Hamburger Verbrecher

Polizistin verschaffte "Milliarden-Mike" geheime Infos

| Lesedauer: 9 Minuten
Bettina Mittelacher
Millionenbetrüger Peter Mike Wappler alias „Milliarden Mike" sitzt derzeit in Haft, nun droht ihm in Hamburg eine weitere Strafe (Archivbild).

Millionenbetrüger Peter Mike Wappler alias „Milliarden Mike" sitzt derzeit in Haft, nun droht ihm in Hamburg eine weitere Strafe (Archivbild).

Foto: imago stock / imago images/Chris Emil Janßen

Gegen Geld habe sie dem bekannten Betrüger polizeiinterne Daten weitergegeben. Um diese Informationen ging es Peter Mike Wappler.

Hamburg. — „Dass ich kein Engel bin, wissen wir alle hier.“ Wenn Peter Mike Wappler alias Milliarden-Mike diesen Satz sagt, klingt das, als wäre dieser Mann richtiggehend stolz auf seinen zweifelhaften Ruf. Ein Mann, der mit sich im Reinen zu sein scheint — nach dem Motto: So bin ich nun mal. Wahrlich kein Engel, sondern ein Betrüger und Hochstapler, der mittlerweile mehr als ein Vierteljahrhundert im Gefängnis verbracht hat. Dass der 65-Jährige sich schwerlich zum Heilsbringer und Retter wandeln würde, hätte auch Stefanie H. leicht erkennen können.

Doch die 45-Jährige ließ sich auf Geschäfte mit Milliarden Mike ein, die ihre Karriere als Polizeibeamtin unwiederbringlich zerstört haben. Ihren Beruf, den sie „von ganzem Herzen ausgefüllt“ habe, wie Stefanie H. beteuert, wird sie nie wieder ausüben.

"Milliarden-Mike" besticht Polizistin für Informationen

Nun steht sie vor einem Scherbenhaufen — und als Angeklagte vor dem Landgericht. Der Prozess gegen die Berlinerin wegen Bestechlichkeit und den zwanzig Jahre älteren Hochstapler wegen des Vorwurfs der Bestechung hat noch gar nicht richtig begonnen, da bricht die Frau schon in Tränen aus. „Das ist der bisher schrecklichste Tag in meinem Leben“, wird die zierliche Blondine wenig später sagen.

Als Fotografen die Szenerie mit den Angeklagten ablichten wollen, verhüllt sich die 45-Jährige mit einem Schal, bis kaum mehr als ein schwarz verkleidetes Oval zu erkennen ist. Peter Mike Wappler indes, der Mann, dessen Autobiografie den Titel trägt „Ich habe sie alle abgezockt“, scheint die mediale Aufmerksamkeit zu genießen. Er hält den Rücken gerade, hebt das Kinn und schiebt sogar seine Corona-Maske hinunter, damit sein Gesicht auf den Bildern zu erkennen ist. Ein bisschen Show muss wohl sein, sogar auf der Anklagebank.

Milliarden-Mike: Schnelle Autos, schöne Frauen, die Taschen voller Geld

Damit bleibt der Mann ganz auf der Linie der Selbstdarstellung. Zurückhaltung ist noch nie seine Sache gewesen. Protz, Pomp und ein Leben im Überfluss: Milliarden Mike zog es stets auf die Überholspur. Schnelle Autos, schöne Frauen, die Taschen voller Geld. Es ist viel über ihn geschrieben worden, und das meiste kann angesichts seiner vielen Verurteilungen und der langen Haftstrafen, die er abgesessen hat, kaum vorteilhaft gewesen sein. Und doch war Wappler einer von etwa 50 Prominenten, die die damalige Polizisten Stefanie H. in einem sozialen Netzwerk angeschrieben hat, als es ihr finanziell so richtig schlecht ging und sie verzweifelt nach jemandem suchte, der ihr helfen könne.

Daraus, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, erwuchs schließlich eine unheilvolle Geschäftsbeziehung, bei der die Polizistin in Wapplers Auftrag in zehn Fällen Informationen aus dem Polizeicomputer abfragte und dafür von ihm jeweils 200 beziehungsweise 100 Euro bekommen sollte, insgesamt mindestens 500 Euro.

Polizistin war durch Spielsucht verschuldet

Sie habe etwa im Jahr 2014 hohe Schulden gehabt, erzählt die zweifache Mutter vor Gericht. Eine Anzeige, in der innerhalb von 20 Minuten ein Verdienst von 500 Euro offeriert wurde, habe sie erstmals dazu verführt, im Internet zu zocken. So sei sie in die Spielsucht geraten und habe sich immer weiter verschuldet. „Ich bin da allein nicht rausgekommen. Als Polizistin ist die Scham so groß, sich irgendjemanden anzuvertrauen.“ Als sie schließlich bekannte Persönlichkeiten kontaktierte, „war das der letzte verzweifelte Versuch, nicht in die Insolvenz zu gehen. Ich hätte nicht gedacht, dass jemand Ja sagt.“ Doch schließlich habe Wappler reagiert.

„Ich konnte das gar nicht glauben. Das war ein Glücksmoment, dass einer sagte: ,Ja, ich helfe dir.’“ Sie habe ihn gegoogelt und gelesen, dass er „ein Diamantenbetrüger“ sei. „Ich fragte nach, ob er das wirklich Ernst meint. Er sagte, er würde auch keine alte Oma betrügen.“ Und Personen, die in Not seien, würde er helfen. „Er ist ein liebenswerter, netter Mensch gewesen“, sagt Stefanie H. über ihren ersten Eindruck.

Zumindest ließ er sie das glauben, bei einem Telefonat und einem ersten Treffen. Später habe sie einen Anruf bekommen: „Mike Wappler würde mir 100.000 Euro geben, wenn ich mit ihm Sex habe.“ Einige Zeit darauf habe sie sich auf eine Nacht mit ihm im Hotel eingelassen und gemeint, sie habe nun ein Anrecht auf die sechsstellige Summe. „Doch er lachte mich aus.“ Damals habe sie „Stolz und Würde an einem Tag verloren“, formuliert Stefanie H. „Ich habe mich wirklich darin verbissen, dass ich das bekomme, was mir meiner Meinung nach zusteht. Ich dachte, wenn ich auf die Tränendrüse drücke, dass er sein Herz erweichen lässt und mir was gibt. Aber da war nichts.“

Irgendwann habe er ihr 40.000 Euro zugesagt. Aber auch die zahlte er nicht.

Schließlich bat sie ihn um einen Kredit. Doch er habe die polizei-internen Informationen gefordert. „Mäuschen, guck mal nach“, ob ein Bekannter von ihm „noch im Gefängnis ist“, lautete beispielsweise ein Auftrag, den Wappler per Sprachnachricht an sie schickte. Oder er wollte wissen, „ob alles sauber ist“, bevor er selber von einer Auslandsreise nach Deutschland zurückkehrte. Irgendwann, nach mehreren Abfragen, die sie für ihn leistete, begann sie, sich zu wehren: „Ich bin nicht dein Püppchen, das du herumkommandieren kannst.“

Da war es längst zu spät. Im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen Wappler wegen eines größeren Betrugsverfahrens, in dem er zwei Männer um insgesamt 390.000 Euro erleichterte und später zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde, geriet auch die Polizistin in den Fokus ihrer Kollegen. Mittlerweile ist sie auf eigenen Antrag aus dem Beamtenverhältnis auf Lebenszeit entlassen worden. Jetzt hofft sie auf einen Bürojob.

Milliarden-Mike wollte "das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden"

„Die Idee kam von ihr“, sagt Wappler über die Zahlungen, die er der Polizistin für unlautere Gefälligkeiten überließ. Als er vor Jahren von Stefanie H. kontaktiert wurde und sie schrieb, sie sei Polizistin, habe er geglaubt, „sie macht einen schlechten Scherz“. Dann habe er sich ihren Dienstausweis zeigen lassen. Er habe die Gelegenheit genutzt „und das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden. Er tut mir von Herzen leid, dass sie heute hier sitzen muss.“ Mal habe er ihr 50 Euro übermittelt, mal 100.

„Sie war immer in Geldschwierigkeiten.“ Die 100.000 Euro, von denen Stefanie H. erzählte, habe er ihr in der Tat mal versprochen. „Ja, klar. Ich wollte sie ein bisschen verarschen. Dann habe ich gesagt: Du kriegst 40.000. Aber warum sollte ich ihr die schenken?“ Nach eigenem Bekunden ist Milliarden Mike es gewohnt, dass er von Leuten kontaktiert werde, die behaupteten, die seien Polizisten oder Staatsanwälte, und die dann Geld von ihn haben wollten. „Aber ich sage denen: Ich bin doch nicht die Deutsche Bank.“

„Sich von einem Betrüger Geld versprechen: Das ist verdammt blauäugig"

Er habe in frühen Jahren Geld mit Antiquitätenhandel verdient, sagt Wappler, dann in einer Reinigungsfirma gearbeitet, und er habe bis vor sechs Jahren geboxt und sei als Inkassounternehmer tätig gewesen. Als die Richterin dem Angeklagten aus den Akten vorhält, dass er wegen unterschiedlicher Betrügereien insgesamt etwa 28 Jahre hinter Gittern gesessen hat, wundert sich der 65-Jährige. „So viel?“ Jetzt im Gefängnis, wo er aktuell wieder einsitzt, sei er kurz davor, endlich einen Schulabschluss hinzubekommen. „Ich habe ja Zeit.“ Und in Zukunft wolle er sein Geld in der Filmbranche verdienen. „Ich habe Filmverträge, und mein Buch ist ein Bestseller.“

Am Ende kommen für Milliarden Mike zu den dreieinhalb Jahren Freiheitsstrafe, die er aktuell wegen Betruges absitzt, neun weitere Monate hinzu, entscheidet das Landgericht. Stefanie H. erhält eine Bewährungsstrafe von 18 Monaten. „Alles kaputt wegen 500 Euro. Unbegreiflich“, fasst die Vorsitzende in der Urteilsbegründung zusammen. „Sich von einem Betrüger Geld versprechen zu lassen als Polizeibeamtin: Das ist verdammt blauäugig.“

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