Corona

Wird in Hamburg Impfstoff nicht vollständig genutzt?

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Andreas Dey und Christoph Heinemann
Im Hamburger Corona-Impfzentrum sollen Zehntausende Impfdosen ungenutzt bleiben.

Im Hamburger Corona-Impfzentrum sollen Zehntausende Impfdosen ungenutzt bleiben.

Foto: Marcus Brandt / dpa

Offenbar wären im Impfzentrum mehr Dosen verfügbar, als tatsächlich verabreicht werden. Die Stadt weist alle Vorwürfe zurück.

Hamburg. Ein NDR-Bericht hat in Hamburg für Wirbel gesorgt, wonach im Impfzentrum der Stadt mehr als 40.000 Impfdosen „im Müll“ gelandet seien. Hintergrund ist ein Problem, über das das Abendblatt kürzlich berichtet hatte: Aus einem Fläschchen des Herstellers Biontech dürfen laut Zulassung durch die Europä­ische Arzneimittelagentur EMA sechs Dosen entnommen werden, aus denen von Astrazeneca zehn.

Mit viel Geschick können Ärzte aber auch sieben beziehungsweise elf Spritzen aus einer Viole entnehmen. Aus der Tatsache, dass das im Impfzentrum nicht Standard ist, hat der NDR errechnet, wie viel Impfstoff demnach ungenutzt entsorgt wird.

Hamburgs CDU fordert: Impfreste nutzen!

Die CDU in der Bürgerschaft forderte umgehend, die Impfreste auch zu nutzen: „Ich erwarte, dass die Wegwerfpraxis auch in Hamburg umgehend beendet wird“, sagte Fraktionschef Dennis Thering. Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) müsse die rechtlichen und organisatorischen Voraussetzungen dafür schaffen, dass auch in Hamburg die Restdosen verimpft werden können.

Diese Corona-Impfstoffe sind in Deutschland zugelassen

  • Biontech/Pfizer: Der erste weltweit zugelassene Impfstoff gegen das Coronavirus wurde maßgeblich in Deutschland entwickelt. Der mRNA-Impfstoff, der unter dem Namen Comirnaty vertrieben wird, entwickelt den vollen Impfschutz nach zwei Dosen und ist für Menschen ab zwölf Jahren zugelassen. Laut Bundesgesundheitsministerium (BMG) hat er eine Wirksamkeit von etwa 90 Prozent – das heißt, die Wahrscheinlichkeit, schwer an Covid-19 zu erkranken, sinkt bei Geimpften um den genannten Wert. Ebenfalls von Biontech stammt der erste für Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren zugelassene Impfstoff in Deutschland.
  • Astrazeneca: Der Vektorimpfstoff des britischen Pharmaunternehmens wird unter dem Namen Vaxzevria vertrieben. Aufgrund von seltenen schweren Nebenwirkungen empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko), den Impfstoff nur für Patienten zu verwenden, die älter als 60 Jahre sind. Offiziell zugelassen ist der Impfstoff aber für Menschen ab 18 Jahren. Vaxzevria weist laut BMG nach zwei Impfdosen eine Wirksamkeit von bis zu 90 Prozent in Bezug auf schwere Erkrankungen auf.
  • Moderna: Der von dem US-Unternehmen entwickelte mRNA-Impfstoff mit dem Vertriebsnamen Spikevax ist für alle ab 12 Jahren zugelassen, die Stiko empfiehlt aufgrund eines erhöhten Risikos schwerer Nebenwirkungen aber, ihn auf die Altersgruppe der über 30-Jährigen zu beschränken. Der Moderna-Impfstoff hat laut BMG eine Wirksamkeit von bis zu 90 Prozent in Bezug auf schwere Erkrankungen, wenn der volle Impfschutz nach zwei Impfdosen erreicht worden ist.
  • Johnson&Johnson: Das US-Unternehmen hat einen Vektorimpfstoff entwickelt, der bereits nach einer Impfdosis Schutz vor dem Coronavirus entwickelt. Er wird unter dem Namen Covid-19 Vaccine Janssen vertrieben. Das Präparat hat laut BMG eine Wirksamkeit von bis zu 70 Prozent bezogen auf schwere Erkrankungen – zudem ist die Zahl der Impfdurchbrüche im Vergleich zu den anderen Impfstoffen erhöht, daher empfiehlt die Stiko für mit Johnson&Johnson Geimpfte schon nach vier Wochen eine zusätzliche Impfdosis mit Comirnaty oder Spikevax, um den vollständigen Impfschutz zu gewährleisten.
  • Novavax: Das US-Unternehmen hat den Impfstoff Nuvaxovid entwickelt. der mitunter zu den sogenannten Totimpfstoffen gezählt wird. Er enthält das Spike-Protein des Covid-19-Erregers Sars-CoV-2. Dabei handelt es sich aber genau genommen nicht um abgetötete Virusbestandteile, die direkt aus dem Coronavirus gewonnen werden. Das Protein wird stattdessen künstlich hergestellt. Das menschliche Immunsystem bildet nach der Impfung Antikörper gegen das Protein. Der Impfstoff wird vermutlich ab Ende Februar in Deutschland eingesetzt und soll laut BMG in bis zu 90 Prozent der Fälle vor Erkrankung schützen.
  • Weitere Impfstoffe sind in der Entwicklung: Weltweit befinden sich diverse Vakzine in verschiedenen Phasen der Zulassung. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA prüft derzeit das umstrittene russische Präparat Sputnik V sowie die Impfstoffe der Hersteller Sinovac, Sanofi und Valneva. Der deutsche Hersteller CureVac hat seinen Impfstoff vorerst aus dem Zulassungsverfahren zurückgezogen.

Diese Forderung stieß jedoch auf massiven Widerstand. Es gebe für alle Impfstoffe eine rechtliche Zulassung, und an die halte sich die Stadt, stellte Senatssprecherin Julia Offen klar. Das bestätigte die Sozialbehörde: „Es deckt sich mit unseren Erkenntnissen, dass in Einzelfällen und unter optimalen Bedingungen sieben Dosen entnommen werden können“, sagte Sprecher Martin Helfrich. Dies müsse aber immer der jeweilige Impfarzt entscheiden und verantworten. Für eine grundsätzliche Zulassung sei eine Veränderung der Zulassung seitens der EMA erforderlich.

In Arztpraxen können mehr Impfdosen gezogen werden

SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf nannte Therings Forderung „unverantwortlich“. Bei jedem Aufziehen einer siebten Dosis bestehe „die Gefahr, dass der verabreichte Impfstoff nicht ausreicht, um die gewünschte Schutzwirkung zu entfalten“. Im NDR weist auch Dr. Dirk Heinrich, ärztlicher Leiter des Impfzentrums, auf die Verantwortung des Impfarztes hin: „Deswegen kann man hier im Impfzentrum keine siebte oder keine elfte Dosis ziehen.“ In einer Arztpraxis sei das hingegen möglich.

Der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung in Hamburg, Walter Plassman, wünscht sich daher für Fach- und Hausärzte eine Entlastung dabei, sieben Impfdosen aus einer Biontech-Flasche verimpfen zu können. „Bislang handeln die Ärzte hier außerhalb der Zulassung und müssen alle sieben betroffenen Patienten detailliert aufklären“, sagte er dem Abendblatt.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Um das Verfahren zu beschleunigen, müsste Biontech die Erweiterung der Zulassung beantragen, so Plassmann. „Warum das noch nicht geschehen ist, weiß ich nicht.“

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