Pandemie

Corona-Quarantäne: 120 Obdachlose in Niendorf isoliert

| Lesedauer: 4 Minuten
Christoph Heinemann, Michael Arning und André Zand-Vakili
Wachleute vor dem Eingang zum Quartier an der Schmiedekoppel. 120 Obdachlose wurden am Sonntag dorthin gebracht.

Wachleute vor dem Eingang zum Quartier an der Schmiedekoppel. 120 Obdachlose wurden am Sonntag dorthin gebracht.

Foto: Michael Arning

Nach 42 Infektionen in einer Notunterkunft leben die Bedürftigen jetzt an der Schmiedekoppel. Die Quarantäne ist heikel.

Hamburg. Alle 20 Meter ein Wachmann, sie tragen Schutzanzüge in Blau und Weiß. Die Zäune sind mit Netzen verhängt. Niemand aus der Quarantäne darf raus, niemand rein, eigentlich. An diesem Montagnachmittag wirft dennoch ein hagerer Mann sein Handy aus einem Fenster der Containeranlage und geht hinterher in Richtung Schleuse. Die Wachleute zögern einen Moment. Sollen sie ihn einfangen? „Dann lasst ihn doch“, ruft schließlich ihr Chef über den Hof. Der Mann kehrt von selbst bald zurück. Wieder ist es ruhig, für den Moment.

Quarantäne für 120 Hamburger Obdachlose

Die kleine Anhöhe in Niendorf wirkt in diesen Tagen wie eine Festung. 120 Obdachlose aus dem Winternotprogramm wurden am Sonntag nach insgesamt 42 Corona-Fällen in der regulären Unterkunft in Hammerbrook nun zur Schmiedekoppel gebracht. Für zwei Wochen sollen sie in Quarantäne bleiben.

Zuletzt kündigte die Sozialbehörde an, dass alle Bedürftigen zu Wochenbeginn erneut auf eine Covid-19-Infektion getestet werden sollen. Zu jedweden Details hielt sich eine Sprecherin am Montag auf Nachfrage bedeckt. Es gebe derzeit keinen neuen Stand zu vermelden. Nur so viel: „Zum jetzigen Zeitpunkt musste keiner der bestätigten Infizierten Menschen in ein Krankenhaus gebracht werden“, so eine Sprecherin. Auch Todesfälle habe es nach den 42 Infektionen nicht gegeben.

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Corona-Quarantäne: Polizei rechnete mit Widerstand

Die Quarantäne für die Obdachlosen ist heikel. Schon an der Friesenstraße in Hammerbrook, wo die Bedürftigen jederzeit vor die Tür gehen können, kommt es häufiger zu Geschrei oder kleineren Streitereien. Unter den Bewohnern sind Drogensüchtige und schwer alkoholabhängige „Pegeltrinker“, die einen Entzug körperlich kaum verkraften. Genauso wie Tagelöhner aus Osteuropa, auch jüngere Frauen. Sie alle mussten sehr kurzfristig in die Unterkunft von Fördern & Wohnen, die einst teilweise auch für den Fall einer erneuten Flüchtlingskrise erhalten und weiterbetrieben wurde. Angrenzend unterhält Mercedes ein großes Gelände, daneben liegen der Baseballplatz der Hamburg Stealers und das Trainingsgelände des FC St. Pauli.

Die Polizei hatte für die Aktion am Sonntag Beamte in Schutzanzügen bereit gestellt, denn es wurde mit Widerstand durch Bewohner gerechnet. Am Tag vor der Verlegung hatten nach Abendblatt-Informationen noch mehrere der positiv getesteten Bewohner und ihre Kontaktpersonen sich gegen die Verlegung aufgelehnt und in der Einrichtung randaliert. Insgesamt war die Polizei mit etwa einem Dutzend Beamten im Einsatz.

Fördern & Wohnen: Versorgung der Obdachlosen ist sichergestellt

Am Sonntag konnten dann aber alle Personen aus der Unterkunft umquartiert werden. Die Feuerwehr brachte die Bewohner in fünf Kolonnenfahrten ohne Zwischenfälle in die Unterkunft in Niendorf. Eingesetzt wurden dabei neben einem Großraumrettungswagen auch mehrere Mannschaftstransporter.

Die Sprecherin von Fördern & Wohnen, Susanne Schwendtke, wollte sich am Montag nicht dazu äußern, wie etwa mit schwerst alkoholsüchtigen Obdachlosen in der Quarantäne umgegangen werde. „Es ist sichergestellt, dass sie eine Versorgung erhalten und die Quarantäne eingehalten werden kann“, sagt Schwendtke. Im Normalfall an der Friesenstraße werden Alkohol – und auch Waffen – allen Bedürftigen am Eingang abgenommen. In Einzelfällen darf aber draußen ein Schluck getrunken werden, um nicht zu kollabieren.

Am Montag blieb im Quarantänequartier alles ruhig

Nach Abendblatt-Informationen blieb die Lage im Quarantänequartier am Montagnachmittag ruhig. Die Linke in der Bürgerschaft hatte den Ausbruch im Winternotprogramm als vorhersehbar kritisiert und bereits zuvor die stärkere Unterbringung von Obdachlosen in Hotels gefordert. Stadt und Bezirke hatten dagegen größtenteils auf die bestehende Hilfsstruktur und zusätzliche Angebote verwiesen.

Wie das Bezirksamt Mitte gestern mitteilte, bleiben nun etwa drei Duschcontainer vor dem Millerntor-Stadion auf St. Pauli noch bis zum 31. Mai bestehen. „Wie notwendig dieses Projekt ist, belegen die Zahlen: Mehr als 1.200- mal wurde dieses vom Bezirk initiierte Angebot bisher genutzt“, hieß es dazu.

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