Verkehrsprojekt

Hamburgs neue S-Bahn kommt – für 1,85 Milliarden Euro

| Lesedauer: 6 Minuten
Matthias Popien
So soll die neue Station Holstenhofweg aussehen. Sie gehört zur neuen S-Bahn  4, die Hamburg mit Ahrensburg verbinden wird.

So soll die neue Station Holstenhofweg aussehen. Sie gehört zur neuen S-Bahn  4, die Hamburg mit Ahrensburg verbinden wird.

Foto: DB Netz AG

Beim Spatenstich für den ersten Bauabschnitt sind sich alle einig: Das Doppelgleis nach Ahrensburg hilft nicht nur Pendlern.

Hamburg.  An der neuen S-Bahn-Linie 4 wird schon seit November gearbeitet. Aber um zwei Regierungschefs, einen Bahnchef und einen Bundesverkehrsminister zusammenzubekommen, dauert es eben etwas. Deswegen gab es erst am gestrigen Montag den ersten Spatenstich für ein Verkehrsprojekt, das nicht nur für Hamburg und das schleswig-holsteinische Umland von enormer Bedeutung ist.

Der um griffige Formulierungen bemühte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) sagte es so: „Die S 4 steht für ,sauber‘ – und sie steht für ,super‘.“ „Sauber“ – nein, damit war nicht etwa „Reinlichkeit“ gemeint. Man musste es als mundartlich eingefärbtes Lobeswort dafür verstehen, dass es jetzt ans Bauen geht. Und „super“ ist die S-Bahn eh – so oder so ähnlich fanden das jedenfalls auch die anderen „Spatenstecher“.

Verbindung zum Hamburger Hauptbahnhof

Die rund 17 Kilometer lange Neubaustrecke soll den Hamburger Hauptbahnhof mit Ahrensburg im Kreis Stormarn verbinden. Es ist dann möglich, ohne Umstieg von Altona nach Bad Oldesloe zu fahren. 1,85 Milliarden Euro kostet es, zwei weitere Gleise neben den bestehenden Schienenstrang zu legen, neue Haltepunkte zu bauen, den Lärmschutz deutlich zu verbessern. 2029 soll die Strecke fertig sein. Am Montag ging es um den ersten Bauabschnitt vom Bahnhof Hasselbrook bis etwa zur Luetkensallee in Wandsbek – und um die großen Pläne, die mit der Investition insgesamt verbunden sind.

Der erste Spatenstich sei „schon ein ziemlich wichtiger Schritt“, sagte Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) in seinem bürgermeistertypischen Understatement. Denn die leichte Zugänglichkeit zu einem Bahnangebot sei entscheidend für die Frage, ob es genutzt werde. „Wir wollen eine Mobilität, die den Straßenraum entlastet“, sagte er. Viele Pendler lassen ihr Auto stehen und nehmen die Bahn – das ist einer dieser großen Pläne. „Dann können wir den frei werdenden Straßenraum umbauen, um etwa mehr Platz für Räder zu gewinnen“, so Tschentscher.

Entlastung des Hamburger Hauptbahnhofs

Die S 4 sei aber auch ein „europä­isches Verkehrsprojekt“, sagte er weiter. Der Hamburger Hauptbahnhof, der in der Rangliste der meistbenutzten europäischen Bahnhöfe auf dem zweiten Platz liege, werde entlastet. Und das sei wiederum wegen des Fehmarnbelttunnels wichtig. Die Metropolregion Hamburg werde mit der durch den Tunnel führenden Bahnlinie an Dänemark und Schweden angeschlossen. Sinnvoll ist das nur mit einem leistungsfähigen Hauptbahnhof. Also: vom Radler bis zum Fernreisenden – von der S-Bahn haben alle etwas.

Auch Ronald Pofalla, Infrastruktur-Vorstand der Deutschen Bahn, sah die großen Dinge in dem vergleichsweise kurzen Schienenstrang. Die gesamte Region gewinne doppelt, sagte er. „Die S-Bahn ist gut für die Pendler und gut für Klima und Umwelt.“ Sie werde, so versprach er, mit „100 Prozent Ökostrom“ fahren.

Hamburger Abgeordnete forderten Projekt ein

Bundesverkehrsminister Scheuer gestand, dass ihn kein Nahverkehrsprojekt derart „in den Bann gezogen“ habe wie die S 4. Viele Abgeordnete, auch aus Hamburg, hätten das Projekt „intensiv eingefordert“. „Es ist ein Gemeinschaftswerk“, betonte er – vergaß aber nicht hinzuzufügen, dass 1,6 der 1,85 Milliarden Euro vom Bund bezahlt werden. Der Betrag sei gerechtfertigt, denn der Bund wolle die umweltfreundliche Schiene ausbauen. „2022 werden wir mehr Geld für Schienenprojekte als für Straßenprojekte ausgeben“, kündigte er an. Mit der neuen S 4 werde man – siehe Klima, siehe Hauptbahnhof, siehe Fernverkehr – „viele Dinge mehr können als nur S-Bahn“.

Lesen Sie auch:

Daniel Günther (CDU), Schleswig-Holsteins Ministerpräsident, hatte dem nicht mehr viel hinzuzufügen. Die S 4, sagte er, sei ein „unglaublich wichtiges Projekt, auf das die Menschen in der Region lange gewartet haben“.

Mehrere Klagen gegen Bauvorhaben

Dann schritten die vier zu einem Sandhaufen, griffen zu den Spaten, schippten ein wenig Sand und hatten damit ihr Spatenstich-Werk getan. Ob sie 2029, wenn die erste S-Bahn fährt, noch dabei sind? Wir wissen es nicht. Ja, wir wissen natürlich nicht einmal genau, ob das alles bis 2029 zu schaffen ist. Denn der Bau von Infrastrukturmaßnahmen dieser Größenordnung ist auch in Hamburg mit Klagen gespickt.

Der dornenreiche Weg der Gerichtsverfahren hat bereits begonnen. Mehrere Klagen gegen eben jenen ersten Bauabschnitt, gegen jenen ersten Planfeststellungsbeschluss haben bereits das Bundesverwaltungsgericht (BVG) erreicht. Zunächst gab es Niederlagen. Die Klagen hätten keine aufschiebende Wirkung, entschied das Gericht im Oktober und November vergangenen Jahres, die Bauarbeiten könnten beginnen. Bäume wurden seitdem gefällt, Baustraßen angelegt. Im Hauptverfahren steht die BVG-Entscheidung jedoch noch aus.

Projekt S 4 in Hamburg bleibt spannend

In den Entscheidungen vom Herbst heißt es: Mit einer Fortsetzung der Arbeiten werden „keine irreparablen bzw. nicht rückgängig zu machenden Folgen zulasten Drittbetroffener eintreten. Vollendete Tatsachen werden nicht geschaffen. Sollten sich die bis zu einer Entscheidung des Gerichts in der Hauptsache durchgeführten bauvorbereitenden Maßnahmen bzw. Baumaßnahmen als rechtswidrig erweisen, ließen sich die eingetretenen Folgen im Wege des Rückbaues und der Wiederbepflanzung gerodeter Flächen beseitigen.“ Was im Umkehrschluss bedeutet: Dinge, die nicht rückgängig zu machen sind, sollte die Bahn tunlichst auf später verschieben – wenn das Gericht gesprochen hat.

Es bleibt also spannend. Die S 4 zieht nicht nur Politiker in ihren Bann, sondern auch Ingenieure. Die Gesamtleitung für das Projekt, das so viel mehr sein wird als nur eine S-Bahn, hat Amina Karam übernommen. Die 37-Jährige hatte zuvor einen Tunnel unterm Suezkanal gebohrt – auch dort als Projektleiterin. Davor hatte sie die Metro in Algeriens Hauptstadt Algier gebaut. Die Expertin mit der marokkanischen und der deutschen Staatsbürgerschaft könnte in Hamburg länger verweilen. Hier werden neben S-Bahnen auch U-Bahnen gebaut.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg