Historisches Hamburg

Als Hamburg mit Theatergeld Soldaten finanzierte

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Josef Nyary
Das Hamburger Theater für Schauspiel und Oper nahe dem Gänsemarkt.

Das Hamburger Theater für Schauspiel und Oper nahe dem Gänsemarkt.

Foto: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg

Vor 225 Jahren wollte Hamburg die Offiziere seines Bürgermilitärs besser bezahlen. Woher das Budget kam.

Hamburg. Der Krieg im Land, die Kasse leer, die Kompanien kaum noch kampfbereit: Ende des 18. Jahrhunderts, gerade als an der Elbe immer wieder gefährlich Dänen, Schweden, Preußen und Franzosen auftauchen, steckt Hamburgs Militär tief in der Krise.

Ganz anders sieht es im Kulturleben aus: Die Bühnen boomen, das Publikum stürmt die Säle, und Stars aus ganz Europa füllen sich mit den Eintrittsgeldern der Hamburger die Taschen.

Hamburgs Stadtväter kommen auf ungewöhnliche Idee

Der enorme Kontrast bringt die besorgten Stadtväter am 7. April 1796 auf eine ungewöhnliche Idee: Der Überschuss der blühenden Schauspiel- soll die Not der darbenden Kriegskunst lindern. Das Ergebnis ist Deutschlands erste Vergnügungssteuer auf Konzerte und Theaterstücke.

Noch drei Generationen zuvor lief es genau andersrum: Fünf Bürgerregimenter, eines für jedes Kirchspiel, üben im eigenen Drillhaus an der Alster, schwenken auf den unbezwinglichen Wallanlagen stolz ihre Fahnen und übernehmen als „die löbliche Kolonellschaft“ sogar zivile Aufgaben, etwa „die Erfassung aller in Hamburg lebenden Personen“ für ein Melderegister.

Mit Kunst und Kultur dagegen ist nicht viel los. Für Unterhaltung sorgt meist fahrendes Volk mit Sängern und Mimen aus der Vagantenszene.

Theater am Gänsemarkt entsteht

Das ändert sich so rasch wie radikal, als im Jahr 1751 der Dichter und Theatermann Johann Friedrich Löwen an die Alster kommt. Er füttert erst den Kreis um Hamburgs Hauspoeten Friedrich von Hagedorn mit neuen Ideen und tut sich ein Jahr später mit der Wandertruppe des preußischen Theaterprinzipals Johann Friedrich Schönemann zusammen.

Das Teamwork klappt noch besser, als Löwen Schönemanns Tochter heiratet. 1767 etabliert er Deutschlands erstes festes Nationaltheater und nennt es „Hamburgische Enterprise“. Große Künstler sind mit von der Partie: Der Hamburger Konrad Ekhof gilt als bester Schauspieler des 18. Jahrhunderts und wird bald als „Vater der deutschen Schauspielkunst“ gerühmt. Der Schweizer Abel Seyler kommt als Kaufmann und Bankier an die Alster, verliebt sich dort in die Bühnenwelt und spielt als Erster die großen Shakespeare-Dramen. Der Mecklenburger Konrad Ernst Ackermann erwirbt 1765 für 40 Reichstaler als erster Schauspieler das Bürgerrecht und baut ein Theater an den Gänsemarkt.

Siegeszug der Muse im Hamburg des 18. Jahrhunderts

Noch 1767 sammelt Löwen zwölf betuchte Hanseaten als Mäzene ein und holt Gotthold Ephraim Lessing als Dramaturgen an den Gänsemarkt. Der Dichter schreibt dort seine berühmte Kritikensammlung „Hamburgische Dramaturgie“ und organisiert die Uraufführung seiner berühmten Komödie „Minna von Barnhelm“ durch Ackermanns Theatertruppe.

Auch wenn nicht alles gelingt, der Siegeszug der Muse ist nicht aufzuhalten: Hamburg wird eine Hauptstadt der deutschen Aufklärung, die Buch- und Zeitungsverlage sprießen aus den Krämerstuben, und 1787 sieht das Schauspielhaus die Uraufführung des Sturm-und-Drang-Dramas „Don Carlos“, mit dem Friedrich Schiller den Übergang zur Klassik einleitet.

Hamburgs Militär auf dem absteigenden Ast

Hamburgs Militär dagegen, im Dreißigjährigen Krieg noch Garant für die Freiheit und Sicherheit der Stadt, befindet sich auf dem absteigenden Ast. Es gibt fünf Bürgerregimenter mit rund 60 Offizieren und ziemlich viel Prunk, doch die Kampfkraft lässt immer weiter nach. Im Nordischen Krieg setzen sich Dänen an der Elbe fest, stoppen Hamburgs Schiffe, riegeln die Stadt ab und führen sich dabei „übel“ auf. Erst 1768 kommt es im „Gottorper Vergleich“ zu einer Aussöhnung mit den aggressiven Nachbarn.

1786 kauft sich Hamburg endgültig von den Dänen frei und erhält den Titel „Kaiserliche Freie Reichsstadt”. Doch über die Bürgerwehr lästert eine Spottschrift: „Sie bildet nicht mehr eine wehrhafte Miliz, sondern nur ein Korps mit Waffen versehener, aber in denselben ungeübter Männer, die ihren Dienst durch Lohnwächter versehen lassen und für die Verteidigung kaum von Nutzen sind.“

Erhöhung der Bier- und Weinsteuern

Schon 1705, so berichtet Hamburgs Stadthistoriker Johann Gustav Gallois, hatte die Bürgerschaft Möglichkeiten diskutiert, „den Soldaten wenigstens einige Monate Sold zukommen zu lassen“. Eine Erhöhung der Bier- und Weinsteuern sowie eine Lotterie sollten damals die leere Kriegskasse nicht nur für Generalstäbler, sondern auch für Dragoner und Artilleristen füllen. Doch acht Jahrzehnte später ist das Besoldungsproblem noch immer nicht gelöst.

Auch die Idee einer Vergnügungssteuer ist nicht neu. Allerdings wurde die Abgabe noch nie für die Jünger und Tempel der Musen kassiert. Im Mittelalter sahnen die Städte zuerst eine „Lustbarkeitssteuer“ auf Rennwetten und Lotterien ab, doch das Geld kommt nicht der Staats-, sondern der Armenkasse zugute. Indirekt profitiert davon allerdings auch die öffentliche Hand, die nun an der teuren Nächstenliebe sparen kann.

Soldaten auch in Friedenszeiten wichtig

1793 stellt das Preußische Kommunalabgabengesetz dann grundsätzlich fest: „Die Besteuerung von Lustbarkeiten, einschließlich musikalischer und deklamatorischer Vorträge, sowie von Schaustellungen umherziehender Künstler ist den Gemeinden gestattet.“ Und ein Jahr später sichert das Preußische Allgemeine Landrecht den Kommunen etwas genauer das Recht zu, für ihre Sozialausgaben bei „Billards, Kegelbahnen, Bällen, Maskeraden, Schaustellungen, Theater und Konzerten“ mitzukassieren.

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Auch das Militär will an dem neuen Geldsegen teilhaben. Denn die modernen Staaten brauchen Soldaten längst nicht mehr nur im Fall eines Krieges, für den man Zwangsabgaben eintreiben könnte, sondern nun auch in Friedenszeiten. Aus den „stehenden Heeren“ werden permanente Armeen mit laufenden Kosten, finanziert über den Staatshaushalt und gern auch durch zusätzliche Extrasteuern aller Art.

Keine friedensseligen Proteste in Hamburg

Als erste deutsche Stadt geht 1796 Hamburg diesen Weg, auf dem bald alle anderen nach und nach folgen. Das kulturbeflissene Bürgertum sieht sich plötzlich zu einer Art militärischen Mäzenatentums gedrängt. Friedensselige Proteste gibt es damals nicht: Zu bedrohlich ist die Lage der wohlhabenden Reichsstadt im Visier beutegieriger und hochgerüsteter Nationalstaaten.

Der militärische Nutzen bleibt indes trotz des Geldsegens überschaubar. 1801 verhängen die Franzosen gegen Hamburg ein ungerechtes Handelsembargo, und die mit ihnen verbündeten Dänen ziehen sogar für zwei Monate als Besatzer ein, ohne dass die Stadt sich militärisch wehren kann.

Hamburger Senat lässt alle Außenwerke niederlegen

1803 besetzen die Franzosen Elbmündung und Süderelbe, und 1804 folgt schließlich der militärische Offenbarungseid: Hamburg erklärt sich für außerstande, sich selbst zu verteidigen.

Damit nicht fremde Mächte in Versuchung geraten, die immer noch starke Festung für eigene Truppen zu nutzen, lässt der Senat alle Außenwerke niederlegen. Dann kommen die Truppen Napoleons, und nach den Befreiungskriegen sind die kleinen Stadtarmeen endgültig Geschichte.

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