Stadtentwicklung

Hamburger können jetzt dort wohnen, wo Kranke geheilt wurden

| Lesedauer: 6 Minuten
Friederike Ulrich
Norbert Lindhof (erster Bewohner des Quartiers) mit Cordula Ernsing vom Bezirksamt in Hamburg.

Norbert Lindhof (erster Bewohner des Quartiers) mit Cordula Ernsing vom Bezirksamt in Hamburg.

Foto: Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Auf einem ehemaligen Krankenhausgelände in Hamburg sind in historischen Klinikgebäuden und Neubauten 800 Wohnungen entstanden.

Hamburg.  Mächtige Bäume, historische Klinikgebäude, Neubauten und viel Grün – auf dem parkähnlichen Grundstück des früheren Allgemeinen Krankenhauses Ochsenzoll ist ein Wohngebiet mit ganz unterschiedlichen Quartieren entstanden. Die Krankenhausgebäude aus der Kaiserzeit wurden entkernt, saniert und durch Geschossbauten, Reihen- und Doppelhäuser ergänzt. Rund 800 Wohnungen gibt es jetzt hier, die letzten sind kurz vor der Fertigstellung. Außerdem Spielplätze, einen Bolzplatz, zwei Gastronomie­betriebe und Gewerbe.

Die Parkanlage mit mehr als 100-jährigem Baumbestand ist ein Gartendenkmal, entsprechend behutsam war der Umgang mit dem 50 Hektar großen Areal. Das Zentrum wurde 2012 an die Patrizia AG verkauft. Die Firma richtete die 21 historischen Bestandsgebäude denkmalgerecht her und versah sie mit großzügigen Balkonen und Terrassen; auf den Freiflächen dazwischen wurden 13 Neubauten errichtet und insgesamt 450 hochwertige Wohnungen geschaffen.

Öffentlich geförderte Wohnungen in Hamburg von der Saga

In den Waldgürtel, der das Gelände umgibt, wurden von anderen Investoren sechs weitere Neubauquartiere gebaut. Dort gibt es überwiegend Reihenhäuser und nur wenige Geschossbauten. Außerdem errichtete die Saga 163 öffentlich geförderte Wohnungen und entwickelte außerdem das „Quartier No 1“ gemeinsam mit Baugemeinschaften.

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Durchgangsverkehr gibt es kaum, die Straßen sind schmal, und die Autos werden überwiegend in Tiefgaragen geparkt. Norbert Lindhof und seine Frau waren die ersten Bewohner des Quartiers. Seit 2015 leben sie im Herzen des „Oxparks“ in einer Neubauwohnung mit Dachterrasse. Von dort blicken sie auf alles, was typisch ist für das Wohngebiet: auf mächtige Bäume, den alten Wasserturm und die ganz unterschiedlichen Gebäude.

Liegehallen erinnern an vergangene Zeiten

Lindhof, der zu einem Rundgang geladen hat, steht an der Henny-Schütz-Allee, die das Wohngebiet erschließt. Hier liegt das zu einem Restaurant umgestaltete ehemalige Gesellschaftshaus der Krankenhausbewohner, die – so die Idee damals – durch Arbeit im Freien „heilen“ sollten. „Wer zu krank war, wurde mit seinem Bett in sogenannte Liegehallen geschoben“, weiß der frühere Geschäftsführer internationaler Werbeagenturen.

Wie hölzerne Bushaltestellenhäuser stehen sie noch heute zwischen den sanierten und neu gebauten Wohnhäusern, als charmante Treffpunkte für die neuen Bewohner. Die Gärten sind von Buchenhecken umfasst. „Zäune gibt es nur zum Krankenhausgelände hin und um die drei Kitas herum“, sagt Lindhof. „Eine Vorgabe des Denkmalschutzamts.“

Denkmalgerechte Sanierung war kompliziert

Linkerhand sind hinter einem Zaun die zur Asklepios Klinik Ochsenzoll gehörenden Altbauten zu sehen: nachlässig gepflegt und Weiß gestrichen, ohne Hervorhebung historischer Elemente. Die Pendants auf der anderen Straßenseite gehören dagegen schon zu dem inneren, von Patrizia entwickelten Areal, genannt „Unter den Linden“: Die Klinikgebäude sind in kräftigem Eierschalton gestrichen, mit freigelegter Ziegeleinfassung an den Ecken und hölzernen Fensterrahmen.

„Es war nicht immer einfach, die denkmalgerechte Sanierung durchzusetzen“, sagt Cordula Ernsing, Fachamts­leiterin des Bereichs Stadt- und Landschaftsplanung im Bezirksamt Hamburg-Nord, die sich dem Rundgang angeschlossen hat.

„Der Kampf hat sich aber wirklich gelohnt“

Auch die Bäume habe man gegen den Wunsch etlicher Investoren nach breiteren Straßen und mehr Stellplätzen in Schutz nehmen müssen, erzählt sie. „Der Kampf hat sich aber wirklich gelohnt“, lobt Lindhof. Dass die Stadt die Pflege des vielen Grüns in die Hände der Bewohner gelegt hat – sie kostet immerhin 250.000 Euro pro Jahr –, sei ein „cleverer Schachzug.“ Denn gerade der Waldcharakter macht den „Oxpark“ zu einem begehrten Wohngebiet. Zahlte man 2015 für eine Eigentumswohnung noch einen Quadratmeterpreis von rund 4000 Euro, liegt der heute im Quartier nicht unter 6000 Euro.

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Mittlerweile sind fast alle Gebäude fertiggestellt und bezogen. Die letzten noch verfügbaren Wohnungen entstehen gerade auf den Grundstücken des ehemaligen Krankenhaus-Heizkraftwerks und in der früheren Wäscherei. Wo das Kraftwerk mit seinem hohen Schornstein vergangenes Jahr abgerissen wurde, errichtet das Wohnungsunternehmen Fiefstücken mit der Baufirma Ditting drei Neubauten mit 79 Wohnungen und einer teilbaren Gewerbefläche, einige der Wohnungen sind mietpreisgedämpft.

Sanierung von „Alter Wäscherei“

Während eines der Häuser bereits bezogen ist, sind die anderen beiden noch im Vertrieb (www.nord-immo.de). Die denkmalgeschützte „Alte Wäscherei“ wird noch bis zum kommenden Jahr saniert. Hinter der historischen Ziegelfassade entstehen 21 Mietwohnungen mit ein bis vier Zimmern sowie vier Gewerbeflächen. Die Vermarktung beginnt im Sommer.

Die beiden Baufelder waren die letzten des ehemaligen Krankenhauses, die von der Stadt verkauft wurden. „Daher hatten wir hier die Chance, sie per Konzeptausschreibung zu vergeben“, sagt Cordula Ernsing. Mit dem erst vor wenigen Jahren geschaffenen Instrument konnte die Stadt die Vorgabe machen, dass hier Gewerbebetriebe entstehen.

Hamburger Quartier hätte noch attraktiver werden können

Eigentlich war das schon für den Platz zu Füßen des Wasserturms vorgesehen. Um einen Hof gruppieren sich die historischen Werkstatt-, Stall- und Gärtnereigebäude, zwischen denen ansprechende Neubauten errichtet wurden. „Hier sind überall Wohnungen entstanden, doch wir hätten uns eigentlich Arztpraxen, kleine Geschäfte und ein bisschen Gastronomie gewünscht“, sagt Stadtplanerin Ernsing.

Doch als dieses Baufeld verkauft wurde, habe es das Instrument der Konzeptausschreibung noch nicht gegeben. „So ein Platz hätte das Quartier tatsächlich noch attraktiver gemacht“, findet Norbert Lindhof. Aber vermisst habe er ihn bislang „ehrlicherweise nicht“.

Nächste Folge: Das Dieselstraßenquartierin Barmbek-Nord

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