Zeugenaufruf

Suche nach Hilal geht auch nach mehr als 20 Jahren weiter

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Christoph Heinemann
Abbas Ercan, der ältere Bruder der seit mehr als 20 Jahren vermissten Hilal, steht vor dem VHH-Bus mit einem Zeugenaufruf.

Abbas Ercan, der ältere Bruder der seit mehr als 20 Jahren vermissten Hilal, steht vor dem VHH-Bus mit einem Zeugenaufruf.

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Mädchen verschwand 1999 spurlos. Zum Tag der vermissten Kinder erinnern ihr Bruder und die VHH daran, dass die Suche nicht beendet ist.

Hamburg. Abbas Ercan hält die Hände vor dem Körper verschränkt, wippt vor der Elbgaupassage von einem auf den anderen Fuß. Es ist ein großer Moment für ihn. Er trägt ein graues Sakko und schwarze Schnürschuhe, während der Bus anrollt. „Heute bin ich stolz“, sagt er, seine Stimme ist fest, die Hoffnung immer noch da. Von der Seite des Busses lacht ihn das Gesicht seiner Schwester Hilal an. „Zeugen bitte melden!“, steht da. Und ein Satz der Familie, an das Mädchen gerichtet: „Wir geben nie auf“.

Hilal Ercan war zehn Jahre alt, als sie im Jahr 1999 spurlos verschwand. Ihr Bruder nur zwei Jahre älter, selbst noch ein Kind. Heute ist Abbas Ercan ein gestandener, breit gebauter Mann. Er hat in den vergangenen 21 Jahren mit Dutzenden Ermittlern aus mehreren Generationen gesprochen, die alle vergeblich versucht haben, den Fall zu lösen. Aber die Familie glaubt weiter an einen neuen, entscheidenden Hinweis. Und versucht nun mit einem erneuten Zeugenaufruf, an diesen zu gelangen.

Vermisste Hilal: Bus mit neuem Zeugenaufruf rollt durch Hamburg

Abbas Ercan, der selbst bei den Verkehrsbetrieben Hamburg-Holstein (VHH) arbeitet, trat deshalb im Frühjahr an die Leitung des Unternehmens heran. „Auch bei vielen Kolleginnen und Kollegen ist die Anteilnahme weiterhin groß“, sagt der VHH-Sprecher Stefan Genz. „Die Geschäftsführung fand ihren gemeinsamen Vorschlag, ein gut sichtbaren Zeugenaufruf zu platzieren, sofort sehr gut.“

Keine zwei Monate später rollt nun der beklebte Bus mit dem Gesicht Hilals auf wechselnden Linien vor allem durch die Stadtteile Lurup und Osdorf. Zudem spielt der VHH den Zeugenaufruf auch in das Fahrgastfernsehen in den Bussen rund um den damaligen Wohnort der Familie Ercan ein.

Hilals Familie hofft darauf, "endlich abschließen" zu können

Abbas Ercan sagt am Dienstag, dass jeder neuer Hinweis entscheidend sein könne. „Wir wollen endlich abschließen“, sagt er. Die Familie geht seit langem davon aus, dass Hilal ermordet wurde. Aber dass die Leiche und der Täter nie gefunden wurde, belaste sie bis heute. „Wir versuchen, die Empathie wachzuhalten und darüber neue Hinweise zu bekommen. Der Täter könnte sein Gewissen erleichtern wollen. Und es könnte Mitwisser geben“, so Abbas Ercan.

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Rückblick: Am Tag ihres Verschwindens, dem 27. Januar 1999, hat Hilal Ercan ein gutes Halbjahreszeugnis mit nach Hause gebracht. Ihr Vater gibt ihr daraufhin etwas Geld, damit sie sich Süßigkeiten in der nahe gelegenen Elbgaupassage kaufen kann. Doch Hilal kehrt nie zurück und es gibt kein weiteres Lebenszeichen von ihr.

Ein Verdächtiger gesteht, Hilal getötet zu haben – dann widerruft er

In der Nähe des Tatortes wird damals ein dunkler BMW gesehen, der mit dem Verschwinden von Hilal zusammenhängen könnte. Mit Dirk A. gibt es im Laufe der Ermittlungen einen Verdächtigen, der ein solches Auto besessen hat und als verurteilter Straftäter im Maßregelvollzug in Ochsenzoll einsitzt. Im Jahr 2005 gesteht Dirk A., Hilal getötet zu haben. Eine daraufhin veranlasste Suche nach der Leiche bleibt jedoch erfolglos. Dirk A. zieht das Geständnis zurück. Noch bis heute glauben aber Polizisten, die in dem Fall ermittelt haben, dass er das Mädchen ermordet hat.

In den vergangenen Jahren kam bereits mehrfach neue Hoffnung auf, den Fall endlich lösen zu können. So veranlasste der damalige Chef der Soko „Cold Cases“ der Polizei, Steven Baack, eine erneute Suchaktion nach der Leiche im Volkspark, nachdem ein neuer Hinweis eingegangen war. Wieder wurden aber keine weiteren Spuren gefunden. Im Jahr 2016 wurde auch geprüft, ob die rechtsextreme Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) für das Verschwinden von Hilal verantwortlich sein könnte. Auch hierauf fanden sich jedoch keine konkreten Hinweise.

Familie Ercan erinnert jährlich an das Verschwinden von Hilal

Jährlich erinnert die Familie Ercan unter anderem zum Jahrestag ihres Verschwindens an den Fall und wandte sich dabei wiederholt direkt an den Täter. Auch für sie deuteten viele Hinweise weiterhin auf Dirk A. hin. „Er kannte Hilal sogar. Aus unserer Nachbarschaft“, schrieb die Familie Ercan in einem Offenen Brief.

Wer immer der Täter sei, habe der Familie auch mit seinem jahrzehntelangen Schweigen weiteres Leid zugefügt. „Ein Ungeheuer beendete das fröhliche Leben unserer Prinzessin. Einfach so. Mitten in Hamburg. Am helllichten Tag“, schrieb die Familie.

Ermittler nicht in Zeugenaufruf von Hilals Familie eingebunden

Die Ermittler von Polizei und Staatsanwaltschaft sind nun über den neuen Zeugenaufruf informiert worden, aber nicht beteiligt. Auf Anfrage sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft, die Ermittlungen dauerten an – der Sachstand sei aber „unverändert“, es gebe keine konkreten Spuren. Bei den Ermittlungen hatte es in den vergangenen 21 Jahren mögliche Versäumnisse und auch Differenzen mit der Familie Ercan gegeben.

Auf Nachfrage will Abbas Ercan darüber am Dienstag nicht sprechen. „Es geht nur darum, dass jemand sich endlich zu erkennen gibt.“ Die Staatsanwaltschaft bestätigte, dass man sich im Austausch mit der Familie befinde.

Die Familie Ercan bittet Hinweisgeber, sie über die Facebook-Seite „Hilal Ercan vermisst“ oder per E-Mail an kanzlei@louati-legal.de zu kontaktieren.

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