Pandemie

Corona-Tragödie: "Ich habe meine Mutter auf dem Gewissen"

| Lesedauer: 10 Minuten
Vanessa Seifert
Steffi Sudheimer (r.) mit ihrer Schwester Sabine in der Kita, aus der sie Corona mit nach Hause brachte.

Steffi Sudheimer (r.) mit ihrer Schwester Sabine in der Kita, aus der sie Corona mit nach Hause brachte.

Foto: Michael Rauhe / HA

Steffi Sudheimer steckt sich bei den „Elbpiraten“ an und gibt Corona an ihre Mutter weiter. Die 81-Jährige stirbt einsam in der Klinik.

Hamburg. Was begann wie ein ganz normaler Arbeitstag, sollte in einer Tragödie enden. „Ich habe meine Mutter auf dem Gewissen“, sagt Steffi Sudheimer, und ihre Stimme bricht. „Ich war es doch, die Corona in unser Zuhause eingeschleppt hat.“

Ihre Schwester Sabine schüttelt den Kopf und tröstet. Seit Wochen schon. Doch die Schuldgefühle wollen nicht vergehen. Genauso wenig wie der Schmerz über den Verlust der Mutter. Dass diese lebenslustige Frau, 81 Jahre alt, aber ohne nennenswerte Vorerkrankungen, die den Rummel im Allgemeinen und den Hamburger Dom im Besonderen liebte, ausgerechnet in der Stunde ihres Todes – und in den Tagen zuvor auf der Intensivstation – allein sein musste, das lässt die Töchter nicht mehr schlafen.

Corona in Hamburg: Erzieherin steckte sich in Kita an

Mitte Januar machte Steffi Sudheimer wie gewohnt ihren Job, der für sie eher eine Berufung ist. Die 46-Jährige ist Erzieherin von ganzem Herzen, seit zwei Jahren kümmert sie sich um die kleinen „Elbpiraten“ in Bahrenfeld. Sie kuschelt, tröstet, liest vor und spielt. Ein Kontaktberuf in Zeiten von Abstandsregeln.

Trotz Lockdowns sind in diesen Januartagen in den bunten Räumen an der Gasstraße noch zahlreiche Kinder – und das Virus. Unsichtbar, aber gefährlich. Lautlos, aber erbarmungslos. Mehr als 80.000 Menschen hat es allein in Deutschland bisher getötet. Ingeborg-Lilly Sudheimer oder „Oma Inge“, wie sie in ihrer Nachbarschaft in Eidelstedt liebevoll genannt wurde, gehört dazu.

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Ihre Töchter wollen den Zahlen und Grafiken, die mit denen die Pandemie die Nachrichten beherrscht, ein Gesicht geben. Das ihrer Mutter. Sie wollen die Geschichte ihrer Familie erzählen, obwohl es sie unglaublich viel Kraft kostet. „Aber wenn nur einer, der Corona noch immer für eine harmlose Grippe hält, durch uns wachgerüttelt wird, dann wäre es schon gut“, sagt Sabine Sudheimer, die ältere der beiden Schwestern.

13 Erzieherinnen mit Covid infiziert – auch Steffi Sudheimer

Am 19. Januar kommt Steffi Sudheimer aus der Kita nach Hause und fühlt sich nicht gut. Der Kopf schmerzt, der Hals tut weh. Schon seit vor Weihnachten testet sie sich regelmäßig auf eigene Kosten, die Kontakte hat sie schon allein zum Schutz der Mutter, mit der die beiden Schwestern zusammenleben, stark reduziert, sie pendelt nur noch zwischen Kita, Supermarkt und der Wohnung in Eidelstedt.

Steffi Sudheimer meldet sich noch am selben Abend bei der Telefon-Hotline 116 117, einen Tag später liegt dann das Ergebnis ihres PCR-Tests vor: positiv. Auch zwölf Kolleginnen aus dem insgesamt 14-köpfigen Team und mindestens 23 Kinder sowie zahlreiche Mütter und Väter haben sich infiziert. Die Kita, in der man auf die gängigen Hygieneregeln von Lüften bis Desinfektion geachtet hatte, wird für fünf Wochen geschlossen. Es sei wie beim Domino gewesen, sagt Steffi Sudheimer. Nur eben kein Spiel.

Schwestern versuchen, die Mutter zu isolieren

Wenig später spürt auch Sabine Sudheimer, die als Gutachterin in der Kunstbranche vor Corona viel beruflich unterwegs war und daher „nur ein Zimmer“ in ihrer Heimatstadt braucht, jene Symptome, die für eine Erkältung sprechen, aber in diesen Tagen oft Covid-19 bedeuten. Gemeinsam mit ihrer Schwester Steffi, die nach einer Trennung wieder zu Hause eingezogen war, versucht sie, die Mutter in der gut 100 Quadratmeter großen Maisonette-Wohnung zu isolieren. Es soll ihnen nicht gelingen.

Am 25. Januar hustet auch Ingeborg Sudheimer. Die 81-Jährige hat Halsweh, fühlt sich schwach, ist plötzlich alarmierend kurzatmig. Die Töchter rufen den Rettungswagen, der die Mutter in die Asklepios Klinik Altona bringt. Die erkrankten Töchter dürfen ihre Mutter nicht begleiten, sie müssen natürlich die Quarantäne einhalten. Nach vier Stunden kommt die Mutter wieder nach Hause. Es gebe keinen Grund, sie in der Klinik zu behalten, heißt es.

Mutter hat Symptome: Erstaunen über die Klinik-Entscheidung

Die Töchter sind erstaunt. Und besorgt. Denn die Treppen in den vierten Stock, die ihre Mutter bisher ohne Probleme nahm, schafft sie kaum. Oben angekommen, raten sie ihrer Mutter, sich erst einmal auszuruhen. Doch sie selbst können nicht ruhen, kontrollieren immer wieder Blutdruck und Temperatur der Mutter. „So hatten wir sie einfach noch nie gesehen“, sagt Sabine Sudheimer. Der 53-Jährigen steigen Tränen in die Augen. Wegen der Trauer. Und der Wut. „Wir fühlen uns einfach total allein gelassen. Und zwar schon die ganze Zeit.“

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

Als Ingeborg Sudheimer, die seit 20 Jahren verwitwet ist und nach der Erziehung der fünf Kinder lange in einer Apotheke gearbeitet hat, weder isst noch trinkt, rufen die Schwestern die Notärztin, die am nächsten Morgen vorbeischaut. „Dann ging es ganz schnell, und unsere Mutter wurde wieder ins Krankenhaus gebracht.“ Auf die Isolierstation. Jeden Tag um 15.30 Uhr dürfen die Töchter ein paar Minuten mit dem jeweils behandelnden Arzt telefonieren.

„Die fahren mich jetzt zum Sterben“

Sie fragen immer wieder, ob sie kommen dürften. Und sei es nur, um vor der Zimmertür zu sitzen. „Wir wollten einfach in Mamas Nähe sein“, sagt Sabine Sudheimer, die die Erkrankung zu diesem Zeitpunkt überstanden hatte. Die Antwort: „Nur, wenn ihre Mutter im Sterben liegt.“ Das sei hart gewesen, sie hätten es aber als Zeichen der Hoffnung gedeutet. Wie eigentlich alles.

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Doch drei Tage später wird Ingeborg Sudheimer auf die Intensivstation verlegt. Sie ruft kurz ihre älteste Tochter an, die nicht in Hamburg lebt, und sagt kaum etwas. Außer: „Die fahren mich jetzt zum Sterben.“ Noch sieben Tage bleibt sie auf der Intensivstation, einsam, den Lebensmut hat sie verloren. „Ich weiß nicht mehr, wie ich kämpfen soll“, sagt sie ihren Töchtern am Telefon mit einer Stimme, die Steffi und Sabine fremd erscheint.

„Unsere Mutter war ja nie allein, sie hatte Mann und fünf Kinder. Als Witwe war sie dann ständig mit ihren Freundinnen unterwegs, ist zum Brunch an die Osterstraße gefahren, wo sie aufgewachsen ist, oder mit uns mal übers Wochenende nach Berlin. Sie hat ständig mit den Nachbarskindern gespielt. Dass sie ausgerechnet in ihren schwersten Stunden niemanden bei sich hatte, damit kommen wir nicht klar“, sagt Steffi Sudheimer, bei der Corona heftig verlief und die jetzt als Folge an Konzentrationsschwächen leidet.

„Heidenrespekt“ vor dem Pflegepersonal

Ausgerechnet am Valentinstag, am 14. Februar, erhalten die Schwestern den Anruf, den sie befürchtet haben. Um 22.15 Uhr sei es gewesen, die Uhrzeit werden sie genauso wenig vergessen wie das Datum. Sie könnten jetzt in die Klinik kommen, um Abschied von ihrer Mutter zu nehmen, teilt ihnen eine Schwester mit. In Schutzkleidung, mit Brillen, Visier und Gummihandschuhen dürfen sie ihre Mutter ein letztes Mal sehen.

Eigentlich nur eine Stunde lang. Doch sie verlassen das Zimmer erst gegen 0.30 Uhr. Der Pfleger sagt, er habe einfach mal vergessen, auf die Uhr zu schauen. „Diese Menschen mit Empathie, die gibt es zum Glück eben auch“, sagt Sabine Sudheimer. Und ihre Schwester fügt an, dass sie einen „Heidenrespekt“ hätten vor dem, was das Pflegepersonal in dieser Pandemie leiste.

Am 15. Februar stirbt die Mutter

Am nächsten Tag, am 15. Februar, schläft Ingeborg-Lilly Sudheimer gegen 10 Uhr für immer ein. Bei der kleinen Trauerfeier darf der Sarg nicht geöffnet sein, die Mutter nicht aufgebahrt werden. Corona-Regel. „Wir haben es immerhin noch geschafft, ihr eine Decke und ihre liebsten Kuschelsocken mitzugeben“, sagt Steffi Sudheimer, und die Tränen laufen. Ihre Mutter ist auf dem Hauptfriedhof Altona am Volkspark beigesetzt, in der Nähe ihres Mannes Konrad „Konny“ und bei Tochter Susanne, die vor 25 Jahren bei einem Unfall starb.

Warum musste alles so kommen? Warum mussten sie die Mutter auf diese Weise verlieren? Es sind diese Fragen, die sich die Schwestern jeden Tag stellen. Eine Antwort finden sie nicht. Wäre ihre Mutter doch bloß schon geimpft gewesen, denken sie manchmal. „Sie stand ja kurz davor, wir hatten uns gleich ab 27. Dezember gekümmert und schon einen Termin für sie“, sagt Sabine Sudheimer. Dass der Opfer gedacht werde, wie kürzlich mit einer zentralen Veranstaltung in Berlin, das sei ein schönes Signal. „Aber wo gibt es eine Selbsthilfegruppe für Hinterbliebene? Wo konkrete und schnelle therapeutische Hilfe?“

Unterträglich, dass Corona verharmlost wird

Für Erzieherin Steffi Sudheimer ist es unerträglich zu sehen, dass manch einer Corona immer noch verharmlost. „Wenn hier in der Kita immer noch Eltern ohne Mund-Nasen-Schutz aufs Gelände kommen oder ihre Kinder mit Fieber und Schnupfnase abgeben, dann fehlt mir dafür jedes Verständnis.“

Die beiden Schwestern sind derzeit auf der Suche nach einer neuen Wohnung, möglichst in Bahrenfeld, in der Nähe von Steffis Arbeitsplatz. Zu sehr schmerzt die Erinnerung in dem bisherigen Zuhause. „Es geht einfach nicht mehr“, sagt Sabine Sudheimer. „Alles erinnert an unsere Mutter. An die glücklichen Tage und an das Ende.“

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