben- und Seminarräumen sowie eine Kita aufnehmen.

Außerdem ist der Neubau eines Konzertsaals geplant, der baulich mit dem Magazingebäude verbunden werden soll. Die Musiker werden damit Nachbarn der bereits in Halle 7 angesiedelten Handwerkergenossenschaft Kolbenwerk eG. Sie investieren insgesamt etwa 24 Millionen Euro in die rund 4500 Quadratmeter Nutzfläche am neuen Standort.

Einzigartiges Institut für Musikausbildung in Hamburg

„Ohne das Entgegenkommen des Bezirks Altona und die Unterstützung des Baudezernenten und der Projektentwickler hätten wir das nicht erreicht“, sagte Markus Menke, Direktor des Hamburger Konservatoriums. Mit dem neuen zusätzlichen Standort in den Kolbenhöfen werde in Hamburg ein zukunftsweisendes und deutschlandweit einzigartiges Institut für die Musikausbildung – für Familien, Kinder, Studierende und Senioren geschaffen.

Menke dankte ausdrücklich auch der Bürgerschaft und den „vielen Wegbegleitern“ wie dem Dirigenten und Hamburger Generalmusikdirektor Kent Nagano, der als Mentor der Musik-Kita auftreten wird, und Kinderliedermacher Rolf Zuckowski, dem „großem Freund unserer Musikschule“. Menke verhehlte nicht, dass das Konservatorium auf weitere finanzielle Unterstützung aus dem Kreis der Freunde und Förderer hofft, um die erforderliche Eigenkapitalqoute erfüllen zu können. Aber im Grundsatz steht die Finanzierung.

Projekt Kolbenhöfe wird durch Konservatorium aufgewertet

Wulff und Rheinmetall erklärten, mit dem Zuzug des renommierten Hamburger Konservatorium werde ihr Projekt Kolbenhöfe nochmals aufgewertet. „Die Musiker fördern mit ihrem Projekt die von uns angestrebte lebendige Nutzungsvielfalt, und zugleich entsteht ein kultureller Mittelpunkt, der weit über das Quartier hinaus ausstrahlt“, sagten die Geschäftsführer Andreas Seithe (Otto Wulff) und Holger Gradzielski (Rheinmetall Immobilien).

Das Hamburger Konservatorium wird den Hauptsitz an der Sülldorfer Landstraße perspektivisch aufgeben, das denkmalgeschützte Goßler-Haus von 1795 aber behalten und den Standort sogar noch erheblich ausbauen. In den Kolbenhöfen soll die Musik-Kita (115 Plätze) die Musikschule (2300 Plätze) sowie die Akademie (300 Plätze) für die Profi-Ausbildung Platz finden. Außerdem gibt es Räume und Projekte für musizierende Senioren. Weiter entsteht ein 400 Qua­dratmeter großer Konzertsaal mit 199 Plätzen und ein zweiter Mehrzwecksaal mit 160 Quadratmetern in der 5. Etage.

Ähnliches Projekt in Montreal

Das mit Nagano realisierte Musik-Kita-Konzept ist einzigartig in Deutschland. Anders als das bedingt vergleichbare Projekt von Daniel Barenboim in Berlin bieten Menke und Nagano in ihrer Kita neben musikalischer Früherziehung für besonders Begabte Einzelunterricht mit einer täglichen Übe-Begleitung durch Experten. Vermittelt würden musikalische Bildung in Rhythmik, Tanz und Chor sowie handwerkliches Können. Ein ähnliches Projekt verfolgt Nagano schon in Montreal (Kanada).

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Nagano, der als Kind selbst ein Konservatorium als Teil seiner Schule besuchte: „Musizieren im Kindesalter ist nicht nur dem Zweck geschuldet, Kinder in ihrer Konzentrationsfähigkeit, ihren sozialen Kompetenzen und damit in ihrer Lebenstauglichkeit zu fördern. Das kann Musik – natürlich. Musik ist aber vor allem dazu da, erfahren zu werden. Sie kann uns begleiten, bewegen, verändern. Die Künste öffnen den Geist. Kindern Musik zu bieten, heißt Horizonte und Hoffnung zu wecken und das Gefühl, dass alles möglich ist. Aus all diesen Gründen bin ich glücklich und fühle mich sehr geehrt, ein Mentor der neuen Musik-Kita des Konservatoriums unserer Hansestadt zu werden.“

Kooperationen mit mehr als 80 Schulen

Durch die räumliche Nähe der Abteilungen und die Barrierefreiheit im Gebäude des neuen Konservatoriums erhofft sich Menke eine erhöhte Durchlässigkeit und Synergien. So können die Räume der Musikschule vormittags von den Kita-Kindern genutzt werden, weil die Älteren ja auch Mathe und Deutsch lernen müssen. Das Konservatorium kooperiert mit mehr als 80 Schulen.

Menke setzt bewusst auf ein möglichst internationales Publikum und die Begegnung vieler Kulturkreise, unter anderem auch, um dem deutschen Bruch in der Tradition der Volkslieder und damit dem Singen zu Hause etwas entgegenzusetzen. Der Saal wird nach Lilly Giordano benannt, der Mutter des Autors Ralph Giordano. Sie hatte 1919/20 am Konservatorium Klavier unterrichtet. „Sie ist eine von uns“, sagte Menke.

Bauantrag für Hamburger Projekt folgt im Herbst

Anfang Juni hat die Bürgerschaft beschlossen, bis zu 20 Millionen Euro Kredit für das Konservatorium abzusichern. Der in allen wesentlichen Punkten auch mit der Kommunalpolitik vorbesprochene Bauantrag soll im Herbst eingereicht werden. Auch Kultursenator Carsten Brosda unterstützt das Projekt. Menke hofft, Anfang 2024 umziehen zu können. Das Konservatorium war seit sechs Jahren auf der Suche nach einem geeigneten Standort und hat sich erst ganz zum Schluss entschieden, selbst zu bauen. Es sitzt seit 1908 in Sülldorf und ist die älteste Musikschule Norddeutschlands.

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