Prozess

Tod von Hamburger Zielfahnder: Anklage fordert lange Haft

| Lesedauer: 6 Minuten
Bettina Mittelacher
Bei einer Festnahmeaktion in Hamburg-Lurup war ein Zielfahnder schwer verletzt worden. Er starb später im Krankenhaus. Der Angeklagte (l) und seine Verteidigerin (2. v. l.) im Gerichtssaal (Archivbild).

Bei einer Festnahmeaktion in Hamburg-Lurup war ein Zielfahnder schwer verletzt worden. Er starb später im Krankenhaus. Der Angeklagte (l) und seine Verteidigerin (2. v. l.) im Gerichtssaal (Archivbild).

Foto: Georg Wendt / picture alliance/dpa

Bei einer Festnahmeaktion in Lurup war Zielfahnder Klaus-Ulrich H. schwer verletzt worden. Er starb später im Krankenhaus.

Hamburg. Für einen kurzen Moment scheint Zielfahnder Klaus-Ulrich H. wieder lebendig. Es geschieht durch die Worte seines Sohnes, der einen Einblick in die Welt seines Vaters gibt, in dessen Gemüt, dessen Werte und dessen Einstellung zum Leben.

„Er wollte die Welt anfassen und etwas bewegen“, sagt Malte H. über den Polizisten, der im Alter von 57 Jahren gestorben ist – nach einem schweren Verkehrsunfall, bei dem der Zielfahnder in seinem Wagen von einem anderen Auto gerammt und so massiv verletzt worden ist, dass er für den Rest seines Lebens in einem bewegungsunfähigen Körper gefangen gewesen wäre. Ein entsetzliches Schicksal aus Sicht des Opfers. Unerträglich.

Zielfahnder Klaus-Ulrich H. starb nach Verkehrsunfall

Während der Sohn über den Vater spricht, Worte voller Wärme und Wertschätzung, blickt der Angeklagte Mahmut H. nachdenklich zu Boden, vielleicht auch betrübt und ergriffen. Zum Prozessauftakt hatte der 30-Jährige gesagt, er bedaure das Geschehen zutiefst.

Der vielfach vorbestrafte junge Mann hatte am 25. Februar vergangenen Jahres, als er festgenommen werden sollte, mit einer Luxuslimousine das Einsatzfahrzeug des Hamburger Zielfahnders Klaus-Ulrich H. gerammt. Zuvor hatten als Kaufinteressenten für ein Auto getarnte Zivilfahnder den Verdächtigen in ein Gespräch verwickelt.

Angeklagter gab mit Auto plötzlich Gas

Einer der Beamten sprang im Rahmen des Einsatzes durch die Beifahrertür zu Mahmut H. ins Auto, woraufhin dieser laut Anklage plötzlich Gas gab, eine enge Wende über die Fahrbahn vollzog und dann frontal mit dem zivilen Dienstfahrzeug kollidierte, in dem Zielfahnder H. am Steuer saß.

Wegen dieses Unfalls muss sich Mahmut H. wegen Körperverletzung mit Todesfolge vor dem Schwurgericht verantworten. Das Opfer starb acht Tage nach der Kollision. Er hatte eine extrem hohe Querschnittslähmung erlitten und nie wieder das Bewusstsein erlangt.

„Die Ärzte erklärten uns, dass er vollständig gelähmt ist“

„Die Ärzte erklärten uns, dass er vollständig gelähmt ist“, erzählt nun der Sohn des 57-Jährigen im Prozess. Auch denken und sprechen „wäre wohl nicht mehr möglich. Wir alle wussten, dass unser Vater nicht still sitzen konnte“, sagt Malte H.

Sein Vater, ein „verantwortungsbewusster und lebensfroher Mensch“, habe immer gesagt, wenn so ein Fall eintrete, mit schwersten Verletzungen, die ihn zu einem bewegungslosen Dasein verdammen würden, „würde er nicht mehr leben wollen. Ich hatte keine Wahl: Ich musste seinen Wunsch respektieren.“ Die lebenserhaltenden Maschinen wurden abgeschaltet.

Angeklagter gab an, in Panik gehandelt zu haben

Wird die Beatmung eines Menschen eingestellt, werden begleitend narkotisierende Medikamente eingesetzt. Auch wenn der Angeklagte vor dem Schwurgericht sein Bedauern über den Tod des Polizisten zum Ausdruck gebracht hat: Dass der seinerzeit mit mehreren Haftbefehlen gesuchte Mahmut H. aufs Gaspedal trat, als plötzlich ein Mann durch die Beifahrertür in sein Auto sprang, hatte der 30-Jährige zum Prozessauftakt so begründet: „Ich dachte, es sei ein Überfall von Rockern gewesen“, meinte der ebenfalls wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis angeklagte Mann.

Deshalb habe er in Panik gehandelt und habe einfach nur entkommen wollen. Den Crash seines VW-Phaeton mit dem BMW habe er nicht gewollt. Ob man ihm nun „allen Ernstes“ den Tod eines Polizisten „anhängen“ wolle?

„Abgesprochen war: Auf keinen Fall am Auto festnehmen“

Tatsache ist: Es hat bei der Festnahme eine erhebliche Panne gegeben. „Abgesprochen war: Auf keinen Fall am Auto festnehmen“, hatte ein Polizist als Zeuge gesagt. Statt dessen geschah genau das, eine Festnahme am Wagen – verursacht durch ein Missverständnis unter den beteiligten Polizisten.

„Das ist hier deutlich schiefgegangen“, hatte einer der Einsatzkräfte als Zeuge im Prozess formuliert. Darauf, dass es einen Fehler der Polizei gegeben hatte, hatte die Verteidigung im Laufe des Verfahrens wiederholt hingewiesen. Und auch darauf, dass der letztlich getötete Polizist nicht angeschnallt gewesen ist. Doch dies sei ausdrücklich vom Gesetz gedeckt, betont der Staatsanwalt in seinem Plädoyer.

Polizist war im Auto nicht angeschnallt

In der Straßenverkehrsordnung ist geregelt, dass Polizisten in bestimmten Situationen von der Anschnallpflicht befreit sind. Eine solche Ausnahmesituation habe hier vorgelegen, so der Ankläger. Allerdings habe es wohl auch ein Fehlverhalten der an der Festnahme beteiligten Itzehoer Polizei gegeben.

Der Staatsanwalt bezeichnet die Ereignisse vom 25. Februar vergangenen Jahres als „Katas­trophe mit tragischer Komponente“. Es sei sei aber auch eine „Katastrophe, die seit Jahren im Raum stand“. Das Leben des Angeklagten sei geprägt gewesen vom Schuldenmachen und der Begehung von Straftaten.

„Sie haben Vollgas gegeben, um durchzubrechen“

Er sei, als etliche Haftbefehle gegen ihn vorlagen, untergetaucht und habe Spuren verwischt, indem er unter falschem Namen auftrat. Dass Mahmut H. nun, im Moment der Festnahme, Gas gegeben habe, sei „kein Reflex“ gewesen. „Sie haben Vollgas gegeben, um durchzubrechen“, sagt der Staatsanwalt an die Adresse des Angeklagten. Diesem sei bewusst gewesen, dass er so einen Unfall verursachen könne. „Sie haben zu keinem Zeitpunkt versucht, diesen Unfall zu vermeiden.“

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Nach Überzeugung des Staatsanwalts trägt der Angeklagte die Verantwortung für den Tod des Polizisten. Dass letztlich die Beatmung des Opfers eingestellt wurde, enthebe Mahmut H. nicht davon. Laut einer Entscheidung höchster Gerichte muss ein so schwer Verletzter das Recht haben, den Entschluss zu fassen, lebenserhaltende medizinische Geräte abschalten zu lassen, erklärt der Staatsanwalt.

Mahmut H. sei deshalb wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu bestrafen, so der Ankläger, der eine Gesamtfreiheitsstrafe von sieben Jahren fordert. Am 16. April soll die Verteidigung plädieren. Ein Urteil wird für den 21. April erwartet.

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