„Bis nichts mehr ging“

Erst Chefredakteur, jetzt der Medienprofi im Hintergrund

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Jens Meyer-Odewald
Matthias Onken mit Fahrrad im Jenischpark.

Matthias Onken mit Fahrrad im Jenischpark.

Foto: Roland Magunia / Funke Foto Services

Matthias Onken war Chef bei der „Mopo“ und der „Bild“ in Hamburg. Heute berät er jene, die früher seine Schlagzeilen fürchteten.

Hamburg. Wenn es in Hamburg brodelt und Meinungen kollidieren, sind Profis gefragt – Strategen mit Sachverstand und Fingerspitzengefühl, die nicht auf Prinzipienreiterei setzen, sondern lieber auf Diplomatie und Dialog. Ein solcher ist auch der Kommunikationsberater Matthias Onken, der beide Seiten medialer Medaillen kennt und ein feines Händchen hat, um Probleme aus dem Weg zu schaffen.

Es ist kein Zufall, dass der gebürtige Hamburger oft dort hinter den Kulissen tätig ist, wo es schwierig wird: Beispiele sind die Sternbrücke in Altona, die Stadthöfe nahe dem Rödingsmarkt, das Holsten Quartier, das umstrittene Paulihaus oder die Bebauung des ehemaligen Zeise-Parkplatzes in Ottensen.

Onkens ehemaliger Chefredakteur der „Morgenpost“

Onkens Faible für dezente, vornehme Töne erstaunt ob seiner beruflichen Herkunft. Als Chefredakteur der „Morgenpost“ und Leiter von „Bild“ Hamburg führte der heute 48-Jährige bei Boulevardzeitungen Regie und Wort.

Zwar bediente er dort vorzugsweise das journalistische Florett, weniger den Schlaghammer; dennoch gehörten markige Schlagzeilen zum Geschäft. Dass er diesen Lebensabschnitt aus freien Stücken hinter sich ließ, 2011 unerwartet kündigte und sein Leben fortan nach eigenem Gusto gestaltete, wertet er rückblickend als persönlichen Glücksfall.

Matthias Onken: „Bis nichts mehr ging“

Über die Ursachen des für Außenstehende abrupten Ausstiegs aus einem beruflichen Hamsterrad in Höhenluft brauchte die Medienwelt nicht zu spekulieren. Mit verblüffender Offenheit beschrieb Matthias Onken sein Seelenleben ein Jahr nach dem Absprung in Buchform. Der Titel sagt alles: „Bis nichts mehr ging“.

Schnörkellos protokollierte der Autor ein Dasein im Sauseschritt, eine permanente Hast mit Spitzentempo. Der Karriereflug vom Praktikanten bei einer Lokalzeitung zum Chefredakteur wurde beflügelt von immenser Arbeitswut und Rastlosigkeit. „Ich habe meine Freiheit dem Vorwärtskommen im Job geopfert“, sagt er heute. Der erwachsene Sohn stammt aus erster Ehe. Sie ging in die Brüche, als der Zeitungsjob Kraft und Lebensfreude raubte.

Onken an städtebaulichen Brennpunkten im Einsatz

Mit Ende 30 zog Matthias Onken die Reißleine. Kompromisslos. Mithin gibt es Gründe zuhauf für ein offenherziges Hintergrundgespräch. Viele in der Hansestadt wissen nicht, dass er an städtebaulichen Brennpunkten im Einsatz ist und abseits der großen Bühne Fäden zieht, die öffentliche Darstellung beratend justiert. Diskret und mit Grips, so wie ihn seine Mitstreiter kennen.

Pünktlich erscheint Onken am Eingang zum Jenischpark. Von seinem Haus in Bahrenfeld, in dem außer ihm noch die Ehefrau und die beiden sechs und acht Jahre alten Kinder wohnen, ist es kein weiter Weg nach Othmarschen. Dennoch erstaunt, dass der Agenturinhaber dem Nieselregen trotzt und mit dem Fahrrad ankommt. Dabei handelt es sich nicht um irgendein Gefährt, sondern um einen „Urban Arrow“, eine Art Pfeil im städtischen Verkehr.

Von Hamburg nach München

„Es ist kein hehrer Grundsatz, sondern ein Selbstversuch“, sagt er nach Abstellen und Anschließen seines Fahrrads, in dessen gepolsterten Kasten vorne bequem zwei Kinder passen – oder gut und gerne drei Bierkästen. Onken tendiert zu Variante eins. Für den Preis des flotten Zweirads hätte man sich einen alten Gebrauchtwagen kaufen können. Das Ehepaar, seit acht Jahren verheiratet, entschied sich gegen das Auto. Nach dem Dienstwagen 2019 wurde nun auch der Familien-Ci­troën ausrangiert. In zwei Jahren vielleicht soll Bilanz gezogen werden.

Blicken wir zurück. Matthias Onken kam in Hamburg zur Welt und zog mit seinen Eltern und einem jüngeren Bruder während der Grundschulzeit nach München. Daher stammt auch die nach wie vor aktuelle Zuneigung zum FC Bayern – abseits der Herzensnähe zum FC St. Pauli. Die Mutter arbeitete als Psychotherapeutin, der Vater als Jurist bei einer Versicherung. Der Junge wollte später mal Koch werden. Oder Journalist. Während der Pubertät trug er aus Protest Dreadlocks, später der Mode wegen blau gefärbte Haare. Passte prima zum Nebenjob als DJ mit Betonung auf Technomusik. Vorübergehend war er Mitglied der Grünen Jugend.

Nach der Jugend in München ging’s zurück nach Hamburg

Im Anschluss an Fachabitur und Zivildienst beim Paritätischen Wohlfahrtsverband kehrte Onken 1995 in seine Geburtsstadt Hamburg zurück. Dem Volontariat beim „Pinneberger Tageblatt“ folgten Einsätze für die „Morgenpost“: Polizeiredaktion, Rathausreporter, Chefredakteur. Für den Zeitungsjob hatte er seinen Studienplatz im Fachbereich Kriminalpsychologie in Lüneburg sausen lassen.

Aber Polizeireporter war ähnlich fesselnd. Kollegen wissen, dass Matthias Onken 2001 Stunden noch vor der Polizei als erster Pressevertreter gemeinsam mit einem Fotografen vor dem Haus Marienstraße 54 in Harburg Position bezog – dem Quartier der Terrorflieger von New York. Über den Schlussstrich des damaligen Bürgermeisters Ole von Beust und die Trennung von seinem Senator Ronald Schill berichtete Onken aus dem Rathaus. Unvergessen.

Stress, wenig Schlaf, ungesundes Essen

„Dann nahm der Beruf überhand“, erinnert er sich. Mit einem Pappbecher Kaffee von der Tankstelle Teufelsbrück ausgestattet, hat der Medienprofi auf einer Bank backbords vom Barlachmuseum Platz genommen. Die Jahre als Hamburg-Chef der „Bild“ schildert er sachlich, bar jeder Aufregung. Die Auflage war stabil, der Redaktionsstil von Klamauk entfernt. Vor allem berichteten Weggefährten von einem menschlich intakten Arbeitsklima. Onken, heißt es unisono, habe Einfühlungsvermögen bewiesen.

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Doch was sich hinter der Fassade eines nimmermüden Medienmachers abspielte, ahnte fast niemand. Privatleben? Perdu. Den Sohn sah er nur am Wochenende. Freunde wurden vernachlässigt. Stress durchgängig, wenig Schlaf, ungesundes Essen. „Ich merkte, dass mir außer meinem Job nicht viel geblieben war“, bilanzierte er in seinem Buch, das ihn 2012 zu Markus Lanz ins Fernsehen führte, und in Interviews mit anderen Zeitungen – ganz entscheidend jedoch sich selbst gegenüber. Onken fühlte sich komplett ausgebrannt, war aber deswegen nie in ärztlicher Behandlung. Die Menschen, auf die es ihm ankam, zollten der beruflichen Vollbremsung Respekt.

„Finanziell habe ich mich nicht verschlechtert“

„Ich habe diese Entscheidung nicht einen Tag bereut“, sagt er heute. Zwar arbeitet er im Schnitt 60 Stunden in der Woche – indes selbstbestimmt, als Herr seines Lebens und mit genügend Glücksmomenten privat wie im Job. Ausgestattet mit der Erfahrung seines persönlichen Reifeprozesses und einem nach wie vor exzellenten Netzwerk kommt Onken mit seiner Agentur in der Innenstadt gut über die Runden. „Finanziell habe ich mich nicht verschlechtert“, meint er vielsagend.

Unter dem Strich zahlt es sich für ihn aus, in der Regel mit offenem Visier und ohne Ränkespiele gehandelt zu haben. Auf der Referenzliste der Kunden stehen Unternehmen wie die Deutsche Bahn, der Bauprojektentwickler Quantum (Höfe an der Stadthausbrücke), Fritz-Kola und Reemtsma ebenso wie die Handelskammer, die Kreuzfahrtlinie Cunard oder Bayer Leverkusen aus der Fußballbundesliga.

Massive gesellschaftliche Spannungen in Hamburg

Sein Engagement definiert Matthias Onken so: „Ich verstehe mich als Sparringspartner, der unangenehme Fragen stellt.“ Anders formuliert: Wer seinen Finger frühzeitig in die Wunden legt, erspart sich spätere Schmerzen. Dialog ist seine Spezialität, Kontroversen zu versachlichen das Ziel.

„Der stetige Zuzug in Großstädte wie Hamburg wird begleitet von hohen Mieten, baulichen Veränderungen und steigenden Lebenshaltungskosten“, befindet Onken. Konsequenz seien massive gesellschaftliche Spannungen. Er verfüge über ein ausgeprägtes Unrechtsbewusstsein. „Ich habe nie um Aufträge buhlen müssen und lasse mich nicht von Geld verführen“, sagt er. Zwei lukrative Mandate habe er abgebrochen, als er sich mit der Marschrichtung nicht mehr identifizieren konnte.

Corona-Erkrankung wurde öffentlich gemacht

Manchmal kommen Aufträge allerdings erst dann, wenn der Zug fast abgefahren ist. Beispiel Sternbrücke. Auch bei dieser Beratung fühlt sich Onken von dem Credo beseelt, unterschiedliche Seiten zum Gespräch zu bewegen, Kompromisse auszuloten, Lösungswege zu entwickeln. Diplomat Onken kann auf einen Verbund von Fachleuten aus dem Kosmos der PR und der Medien zurückgreifen. Vor ihrem Wechsel in den Deutschen Bundestag betrieb er gemeinsam mit der SPD-Politikerin Dorothee Martin eineinhalb Jahre eine Schwesteragentur.

Sämtliche Fragen beantwortet er frank und frei. Und ohne geheimnisvolle Attitüde. Der offene Umgang mit eigenen Schwierigkeiten hat ihn stark gemacht. Matthias Onken gilt als taff. Auch die Corona-Erkrankung der vierköpfigen Familie behielt er nicht für sich. Das Quartett stellte sich für eine Studie der Uniklinik Eppendorf zur Verfügung. Um andere zu informieren und Verschwörungswahn im Keim zu ersticken, teilte er Erfahrungen und Ergebnisse in sozia­len Medien.

Hamburger weiterhin medienbewusst

Andere an seinem Leben teilhaben zu lassen bringe ihm kein Problem. Aber bloß nicht um des Tamtams willen. Der Mann ist medienbewusst. Aber auch Hanseat. Nie wieder darf es aus seiner Sicht heißen: „Bis nichts mehr ging.“

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