Besuchsverbote

Wie Seelsorger Corona-Kranken in Hamburg helfen

| Lesedauer: 5 Minuten
Edgar S. Hasse
Corona-Seelsorger im Gespräch: Pastor Andreas Fraesdorff (links) und Pastor Michael Rohde.

Corona-Seelsorger im Gespräch: Pastor Andreas Fraesdorff (links) und Pastor Michael Rohde.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

In der Pandemie sind die Geistlichen oft die einzige Verbindung zwischen einem Patienten und seinen Angehörigen. Ein wichtiger Job.

Hamburg. Ein Mann, 80 Jahre alt, liegt im Bundeswehrkrankenhaus. Corona. Weil alle Kliniken aus infektiologischen Gründen Besuchsverbot verhängt haben, kann er keine Angehörigen empfangen. Schlimmer noch: Seine Frau ist gerade ins Altenheim gekommen. Der Patient sorgt sich um sie fast noch mehr als um sein eigenes Leben.

Da tritt im Bundeswehrkrankenhaus der Militärgeistliche Michael Rohde (47) in sein Krankenzimmer. Er trägt die gängige Schutzkleidung, Kittel, Schutzbrille, FFP2-Maske, doppelte Handschuhe, Schutzhaube. Militärdekan Rohde legt ein Tablet auf den Nachttisch des Patienten. Es gehört neuerdings zur festen Grundausstattung der Krankenhausseelsorge im Bundeswehrkrankenhaus.

Hamburger Klinikseelsorger kümmern sich um Patienten

Mit diesem digitalen Endgerät stellt er eine Verbindung zum privaten Smartphone einer Altenpflegerin her. Sie sitzt gerade am Bett der neuen Bewohnerin. Und endlich kann das Ehepaar miteinander sprechen und sich dabei auch noch sehen. Was für ein Glück in schweren Tagen!

Wie gute Geister kümmern sich die kirchlichen Klinikseelsorger in Corona-Zeiten um ihre Patienten. Die Pandemie hat auch ihren Berufsalltag stark verändert. Geblieben aber ist, dass ihr Rat und ihre Hilfe bei Patienten, Angehörigen und Krankenhauspersonal mehr denn je gefragt ist.

Brückenbauer zwischen Patienten und Angehörigen

Die Seelsorgerinnen und Seelsorger spenden Trost, beten am Bett, stehen für Supervisionen der Mitarbeitenden bereit und begleiten Sterbende. Mehr denn je werden sie nun zum Brückenbauer zwischen Patienten und ihren Angehörigen.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

An einem kalten, windigen Apriltag trifft Militärdekan Rohde an der Außenalster auf einen Kollegen von der Asklepios Klinik St. Georg. Es ist Andreas Fraesdorff­ (58) vormals Pastor in Hamburg-Großlohe und seit mehr als acht Jahren evangelischer Krankenhausseelsorger in St. Georg. Beide tragen FFP2-Masken und halten Distanz. Nur für das Foto werden sie abgenommen.

Seelsorger gegen Corona geimpft

Die Theologen, inzwischen gegen Covid-19 geimpft, tauschen sich an der frischen Luft darüber aus, wie Corona ihren Berufsalltag verändert hat. „Wir sind zu Boten, Vermittlern zwischen Patienten und ihren Angehörigen geworden“, sind sich beide schnell einig.

Weil seit November vergangenen Jahres ein Besuchsverbot in den Kliniken mit nur ganz wenigen Ausnahmen gilt, fühlen sich viele Patienten einsam und verlassen von ihren Lieben. Zwar sind Ärzte rund um die Uhr für sie da, und das medizinische Personal pflegt, unterstützt und umsorgt, meistens unter Zeitdruck. Aber es gibt kaum Gelegenheit für Gespräche, für Zuhören und Zuwendung. „Das medizinische Personal will immer etwas von den Patienten. Blut abnehmen, messen, waschen“, sagt Michael Rohde. „Wenn wir Klinikseelsorger kommen, werden sie in Ruhe gelassen. Wir haben Zeit für sie. Das ist unsere Aufgabe.“

Pflegekräfte haben nur für kurze Auskünfte Zeit

Neu ist wie gesagt, dass die Seelsorger seit der Corona-Pandemie zunehmend eine Brücke zwischen Angehörigen und Patienten werden. Weil sonst kein anderer dafür Zeit hat, zumal die ehrenamtlichen Mitarbeiter in der Krankenhausseelsorge nicht im Einsatz sein dürfen.

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„Wir sprechen mit den Patienten genauso wie mit den Angehörigen“, sagt Andreas Fraesdorff. Während die Pflegekräfte meist nur Zeit für kurze Auskünfte zum Gesundheitszustand haben, können die Seelsorger oft mehr sagen: „Zum Beispiel, dass der Kranke wieder seinen eigenen Schlafanzug trägt“, sagt Pastor Fraesdorff. „Das setzt innere Bilder bei den Angehörigen frei, und die emotionale Brücke ist über alle Distanz hinweg geschlagen.“

Seelsorger handeln erst bei Gesprächswunsch

Anders als vor Corona-Zeiten gehen die Seelsorgenden nicht mehr von Station­ zu Station, um den einen oder die andere zu sprechen. „Heute handeln wir ausschließlich nach einer konkreten Anforderung, beispielsweise bei einem Gesprächswunsch eines Patienten. Die aufsuchende Seelsorge gibt es momentan nicht“, sagt der Seelsorger von St. Georg.

Musste Andreas Fraesdorff bislang keine akuten Corona-Patienten betreuen, sind es bei Militärdekan Rohde im Bundeswehrkrankenhaus bereits rund 40. Mit Schutzkleidung tritt er in die Isolierzimmer. Das schafft Distanz. Die Patienten erzählen von ihren Ängsten, der Atemnot, ihren Sorgen um die Zukunft. Gemeinsam reflektieren sie die Ängste. Gebete können genauso ermutigen wie christliche Lieder.

Sterbende wünschen sich Hoffnungslieder

Michael Rohde summt sie, während er Maske trägt. Gerade Sterbende wünschen sich keine Klage-, sondern Hoffnungslieder wie „Lobet den Herren“. Acht Patienten hat er bis zum Tod begleiten müssen.

Die Seelsorger geben in diesen Zeiten ihr Bestes. Aber auch ihnen setzt die lange Phase der Pandemie zu. „Ich merke, dass ich dünnhäutiger werde“, sagt Andreas Fraesdorff und schaut auf die windgepeitschten Wellen der Außenalster. Ihm fehlen die kulturellen Möglichkeiten, die er sonst immer als Ausgleich zu seinem Beruf genutzt hat.

Hamburger Militärdekan Vater von zwei Söhnen

Militärdekan Michael Rohde, der Vater von zwei pubertierenden Söhnen ist, sorgte sich zu Beginn der Pandemie, dass er das Coronavirus mit nach Hause tragen könnte. Mit Homeschooling und dem ganzen Corona-Stress weiß er heute noch mehr als früher: „Feste Strukturen im Tagesablauf sind enorm wichtig, um resilient durch die Pandemie zu kommen.“

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