Pandemie

Mehr häusliche Gewalt durch Corona-Lockdowns in Hamburg

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Jens Meyer-Wellmann und Christoph Heinemann
In den ersten drei Monaten des Jahres gab es 173 neue Ermittlungsverfahren wegen häuslicher Gewalt – meist waren Frauen die Opfer.

In den ersten drei Monaten des Jahres gab es 173 neue Ermittlungsverfahren wegen häuslicher Gewalt – meist waren Frauen die Opfer.

Foto: picture alliance/dpa

Die Zahl der Anfragen bei Hamburger Beratungsstellen steigt drastisch. Aber es gibt auch andere Daten.

Hamburg. Corona-Pandemie und Lockdown-Maßnahmen haben zu deutlich mehr Anfragen bei Hamburger Beratungsstellen für die Opfer von häuslicher Gewalt geführt. Das zeigt eine Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage des CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Richard Seelmaecker.

Demnach stieg die Zahl der Anfragen etwa bei der Opferhilfe Hamburg von 1691 im Jahr 2019 auf 2801 im vergangenen Jahr – was einer Zunahme von mehr als 65 Prozent entspricht. Deutlich mehr Anrufe oder Onlinemeldungen von Gewaltopfern verzeichneten auch die Beratungsstellen Notruf, LALE, i.bera und intervento.

Viele traumatisierte Opfer

„Häusliche Gewalt ist ein gravierendes Problem, das viele traumatisierte Opfer hinterlässt“, sagt CDU-Mann Seelmaecker. „Seit der Pandemie hat sich dieses noch erheblich verschärft, und es steht zu befürchten, dass die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher liegt als die angezeigten Straftaten.

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Die Zunahme der Beratungen bei öffentlichen Beratungsstellen lässt alle Alarmglocken schrillen. Umso wichtiger ist es, dass wir jetzt genügend Personal beschäftigen können, um dem in Lockdown-Zeiten besonders hohen Beratungsbedarf nachzukommen.“ Der Senat müsse die Zuwendungen, wenn nötig, „umgehend aufstocken, damit den Hilfesuchenden schnell und professionell geholfen werden kann“.

Beunruhigender Trend

Auch Justizsenatorin Anna Gallina (Grüne) sieht den beunruhigenden Trend. „Die Zahlen im Bereich der Beziehungsgewalt zeigen seit längerer Zeit einen kontinuierlichen Anstieg der Verfahren im Bereich der Beziehungsgewalt, nicht erst seit Beginn der Corona-Pandemie“, sagte Gallina dem Abendblatt. In der im März eingerichteten neuen Sonderabteilung für Beziehungsgewalt der Staatsanwaltschaft würden derzeit 6020 Ermittlungsverfahren gegen 6866 Beschuldigte geführt.

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„Allein diese Zahlen belegen, wie wichtig es war, die Ressourcen und Erfahrungen in einer neuen Abteilung zu bündeln und das Personal zu verstärken“, so Gallina. „Damit leisten wir als Justiz einen wichtigen Beitrag für die Bekämpfung von Beziehungsgewalt.“

2020 gab es insgesamt 444 Verfahren

Laut Senatsantwort auf die CDU-Anfrage wurden im ersten Quartal 2021 bereits 173 neue Ermittlungsverfahren aus dem Bereich häusliche Gewalt erfasst. Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, dürfte das auch im Jahresvergleich zu einem deutlichen Anstieg führen – denn 2020 gab es laut der Senatsantwort insgesamt 444 Verfahren.

Andere Daten zeigen eine nicht ganz so dramatische Entwicklung. So weist die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) im ersten Quartal 2021 gegenüber dem ersten Quartal 2020 einen Rückgang der Gewaltdelikte zwischen aktuellen oder früheren Ehe- oder Lebenspartnern aus. Die Fälle vorsätzlicher einfacher Körperverletzungen sind hier um rund 15 Prozent zurückgegangen (von 1000 auf 851 Fälle), die der schweren Vergewaltigung und sexuellen Nötigung um 55 Prozent (20 auf 9).

Bei den Opfern handelte es sich in 78,3 Prozent der Fälle um Frauen oder Mädchen

Allerdings muss man dabei zum einen beachten, dass Folgen des ersten Lockdowns bereits in die Zahlen von 2020 eingegangen sind. Zum anderen weist die Justizbehörde darauf hin, dass ein Vergleich der Daten der Staatsanwaltschaft mit denen der Polizei „schon deshalb nicht möglich ist, weil in der PKS keine Fallzahlen von häuslicher Gewalt oder Beziehungsgewalt erfasst werden“.

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

In der Polizeistatistik werde lediglich die Anzahl der Opfer in der Kategorie Partnerschaften ausgewertet. Dabei hatte die Statistik des Gesamtjahres 2020 gegenüber 2019 einen deutlichen Anstieg der Gewaltdelikte um neun Prozent offenbart. Bei den Opfern handelte es sich laut Justizbehörde in 78,3 Prozent der Fälle um Frauen oder Mädchen.

Bei den erwachsenen Gewaltopfern ging die Zahl zurück

Eine leicht positive Tendenz zeigt sich immerhin bei den Zahlen der Gewaltschutzambulanz des UKE, in dem 2020 mit 828 Kindern und Jugendlichen etwas weniger junge Gewaltopfer untersucht wurden als 2019 (832). Auch bei den erwachsenen Gewaltopfern ging die Zahl zurück: von 1168 im Jahr 2019 auf 1053 in 2020.

Die Zahlen der neuen Inobhutnahmen von Kindern und Jugendlichen durch das Jugendamt ist im ersten Quartal 2021 auf sechs gestiegen, im ersten Quartal 2020 waren es drei Fälle, im ersten Quartal 2019 elf. Die Zahl laufender Verfahren ging zurück: von 388 im ersten Quartal 2019 auf 322 im selben Zeitraum 2020 und 292 im ersten Quartal 2021. Eine Auswirkung der Pandemie ist laut Sozialbehörde nicht erkennbar.

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