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Schwangere mit Covid-19 auf Intensivstation im UKE

| Lesedauer: 7 Minuten
Juliane Lauterbach
Sieben schwangere Frauen mussten in den ersten Monaten dieses Jahres im UKE  wegen einer Covid-19-Infektion intensivmedizinisch behandelt werden (Symbolbild).

Sieben schwangere Frauen mussten in den ersten Monaten dieses Jahres im UKE wegen einer Covid-19-Infektion intensivmedizinisch behandelt werden (Symbolbild).

Foto: picture alliance / PantherMedia

Sieben Fälle seit Jahresbeginn. Während werdende Mütter im Ausland schon geimpft werden, bleibt die Stiko vorerst zögerlich.

Hamburg.  Es ist eine Horrorvorstellung vieler werdender Eltern: Die Schwangere infiziert sich mit dem Coronavirus, erkrankt schwer und muss auf der Intensivstation behandelt, womöglich sogar beatmet werden. Und leider ist diese Sorge nicht so abwegig, wie es zu Beginn der Pandemie oft hieß.

Denn im Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) häufen sich seit Anfang des Jahres derartige Fälle. Sieben schwangere Frauen mussten in den ersten Monaten dieses Jahres dort wegen einer Covid-19-Infektion intensivmedizinisch behandelt werden. Zum Vergleich: Im gesamten Vorjahr hatte es dort nur eine schwer an Covid-19 erkrankte Schwangere gegeben, wie der Direktor der Klinik für Intensivmedizin am UKE, Stefan Kluge, sagte.

Das Immunsystem bei Schwangeren ist herabgesetzt

Erfahrungen wie in Hamburg, aber auch Studien zeigen: Wenn sich Schwangere mit Sars-CoV-2 infizieren, kann das riskant werden. Der Grund: Das Immunsystem bei Schwangeren ist generell etwas herabgesetzt und die Sauerstoffaufnahme reduziert.

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Kurt Hecher, Leiter der Klinik für Geburtshilfe und Pränatalmedizin am UKE, erklärt: „Das Immunsystem ist herabgesetzt, damit der Körper der werdenden Mutter den Fetus nicht als fremd wahrnimmt und abstößt, sondern das fremde Gewebe toleriert.“ Das hat allerdings auch zur Folge, dass das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf erhöht ist. Und so ist die Frage naheliegend: Sollten Schwangere dann nicht einfach geimpft werden?

Schwangere hierzulande bislang in keiner Priorisierungsgruppe

Doch genau das ist in Deutschland derzeit noch nicht möglich. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die Impfung für Schwangere derzeit nur in Einzelfällen. Und so tauchen werdende Mütter hierzulande bislang in keiner Priorisierungsgruppe auf. Außerhalb von Deutschland sieht die Lage zum Teil anders aus. In mehreren anderen Ländern wird ausdrücklich auch Schwangeren die Impfung gegen Covid-19 empfohlen, in der Regel mit mRNA-Präparaten.

In Israel hatten der Frauenärzteverband sowie das Gesundheitsministerium bereits im Januar eine Empfehlung zur Impfung schwangerer und stillender Frauen gegen das Coronavirus abgegeben. Und in den USA haben sich schon mehr als 100.000 Schwangere impfen lassen. Und so ist inzwischen bekannt, dass von der Impfung auch das Baby profitiert, da die gebildeten Antikörper auch an das Ungeborene weitergegeben werden.

Häufiger auftretende lokale Impfreaktionen

Groß ist auch der Erkenntnisgewinn aus der erst kürzlich erschienen Studie im „New England Journal of Medicine“ mit Daten von mehr als 35.000 Frauen in den USA. Virologe Christian Drosten fasste das Ergebnis so zusammen: Die Impfung sei „im Prinzip kein Risiko“. Schwangere hätten aber im Vergleich zu Nichtschwangeren nach der Impfung eher häufiger lokale Impfreaktionen wie einen schmerzenden Arm. Und für die vulnerabelste Phase, das erste Schwangerschaftsdrittel, könne man aus der Studie kaum etwas ableiten.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Weiter sagte er, ein Vorgehen wie etwa in Frankreich sei anhand der jetzt vorliegenden Daten zu unterstützen. Dort zählen Schwangere ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel zu den impfberechtigten Gruppen. Auch Österreich verfährt neuerdings so. Werden diese Erkenntnisse nun Einfluss auf die Empfehlung der Stiko haben?

Die Angst vieler Schwangerer vor einer Ansteckung ist groß

Laut UKE-Professor Kurt Hecher wäre dies sehr wünschenswert. In der Praxis erlebe er oft, dass die Angst vieler Schwangerer vor einer Ansteckung groß ist. „Viele hoffen darauf, dass es bei der Frage der Impfung bald mehr Klarheit gibt“, so Hecher. Eine klare Sprache spricht auch die ganz aktuelle veröffentlichte gemeinsame Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin (DGPM), der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), der Deutschen Gesellschaft für Pränatal- und Geburtsmedizin (DGPGM) und weiteren.

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

Dort heißt es: „(...) Nach Ausschluss allgemeiner Kontraindikationen wird empfohlen, Schwangere priorisiert mit mRNA-basiertem Impfstoff gegen Covid-19 zu impfen. (...)“ Wolfgang Cremer, Vorsitzender des Hamburger Landesverbandes der Frauenärzte, betont jedoch: „Ob tatsächlich geimpft werden kann, entscheiden nicht die Verbände, sondern die Stiko. Das ist vor allen Dingen auch eine Frage der Haftung.“

Anstieg von Tot- und Frühgeburten

Auch der Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte, Christian Albring, erklärte erst vor wenigen Tagen eine Impfung aller Schwangeren für „äußerst sinnvoll“. Seiner Meinung nach ließen die Daten aus den USA und Großbritannien erwarten, dass auch die Ständige Impfkommission, die Stiko, in absehbarer Zeit die Impfung Schwangerer propagieren werde. Außerdem erlitten Schwangere mit Covid-19 prozentual häufiger schwere Krankheitsverläufe als gleichaltrige nichtschwangere Frauen.

Bei den erkrankten Schwangeren zeige sich ein Anstieg von Tot- und Frühgeburten und eine erhöhte Rate an Kaiserschnitten. „Eine von 25 erkrankten Schwangeren muss intensivmedizinisch behandelt werden. Wird hier eine Beatmung notwendig, so liegt die Sterblichkeit bei zwei Prozent“, so Albring.

Vielversprechende Daten aus den USA

Ist also eigentlich alles klar und die Stiko aus unerfindlichen Gründen einfach in diesem Fall etwas langsam? So einfach ist es vielleicht auch nicht. Denn es gibt von einigen Seiten durchaus auch Verständnis für das zögerliche Verhalten der Stiko. So sagt etwa Imke Mebes vom Hamburger Landesverband der Frauenärzte: „Schwangere unterliegen einer anderen Risikokonstellation als Nichtschwangere zum Beispiel bei der Gerinnung.

Corona: Diese Testverfahren gibt es

  • PCR-Test: Weist das Virus direkt nach, muss im Labor bearbeitet werden – hat die höchste Genauigkeit aller Testmethoden, ist aber auch die aufwendigste
  • PCR-Schnelltest: Vereinfachtes Verfahren, das ohne Labor auskommt – gilt als weniger zuverlässig als das Laborverfahren
  • Antigen-Test: weniger genau als PCR-(Schnell)Tests, dafür zumeist schneller und günstiger. Laut RKI muss ein positives Testergebnis durch einen PCR-Test überprüft werden, ein negatives Ergebnis schließt eine Infektion nicht aus, insbesondere, wenn die Viruskonzentration noch gering ist.
  • Antigen-Selbsttest: Die einfachste Test-Variante zum Nachweis einer Infektion mit dem Coronavirus. Wird nicht von geschultem Personal, sondern vom Getesteten selbst angewandt. Gilt als vergleichsweise ungenau.
  • Antikörper-Test: Weist keine akute, sondern eine überstandene Infektion nach – kann erst mehrere Wochen nach einer Erkrankung sinnvoll angewandt werden
  • Insgesamt stellt ein negatives Testergebnis immer eine Momentaufnahme dar und trifft keine Aussagen über die Zukunft

Und sollte es nach einer Impfung doch zu Problemen kommen, ist eben nicht nur ein Mensch davon betroffen, sondern automatisch immer gleich zwei.“ Aber auch Mebes hält die neuen Daten aus den USA durchaus für vielversprechend. „Wir gehen derzeit davon aus, dass absehbar auch eine Impfempfehlung für Schwangere ausgesprochen wird, was wir natürlich sehr begrüßen würden.“

Schwangere müssen sich in Deutschland vorerst noch in Geduld üben

Und was sagt die Stiko? Die beschäftige sich intensiv auch mit der Frage der Impfung von Schwangeren, teilte Marianne Röbl-Mathieu auf dpa-Anfrage mit. Sie ist die Vertreterin der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) in dem Expertengremium. Dass die Impfung nicht generell empfohlen wird, begründet sie mit bislang fehlenden Daten zu Sicherheit und Wirksamkeit.

Die Impfkommission sichte und prüfe kontinuierlich „die sich entwickelnde Erkenntnis-Lage“ und werde die Impfung Schwangerer gegebenenfalls dann allgemein empfehlen, wenn die „vorliegende Evidenz“ dies zulasse, „systematisch entsprechend Stiko-Methodik aufgearbeitet ist und die zusammenfassende Analyse eine solche Empfehlung zulässt“, hieß es. Die Frage, ob die nun vorliegenden Daten als Entscheidungsgrundlage ausreichen würden, blieb unbeantwortet. Und wann mit einer Entscheidung zu rechnen sei? „Einen konkreten Termin zu einer etwaigen Änderung können wir nicht nennen“, teilte die Pressestelle am Montag mit.

Und so müssen sich Schwangere in Deutschland vorerst noch in Geduld üben. Aber immerhin: Zum Risiko für die Kinder infizierter Schwangerer kamen positive Nachrichten aus Schweden. Wissenschaftler werteten Daten zu fast 90.000 Geburten in dem Land im ersten Pandemiejahr aus und stellten fest, dass nur sehr wenige Neugeborene von positiv getesteten Müttern ebenfalls infiziert waren. Die 21 betroffen Babys hätten mehrheitlich keine Symptome gehabt.

( mit dpa )

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