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Hamburg hat keine Gipfel? Neuer Bergführer beweist Gegenteil

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Insa Gall
Für Menschen mit Weitblick: Auf dem Müllberg in Hummelsbüttel hat man beste Aussichten.

Für Menschen mit Weitblick: Auf dem Müllberg in Hummelsbüttel hat man beste Aussichten.

Foto: Andreas Laible

Eine Stadt will hoch hinaus: Ein neues Buch stellt 80 Touren zu den schönsten Erhebungen der Hansestadt vor.

Hamburg. Flacher als Hamburg geht es nicht? Falsch! Die Metropole im hohen Norden hat nicht nur die Harburger Berge und die Gipfel am Geesthang wie die Fischbeker Glatze oder den Falkenstein. Vom Doktorberg über den Energieberg bis zum Fuchsberg verfügt Hamburg über einige mehr oder weniger stattliche Erhebungen – so viele, dass es locker für einen Bergführer reicht, der norddeutsche Kraxler in 80 Touren auf die vielen bislang unentdeckten Gipfelpunkte der Hansestadt bringt.

Das jedenfalls dachte sich Autor Frank Wippermann, der als leidenschaftlicher Bergsteiger schon auf einigen 5000ern stand und sich nun auf Entdeckungsreise in die Bergwelt seiner Wahlheimat Hamburg begeben hat.

Das Buch ist informativ und auch extrem unterhaltsam

Die Idee kam ihm, als er vor fünf Jahren einen Münchner Bergführer las, der sehr ernsthaft und ziemlich staubtrocken die Münchener Hausberge beschrieb. Da Hamburg München bekanntlich nie gern in irgendetwas nachsteht, kam ihm die Idee: Das können wir auch. Und er machte sich an dieses auf den ersten Blick etwas abwegige Projekt, das er aber „mit viel Neugierde und dem Schalk im Nacken“ umsetzte, wie er selbst sagt. Heraus kam ein Buch, das nicht nur sehr informativ, sondern auch extrem unterhaltsam ist.

Denn sein Führer beschreibt nicht nur die Erhebungen, die mit viel Wohlwollen vielleicht tatsächlich als Gipfel durchgehen können, wie Hamburgs höchste Erhebung, den Hasselbrack im Süden der Stadt (116 Meter hoch), den Altonaer Balkon am Hafenrand oder den Waseberg im Hamburger Westen. Sondern er schaut auch beispielsweise in den Hamburger Berg („große Absturzgefahr!“).

Jede der Strecken wird ausführlich beschrieben

Das ist die Straße auf St. Pauli, wo zwar vor und nach Corona viel gefeiert wird, von einer Erhebung aber nichts (mehr) zu sehen ist. Und besucht den Energieberg in Georgswerder, den Besucherhügel beim Airbus-Werk in Finkenwerder oder Hamburgs neusten Berg, den von Ingenieuren entworfenen Himmelsberg im Baakenhafen.

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Dabei wird jede der Strecken ausführlich beschrieben, eine Karte gibt jeweils einen Überblick über den Tourenverlauf und ein Höhenprofil über die zu erwartenden Steigungen. Außerdem verrät ein Steckbrief Länge und Dauer der Tour, die zu bewältigenden Höhenmeter im Auf- und Abstieg sowie die Erreichbarkeit mit dem HVV. Hinweise auf grandiose Ausblicke, Einkehrmöglichkeiten und Besonderheiten am Wegesrand sowie Fotos vermitteln bei jeder Tour einen Eindruck vom Lohn des Aufstiegs.

Der Leser erfährt viel Wissenswertes

Vor allem aber erfährt der Leser auf der Tour viel Wissenswertes. Dazu zählen Anekdoten und Hintergründe, Historisches und Kulturelles bis hin zu politischen Skandalen wie den des Müllbergs in Georgswerder. Für Wippermann ist das „Heimatkunde im besten Sinne des Wortes“.

Oder wussten Sie, dass Hamburg eine mittlerweile stillgelegte Gebirgsbahn hat? Oder dass jede 30. Straße in Hamburg in irgendeiner Form einen „Berg“ im Namen führt? Im Baurs Park vor 200 Jahren zur Begrüßung einiger Schiffe Böllerschüsse aus Kanonen abgefeuert wurden? Und der Deutsche Alpenverein in Hamburg einen eigenen Kletterturm betreibt?

Wippermanns persönliche Hamburger Lieblingsberge stehen in Planten un Blomen

„Bei der Recherche bin ich in Ecken gekommen, in denen ich noch nie war – allein deshalb schon hat es sich gelohnt“, sagt der 58-Jährige, der im Hauptberuf Geschäftsführer einer Organisationsberatung ist. Deshalb funktioniert sein Führer als Inspiration für Ausflüge und minutiöse Anleitung für Wanderungen. Fast genauso gut aber kann man die unbekannten Ecken der Stadt mit ihrer Geschichte und ihren Geschichten aber auch mit dem Buch zu Hause gemütlich bei einer Tasse Kaffee entdecken.

Wippermanns persönliche Hamburger Lieblingsberge stehen in Planten un Blomen. Es sind die 1973 aus Fiberglas errichteten „Bullerberge“ auf dem großen Kinderspielplatz, benannt nach ihrem Schöpfer Wido Buller.

Angetan hat es ihm auch der Müllberg in Hummelsbüttel

Angetan hat es ihm auch der Müllberg in Hummelsbüttel, von dem man einen besonders guten Ausblick über die Stadt hat. Wer vom Kiwittredder die 86 Meter in die Höhe geklettert ist, sieht in weiter Ferne die Skyline der Stadt. Hier wurde in den 1960er-Jahren zunächst Sand abgebaut, ab 1967 wurde die Grube mit Müll verfüllt. 1982 waren so drei Müllberge in Hummelsbüttel entstanden, jeder 40 Meter hoch.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Nun wurden die Zwischenräume verfüllt und erstmals eine Dichtungsschicht aus Lehm aufgebracht, um Versickerungen zu verhindern. Denn 1986 ergaben Wasserproben eine hohe Schadstoffbelastung. 1991 wurde die Deponie nach oben ausgedehnt. Das lässt den Berg um weitere 30 Meter wachsen – nun unter verschärften Umweltauflagen.

Eine alpine Ausrüstung braucht man nicht

Und wer möchte, kann die „Seven Summits“ der Stadt, also die höchsten Gipfel der sieben Bezirke, besteigen. Aber: „Eine alpine Ausrüstung braucht man für keine der Routen“, sagt Wippermann. Aber wer alle Touren in diesem Buch absolviert hat, wird 198 Kilometer und allein bergauf mehr als 3800 Höhenmeter hinter sich gebracht haben.

Nächste Folge: Waseberg, Hamburger Berg, Hasselbrack, Altonaer Balkon

Der „Bergführer Hamburg. 80 Touren und 89 Gipfel“ ist im Junius-Verlag erschienen und kostet 16,80 Euro (ISBN 978-3-96060-537-9). Die Touren sind ausführlich anhand von Karten beschrieben. Der Bergführer ist erhältlich im Buchhandel und auf abendblatt.de/shop

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