Jüdisches Leben

Warum alle Hamburgs ersten Antisemitismusbeauftragten loben

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Peter-Ulrich Meyer
Der neue Antisemitismusbeauftragte Stefan Hensel am Dienstag im Hamburger Rathaus.

Der neue Antisemitismusbeauftragte Stefan Hensel am Dienstag im Hamburger Rathaus.

Foto: Roland Magunia / HA

Nach langer Suche ist Stefan Hensel zum Beauftragten für Antisemitismus bestellt worden. Welche Ziele der Pädagoge verfolgt.

Hamburg.  Nach langer Suche hat der Senat Stefan Hensel, den Vorsitzenden der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), am Dienstag zum Antisemitismusbeauftragten berufen. Die jüdischen Gemeinden hatten den 40 Jahre alten Hensel vorgeschlagen, dessen Amtszeit am 1. Juli beginnen soll und drei Jahre beträgt. Der Antisemitismusbeauftragte arbeitet ehrenamtlich und erhält eine kleine Geschäftsstelle.

Hensel hat eine enge Beziehung zu Israel und mehrere Jahre dort gelebt. Der Pädagoge steht seit 2014 an der Spitze der DIG Hamburg und ist außerdem Geschäftsführer eines Bildungsträgers und Vorsitzender einer Stiftung, die Austauschprojekte zwischen deutschen und israelischen Kindern und Jugendlichen organisiert.

Hensel: "Jüdisches Leben sichtbarer machen"

„Gemeinsam mit anderen Hamburgerinnen und Hamburgern sowie Institutionen und Initiativen werde ich daran arbeiten, jüdisches Leben in unserer Stadt sichtbarer und verständlicher zu machen“, sagte Hensel bei seiner Vorstellung in der Landespressekonferenz.

„Ebenso wird die gezielte Bekämpfung antisemitischer Bestrebungen in unserer Stadt sowie die damit verbundene Präventionsarbeit ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit sein“, so Hensel. Es gehe ihm insbesondere darum, Gespräche und Dialoge zwischen unterschiedlichen Bürgerinnen und Bürgern zu ermöglichen.

Fegebank und Tschentscher loben Hensel

„Stefan Hensel ist exzellent vernetzt und hat tolle Ideen, um gerade Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen jüdisches Leben näherzubringen und nicht nur Verständnis, sondern auch Begeisterung für die jüdische Kultur zu wecken. Vorurteile, Stereotype oder gar Hass gegen Hamburger jüdischen Glaubens gilt es entschieden zu bekämpfen“, sagte Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne), als Gleichstellungssenatorin im Senat auch für die Förderung jüdischen Lebens zuständig.

„Antisemitismus und Diskriminierung haben keinen Platz in unserer demokratischen Stadtgesellschaft. Ich danke Herrn Hensel, dass er das Amt übernimmt und sich damit auf besondere Weise für Toleranz und gegen Antisemitismus einsetzt“, sagte Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD).

Jüdische Gemeinde erinnert an Anschlag

„Herr Hensel kennt uns, unsere Traditionen und unsere Einrichtungen wie die Joseph-Carlebach-Schule, das Landesrabbinat, die Synagoge Hohe Weide, die Reformsynagoge, das Jugendzentrum und den Jüdischen Friedhof“, sagte Philipp Stricharz, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde. „Es geht ihm darum, nicht nur durch Worte, sondern durch Taten das Judentum in Hamburg voranzubringen und Neues aufzubauen.“

Die Jüdische Gemeinde habe viele Erfolge feiern können, aber es habe auch Rückschläge gegeben. Stricharz erinnerte an den antisemitischen Anschlag eines 29 Jahre alten Mannes auf einen jüdischen Studenten in der Nähe der Synagoge Hohe Weide im Oktober vergangenen Jahres.

Liberale Gemeinde vertraut auf Hensel

Auch die Liberale Jüdische Gemeinde begrüßte die Berufung Hensels zum Antisemitismusbeauftragten. „Unsere Gemeinde wünscht ihm viel Erfolg und hofft auf ein stets offenes Ohr. Er hat unser Vertrauen, und wir freuen uns auf das gedeihliche Miteinander“, sagte Galina Jarkova, die Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde.

„Wir freuen uns auf eine gute Zusammenarbeit. Es ist unerlässlich, dass der Senat die Maßnahmen, die er auf der Grundlage des Ersuchens der Bürgerschaft in seiner Landesstrategie zur Bekämpfung des Antisemitismus ankündigte, konsequent und umfassend umsetzt. Dazu muss er die Arbeit des Antisemitismusbeauftragten mit aller Kraft unterstützen“, sagte Dennis Gladiator, innenpolitischer Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion. Sicheres jüdisches Leben müsse „in unserer Mitte zu jederzeit und überall möglich sein“.

SPD und Grüne begrüßen Hensel-Wahl

„Hamburg steht klar gegen jede Form des Antisemitismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Der Antisemitismusbeauftragte ist ein zentrales Amt für unsere Stadtgesellschaft: Initiativen gegen Antisemitismus können über ihn künftig besser vernetzt und damit auch sichtbarer und wirksamer gemacht werden“, sagte SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf.

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„Die Berufung von Stefan Hensel zum neuen Antisemitismusbeauftragten ist ein starkes Signal für Hamburg. Er hat durch sein großes Engagement in Hamburg gezeigt, dass er für das Thema leidenschaftlich eintritt, innovative Ideen verfolgt sowie bestens vernetzt und anerkannt ist“, sagte Michael Gwosdz, religionspolitischer Sprecher der Grünen-Bürgerschaftsfraktion.

Berufung Mansours scheiterte am Geld

Bereits im Dezember 2019 hatte die Bürgerschaft die Bestellung eines Antisemitismusbeauftragten beschlossen – ein Amt, das in 13 der 16 Bundesländer und im Bund schon existiert. Die Suche gestaltete sich schwierig, und ein erster Versuch scheiterte. Ahmad Mansour, Psychologe und Autor mehrerer Bücher über Antisemitismus, Rassismus und Islamismus („Generation Allah“) wäre ein Beauftragter mit internationaler Ausstrahlung gewesen.

Doch die Berufung Mansours, der für seine provokative Thesen bekannt ist, scheiterte am Geld. Mansour soll einen nicht geringen sechsstelligen Betrag jährlich für sich gefordert haben. Der ehrenamtlich tätige Beauftragte erhält dagegen nach dem Willen der Bürgerschaft lediglich eine Aufwandsentschädigung. Ein Schwerpunkt der Arbeit soll die Aufklärungs- und Bildungsarbeit in Schulen sein.

Landesrabbiner Shlomo Bistritzky zum Anschlag in Hamburg (Oktober 2020):

Landesrabbiner Shlomo Bistritzky zum Anschlag in Hamburg
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