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Hamburgs Abiturienten stehen vor ihren großen Prüfungen

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Laurena Erdmann
Hamburger Abiturienten werden in diesem Jahr auch in Aulen und Turnhallen Klausuren schreiben.

Hamburger Abiturienten werden in diesem Jahr auch in Aulen und Turnhallen Klausuren schreiben.

Foto: dpa

Am Margaretha-Rothe-Gymnasium und an vielen anderen Schulen laufen die Vorbereitungen auf Klausuren unter erschwerten Bedingungen.

Hamburg. Leichter Wind weht durch das Klassenzimmer. Sowohl die Tür als auch das Fenster stehen sperrangelweit auf, um mit dem Durchzug die Viren zu vertreiben. Draußen hagelt es, drinnen wickeln sich die Schülerinnen und Schüler den Schal noch enger um den Hals. Im Raum ist es deutlich ruhiger als sonst. Kein Geschrei, kein Geflüster hinter vorgehaltener Hand. Zu hören ist nur das leise, beständige Rauschen des Smart­boards. An der Wand hängt ein Plakat, das bedeutende Naturwissenschaftlerinnen zeigt.

Es ist Mittwoch, die fünfte Stunde. Der Abiturjahrgang am Margaretha-Ro­the-Gymnasium hat Biologieunterricht. Genauer gesagt: Zwei Schülerinnen und ein Schüler sitzen im Biologieraum. Sie sind die Einzigen aus diesem Kurs, die sich Ende April im Abitur den Biologieaufgaben stellen werden.

Abiturjahrgang des Margaretha-Rothe-Gymnasiums wurde in zwei Gruppen aufgeteilt

Um das Risiko einer Infektion zu senken, müssen nur sie zum Unterricht erscheinen, nicht aber ihre Mitschüler. Seit der Wiederöffnung der Schulen nach dem Winter-Lockdown wurde der Abiturjahrgang des Margaretha-Rothe-Gymnasiums in zwei Gruppen aufgeteilt. „Die eine Gruppe hat drei Tage die Woche Schule, die andere Hälfte zwei Tage. In der nächsten Woche ist es dann wieder andersherum“, erklärt Mert, einer der diesjährigen Abiturienten.

Jetzt haben sie vor Ort Zeit, ihre Fragen zu besprechen, die während des Lernens zu Hause aufgekommen sind. Es geht um Genetik und den genauen Unterschied zwischen Mitose und Meiose. Sie gehen eine alte Abituraufgabe durch. Es ist nicht mehr lange hin, bis ihnen ab 23. April ihre eigenen Abitur-Aufgaben ausgehändigt werden.

Regeln des Hygieneplans müssen eingehalten werden

Sowohl bei den drei schriftlichen Prüfungen als auch bei der mündlichen Prüfung müssen die Regeln des Hygieneplans eingehalten werden. Diese sehen unter anderem vor, dass „Schülerinnen und Schüler in allen Prüfungen, Präsentationen und Klausuren die Maske abnehmen dürfen, wenn ein Mindestabstand von 1,50 Metern eingehalten werden kann“, wie es die 11. Fassung des Muster-Corona-Hygieneplans für alle Hamburger Schulen festlegt. Geschrieben wird teilweise auch in Aulen und Sporthallen. Zudem dürfen die Schüler natürlich keine coronatypischen Krankheitssymptome haben, wenn sie an den Prüfungen teilnehmen.

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Beim Inhalt dieser Prüfungen gibt es in diesem Jahr einige coronabedingte Erleichterungen: Die Themen wurden weiter eingegrenzt als üblich, und die Schüler/-innen haben für deren Bearbeitung eine halbe Stunde länger Zeit. Darüber hinaus sollen die Lehrkräfte „die generellen sowie die speziellen Einschränkungen des Unterrichts bei der Korrektur der schriftlichen Abiturprüfungen dort berücksichtigen, wo es entsprechende Spielräume in der Bewertung gibt“, wie Schulbehördensprecher Peter Albrecht sagt.

Viele Schülerinnen und Schüler fühlen sich von der Politik im Stich gelassen

Mert findet, dass „mehr Zeit uns nicht sonderlich viel bringt. Gut ist allerdings, dass wir für weniger Themen lernen müssen.“ Ansonsten fällt sein Urteil über das Agieren der Politik hart aus: „Ich habe das Gefühl, dass die Politik mit der Situation überfordert ist“, sagt er. „Sie tut einiges, was keinen Sinn ergibt, oder trifft Entscheidungen zu spät. Viele von uns fühlen sich im Stich gelassen.“

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Auf die anstehenden Prüfungen fühlt er sich unterschiedlich gut vorbereitet. „Bei Bio mache ich mir weniger Sorgen, da es viel um das Erkennen von Zusammenhängen geht. Aber in Fächern wie Deutsch oder Englisch fehlen die Diskussionen, die man ansonsten im Unterricht gehabt hätte und somit auch andere Perspektiven.“

Anspannung und Unsicherheit

Eine gewisse Anspannung ist greifbar, wie es wohl immer kurz vor dem Abitur ist. Doch hinzu kommt Unsicherheit. Sie ist durch die Debatte um einen möglichen Wegfall der Abiturprüfungen verstärkt worden, die die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) losgetreten hatte. Nicht nur Schulsenator Ties Rabe (SPD) lehnt dies ab. Auch von der Schüler/-innen- und der Elternkammer kam Widerspruch, ebenso wie vom Landesverband der GEW.

Die Abiturientin Tara ist froh, dass die Prüfungen stattfinden. „Die Alternative wäre das Durchschnittsabitur gewesen. Dadurch, dass dann alle Noten miteinbezogen werden, wäre es schwieriger, einen guten Abiturschnitt zu erreichen. Schließlich verbessern sich manche auch durch die Prüfungen.“

Feiern fallen aus, Kleider werden trotzdem gekauft

Nach den Prüfungen folgt für viele Abiturienten eine weitere Zeit der Ungewissheit – und auch groß gefeiert darf in diesem Jahr – wie schon im Vorjahr – wieder nicht werden. „Der Abiball findet nicht statt“, erzählt Tara.

„Im Herbst hatten wir zwar noch Hoffnungen, dass wir einen normalen Abschluss mit Abi­ball und allem haben würden, aber früh hieß es dann, dass wir uns von dem Gedanken verabschieden müssen. Deshalb haben wir auch keine Location gebucht, worüber wir jetzt natürlich auch froh sind. Aber Freundinnen und ich wollen uns trotzdem Kleider kaufen und dann im kleineren Kreis feiern, sobald Corona es zulässt.“

Zeugnisverleihung soll es geben

Eine Zeugnisverleihung soll es geben, aber Schüler und Lehrer wissen noch nicht, wie diese gestaltet wird. „Doof wäre es, die Zeugnisse nur mit der Post zu bekommen“, so Tara. „Wenn es möglich sein wird, werden wir uns in unsere Tutorgruppen aufteilen und so unsere Zeugnisse bekommen.“

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

Und danach? Auch für die diesjährigen Abiturienten ist es schwierig zu planen, was nach der Schule kommt. Schließlich werden weniger Praktikumsplätze angeboten, und bei vielen geplanten Auslandsaufenthalten ist nicht einzuschätzen, ob eine Einreise möglich sein wird. Auch Taras Pläne wurden durch die Pandemie durchkreuzt.

Viele wissen nicht, was nach dem Abitur kommt

„Ich wollte für ein Jahr nach Australien gehen. Dort hätte ich in einer Anwaltskanzlei arbeiten können, was eine super Erfahrung gewesen wäre, weil ich Jura studieren möchte.“ Nun muss sie sich etwas Neues überlegen. Mert hingegen hat etwas mehr Glück.

„Ich habe mich schon früh auf Corona eingestellt und dann beschlossen, mich auf einen Ausbildungsplatz zu bewerben, den ich auch bekommen habe.“ Auch wenn viele nicht wissen, was nach dem Abitur kommt: Erleichtert werden sie trotzdem sein, wenn sie es geschafft haben.

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