Prozess in Hamburg

Mord an Brasilianer: Marco T. muss lebenslang in Haft

| Lesedauer: 6 Minuten
Bettina Mittelacher
Für den Mord an einem jungen Brasilianer hat das Hamburger Landgericht den 46 Jahre alten Angeklagten Marco T. am Donnerstag zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Für den Mord an einem jungen Brasilianer hat das Hamburger Landgericht den 46 Jahre alten Angeklagten Marco T. am Donnerstag zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Foto: picture alliance/dpa/Ulrich Perrey

Die Vorsitzende Richterin ist von der Schuld des Angeklagten überzeugt. Er soll zudem einen weiteren Mann vergewaltigt haben.

Hamburg. Über Monate pendelten sie zwischen Hoffen und Bangen. Sie fürchteten, dass ihrem Angehörigen etwas Schlimmes zugestoßen sein könnte. Und sie hofften gleichwohl, dass er lebendig und wohlauf ist. Doch schließlich, nach vier Monaten Ungewissheit, gab es für die Mutter und die Schwester des Brasilianers Matheus A. die furchtbare Bestätigung: Sie würden den 29-Jährigen nie wieder in die Arme schließen können. Der junge Mann war tot. Verantwortlich dafür ist der Hamburger Marco T., in dessen Wohnung schließlich der Leichnam des Vermissten gefunden wurde.

Zu dieser Überzeugung kam jetzt das Schwurgericht, vor dem der Fall des Verstorbenen verhandelt wurde. Die Kammer verurteilte den 46-jährigen Marco T. am Donnerstag zu lebenslanger Haft wegen Mordes.

Marco T. setzte den jungen Brasilianer erst unter Drogen

Der Angeklagte habe an dem jungen Brasilianer, den er erst wenige Tage zuvor kennengelernt hatte, in der Nacht vom 21. auf den 22. September 2019 sexuelle Handlungen vornehmen wollen. Deshalb habe er ihm in seiner Wohnung in Hamburg-Neustadt heimlich Ecstasy, Amphetamine und Kokain in potentiell tödlicher Menge in ein Getränk gemischt, um dessen Abwehr zu beeinträchtigen, so das Gericht.

„Dem Angeklagten war bewusst, dass sein Bekannter an den Betäubungsmitteln versterben könnte, und er nahm dies in Kauf“, sagte die Vorsitzende Richterin Birgit Woitas. Später in der Nacht sei es zwischen den beiden Männern zu einer körperlichen Auseinandersetzung gekommen. Eine Nachbarin von Marco T. hatte im Prozess geschildert, dass sie gegen 4 Uhr unartikulierte Schreie aus der Wohnung des 46-Jährigen gehört hatte, die dann plötzlich verstummt seien.

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Todesursache konnte nicht festgestellt werden

„Der Angeklagte wollte die Schreie unterbinden aus Angst“, dass entdeckt werden könnte, dass er ihm Betäubungsmittel verabreicht hatte, so die Richterin. „Er wirkte mit Gewalt auf den Mund des Opfers ein.“ Möglich sei, dass der 29-Jährige durch eine Überdosis verstarb, oder er sei schwer verletzt worden. „Oder er erstickte, weil er am Atmen gehindert wurde. Möglich ist auch eine Kombination aus allem.“ Was genau bei dem Opfer die Todesursache war, habe sich wegen des weit fortgeschrittenen Verwesungsprozesses nicht genau feststellen lassen.

In jedem Fall aber handele es sich um Mord — entweder, um eine andere Straftat zu ermöglichen oder um eine zu verdecken. „Wer auf jemanden, der verschiedene Drogen intus hat, körperliche Gewalt anwendet, nimmt auch in Kauf, dass der Tod eintritt.“ Am nächsten Morgen schaffte Marco T. nach Überzeugung des Gerichts den Leichnam des Brasilianers in einen weiteren Raum seiner Wohnung, den er als Gästezimmer nutzte, bedeckte den Toten mit einer Matratze und einer gipsartigen Masse.

Angeklagter versteckte den Toten über Monate in der Wohnung

Dort verblieb der Verstorbene bis zu der Entdeckung des Leichnams am 20. Januar 2020, also vier Monate nach dem Verschwinden des Opfers. Einen anderen Raum in seiner Drei-Zimmer-Wohnung vermietete Marco T. auch zu jener Zeit immer wieder an Übernachtungsgäste. So schliefen diese Besucher, ohne es zu wissen, Wand an Wand mit einem Toten.

Während der langen Zeit, die die Angehörigen von Matheus A. um dessen Leben gebangt hatten, waren insbesondere die Mutter und die Schwester des 29-Jährigen mehrfach von Brasilien aus nach Hamburg gereist, um nach ihm zu suchen. So hängten sie unter anderem Plakate mit Vermisstenanzeigen auf und organisierten Versammlungen.

Wegen des Leides, dem die Hinterbliebenen ausgesetzt waren und nach wie vor sind, bestehe dem Grunde nach ein Anspruch auf Schmerzensgeld, entschied das Gericht. Wie hoch dies sein soll, wird später festgelegt. Das Urteil zu lebenslanger Freiheitsstrafe nahm der kräftig gebaute Krankenpfleger ohne äußere Regung auf.

Marco T. missbrauchte auch einen Kollegen

Nach Überzeugung der Kammer ist Marco T. neben dem Mord eines weiteren Verbrechens überführt. Im Juli 2018, sagte die Vorsitzende Richterin, missbrauchte der 46-Jährige einen Kollegen, nachdem er dem Mann nach einer Feier heimlich ein narkotisierendes Mittel in dessen Bier geschüttet hatte und dieser wenig später bewusstlos wurde. Das Opfer wachte am nächsten Morgen nackt in der Wohnung des Angeklagten auf, und dieser führte gerade sexuelle Handlungen an dem Gast aus.

Zunächst zeigte das Opfer den Missbrauch nicht an. Doch als der Angeklagte ihm Monate später per What’s App eindeutige Fotos und Videos schickte, die er während des Missbrauchs von dem hilflosen Opfer aufgenommen hatte, und drohte, diese Bilder im Internet zu verbreiten, ging der Hamburger schließlich zur Polizei. Marco T. hatte den Mann zu einer weiteren gemeinsamen Nacht erpressen wollen.

Lebenslange Haft für Mord an Brasilianer: Marco T. bestritt Schuld

Der Angeklagte Marco T. hatte im Prozess, der insgesamt über 33 Verhandlungstage ging, bestritten, für den Tod des Matheus A. verantwortlich zu sein. Der aus Italien stammende Krankenpfleger hatte ausgesagt, der 29-Jährige habe selber Drogen eingenommen und dann ihn, den Angeklagten, massiv sexuell bedrängt. „Er packte mich.“ Dann sei der 29-Jährige allerdings „schlagartig“ ruhiger geworden. „Er fiel wie ein Stein auf mein Bett. Ich war mit den Nerven fertig.“

Er selber sei nun eingeschlafen, so der Angeklagte. „Als ich wieder wach wurde, lag er regungslos neben mir.“ Das Gesicht des Mannes sei blau angelaufen gewesen, die Lippen geschwollen. „Mir wurde schnell klar, dass er verstorben war.“ Vieles an der Aussage des 46-Jährigen sei aber widersprüchlich oder widerlegt, urteilte das Gericht.

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