Corona-Impfung

Warum das Impfen bei den Hamburger Hausärzten stockt

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Christoph Rybarczyk
Biontech oder Astrazeneca? Die Hamburger Hausärzte wie Dr. Björn Parey aus Volksdorf erhalten etwa je zur Hälfte die beiden Impfstoffe gegen das Coronavirus. - und insgesamt zu wenig.

Biontech oder Astrazeneca? Die Hamburger Hausärzte wie Dr. Björn Parey aus Volksdorf erhalten etwa je zur Hälfte die beiden Impfstoffe gegen das Coronavirus. - und insgesamt zu wenig.

Foto: dpa

Erste Zahlen aus den Praxen: 1000 Niedergelassene machen mit, Patienten drängeln. Impf-Ärzte kämpfen mit drei großen Problemen.

Hamburg. Ist die Impfkampagne der Hamburger Hausärzte und niedergelassenen Fachärzte gegen das Coronavirus nur vier Wochen nach Start schon ins Stocken geraten? Die Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und Aussagen von Medizinern legen das nahe. Die Gründe sind nach wie vor fehlender Impfstoff von Biontech und Astrazeneca, eine kaum planbare Logistik – und Patienten, die mit Bettelanrufen die Praxen zum Teil arg beanspruchen.

Nach Daten der KV wurden am Montag gerade einmal 2354 Dosen bei allen Niedergelassenen verimpft. 155 Praxen waren daran beteiligt. Das klingt wie ein Tiefpunkt. Denn gleichzeitig eilt das Impfzentrum in den Messehallen von Rekord zu Rekord. 8612 Impflinge pro Tag waren die neue Bestmarke. Doch zweimal in den vergangenen Tagen haben die Praxen mit 11.000 Impfungen das Impfzentrum bereits überholt. Das zeigt, dass es möglich ist, deutlich mehr Hamburger zu impfen als aktuell.

Hamburger Hausärzte haben 110.000 Dosen verimpft

Insgesamt rund 110.000 Dosen von Biontech und Astrazeneca etwa im selben Anteil wurden in den vergangenen Wochen in den Praxen verbraucht. Das ist weniger als erhofft, wie der Vorstandsvorsitzende der KV, Walter Plassmann, dem Abendblatt sagte: „In Hamburg haben wir aktuell etwa 1000 Praxen die impfen. Leider können sie nicht jeden Tag impfen. Das liegt unter anderem daran, dass zu wenig Impfstoff da ist und die Lieferungen nicht gut planbar sind.“

Nach Angaben von Hausarzt Dr. Björn Parey aus Volksdorf läuft es derzeit so, dass für eine Impfwoche bis um 12 Uhr am Dienstag der Vorwoche die Bestellung an die Apotheken gegangen sein muss. Die Apotheken melden das in einem weiteren kurzen Zeitfenster an ihre Großhändler weiter. Am Mittwoch wird errechnet, wie viel Impfstoff da ist und den einzelnen Bundesländern aufgrund ihres Bevölkerungsquotienten überhaupt zusteht. Am Donnerstag erfährt der Arzt vom Apotheker, wie viele Dosen in der kommenden Woche kommen sollen. Parey sagt: „Es ist immer weniger als bestellt.“

KV-Chef Plassmann: "Lächerliche Zahl an Impfdosen"

KV-Chef Plassmann sieht den Umgang mit den Niedergelassenen kritikwürdig: Man könne den Ärzten nicht immer erst so spät sagen, welche Zuteilung sie erhalten. „Die Ärzte müssen ihre Sprechstunden planen, die Mitarbeiter und die Logistik. Wenn sie die Sicherheit hätten, dass sie jede Woche eine feste Menge bekommen, ließe sich auch das Impftempo in den Praxen erhöhen.“ Zurzeit ist die Regelung so, dass die zur Impfung Aufgerufenen sich im Impfzentrum einen Termin machen können (über die 116 117 oder www.impfterminservice.de) oder vom Hausarzt eingeladen werden müssen.

Plassmann sagte: „Zur Unruhe in den Praxen trägt die bis dato lächerliche Zahl an Impfdosen bei. Hinzu kommt eine gewisse Undiszipliniertheit der Menschen, die natürlich doch beim Hausarzt anrufen und um einen Impftermin bitten.“ Davon kann Impfarzt Parey ein Lied singen: Regelmäßig riefen Patienten in seiner Praxis an, um zu drängeln. Erst am Montag sei 20 Anrufern eingefallen, dass sie doch unbedingt Patienten bei Parey und seinen Kolleginnen werden wollten.

„Es fehlt das Vertrauen in die Hausärzte, dass die schon wissen, wen sie zur Impfung einladen sollten. Dabei kennen wir doch unsere Patienten und ihre Krankheiten am besten.“ Bis 21 Uhr abends klingelt das Telefon. Die Praxis ist dazu übergegangen, die Impfkandidaten anzuschreiben und ihnen einen Online-Terminservice anzubieten.

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Patienten zweifeln an Astrazeneca

Parey hat das Sprechstundensystem umgestellt. Das Aufbereiten des Impfstoffes sei sehr aufwendig, auch wenn das Aufklärungsgespräch und der eigentliche Piks schnell erledigt seien. Und noch immer gebe es Diskussionen um den Wirkstoff von Astrazeneca. Das Impfprogramm hat dazu geführt, dass die große Praxis für drei Monate die Vorsorgeuntersuchungen ausgesetzt hat.

Schleswig-Holstein hat offenbar einen anderen Weg gefunden. Vier von fünf Terminen für einen Erstimpfung würden inzwischen bei Hausärzten gemacht, sagte Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP). „Wir haben aber nach wie vor nicht genug Impfstoff, um sofort allen Menschen einer Priorisierungsgruppe eine Impfung anzubieten."

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