Amtsgericht

Geldstrafe: Maskenverweigerer postet Streit im Kino

| Lesedauer: 6 Minuten
Bettina Mittelacher
Besucher in einem Kinosaal. Ein Maskenverweigerer ist vor dem Amtsgericht in Hamburg nun zu einer Geldstrafe verurteilt worden (Symbolfoto).

Besucher in einem Kinosaal. Ein Maskenverweigerer ist vor dem Amtsgericht in Hamburg nun zu einer Geldstrafe verurteilt worden (Symbolfoto).

Ein Hamburger weigerte sich, im Kino Maske zu tragen und stellte ein Video auf Instagram. Dafür erhielt er vor Gericht die Quittung.

Hamburg. Um 9 Uhr morgens war der Teufel los. Erst kam ein Anruf vom Chef, dann meldeten sich die Kollegen und Bekannte, es wurden immer mehr. „Mein Handy stand nicht mehr still. Leute, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe, meldeten sich.“ Stephan K. war quasi über Nacht eine öffentliche Person geworden — und das höchst unfreiwillig. Es war ein digitaler Pranger.

Der Anlass für diese Schmähung? Der 28-Jährige hatte als Verantwortlicher in einem Kino einen Besucher auf die wegen Corona geltende Maskenpflicht hingewiesen. Und dieser Kino-Besucher, der keinen Mund-Nasen-Schutz tragen wollte, zettelte daraus einen massiven Streit an, filmte die Szene und stellte sie auf seinen Instagram-Account. Von dort verbreitete sich das Video innerhalb kürzester Zeit weiter und wurde mehrere hunderttausend mal auf allen möglichen Portalen angesehen.

Maskenverweigerer schweigt vor Gericht

So erpicht der Mann ohne Maske bei der Veröffentlichung des Videos seinerzeit offenbar gewesen ist, sich möglichst vielen Menschen mitzuteilen, so schweigsam ist Frederik M. jetzt im Prozess vor dem Amtsgericht. Der 30-Jährige, den die Staatsanwaltschaft unter anderem wegen Hausfriedensbruchs und Verstoßes gegen das Kunsturhebergesetz angeklagt hat, möchte sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

Laut Ermittlungen hatte sich Frederik M., als er am 5. Oktober vergangenen Jahres zusammen mit einer Begleiterin in einem Hamburger Kino einen Film ansehen wollte, geweigert, eine Mund-Nasenbedeckung zu tragen. Ferner soll Frederik M. den Mitarbeiter Stephan K. als „abscheulichen Menschen“ bezeichnet haben, weil dieser der Begleiterin des 30-Jährigen, die ebenfalls keine Maske aufgesetzt hatte, kein Popcorn verkaufte.

Videoaufnahme auf Instagram veröffentlicht

Laut Anklage sperrte sich Frederik M. dann gegen die Aufforderung, das Kino zu verlassen, filmte den Mitarbeiter gegen dessen Willen und veröffentlichte die Videoaufnahme kurz darauf auf Instagram. Allein auf seinem Konto hatte er den Ermittlungen zufolge 9600 Aufrufe, und insgesamt wurde das Video rund 400.000 geteilt. Nur zwei Tage später geriet der Hamburger der Anklage zufolge in einem Supermarkt mit einer Angestellten aneinander, wieder weil er ohne Mund-Nasenschutz im Laden einkaufen wollte. Auch diese Auseinandersetzung filmte er und stellte das Video ins Netz.


„Es ist so crazy“, hat Frederik M. am Vortag des Prozesses noch auf seinem Instagram-Portal gepostet. „Ich habe so Momente, wo mich alles so richtig nervt.“ Jetzt im Gerichtssaal wirkt der schmale, bärtige Hamburger weniger genervt — sondern vielmehr nervös. Zum Beispiel, als besagtes Video abgespielt wird, in dem er dem Kino-Mitarbeiter schwerste Vorwürfe macht, weil dieser seiner Begleitung kein Popcorn verkauft. „Was sind Sie für ein abscheulicher Mensch! Diese Frau hat Hunger und ist schwanger“, heißt es dort. Weiter bezichtigt Frederik M. den Angestellten in dem Film der Unterlassenen Hilfeleistung und ruft: „Ihr seid so erbärmlich!“

Schlimme Zeit für den Kino-Mitarbeiter

Für Kino-Mitarbeiter Stephan K. begann nach Veröffentlichung des Videos eine Zeit, in der es ihm richtig schlecht ging. „Ich konnte nicht schlafen, hatte Kopfschmerzen. Für mich war das super stressig. Mein Handy stand nicht mehr still“, erzählt der 28-Jährige. Von Fremden wurde er in den sogenannten Sozialen Medien plötzlich beispielsweise als „Hurensohn“ beschimpft, andere forderten, ihm müsse gekündigt werden. „Da lässt man eine Schwangere verhungern“, erboste sich einer. Nach einigen Tagen ebbten die Reaktionen ab, wurden dann aber wieder mehr, weil das Video unter anderem auch Twitter und Facebook auftauchte. Der Mann war zu erkennen, und auch mehr als die Hälfte seines Namens seien darin genannt worden, erzählt der Zeuge. „Das kam dem schon nahe.“

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Auch die Mitarbeiterin des Supermarkts, in dem es mit dem Angeklagten Frederik M. zum Streit kam, den dieser filmte und ins Netz stellte, erzählt, dass sie vielfach darauf angesprochen worden sei: „Sogar von Leuten, die mich nicht kannten.“ Nach dem Motto: Du bist doch die aus dem Video.

Kino-Mitarbeiter den Followern "zum Fraß vorgeworfen"

Der Staatsanwalt weist in seinem Plädoyer darauf hin, dass es auch den Mitarbeitern beispielsweise von Kinos und Supermärkten nicht unbedingt Spaß mache, immer wieder die Besucher auf die geltenden Maskenpflichten hinweisen zu müssen. Außerdem habe Frederik M. den Streit um das Popcorn ganz klar „überdramatisiert“. Und mit dem Hochladen des Filmes habe der 30-Jährige „einen Unbeteiligten da mit reingezogen“.

Seinen Followern habe Frederik M. die Mitarbeiter ein bisschen „zum Fraß vorgeworfen“. Wenn diese Mahnung zu dem Angeklagten durchgedrungen sein sollte, so lässt er dies jedenfalls in seinem letzten Wort nicht durchklingen. Die Situation im Kino sei für ihn „emotional gewesen“, sagt Frederik M. Und er sagt auch: „Es ist sehr spannend, in welcher Zeit wir jetzt leben. Und ich wollte noch mal sagen, dass das Robert Koch-Institut uns alle verarscht.“

Geldstrafe für den Maskenverweigerer

Auf eine Geldstrafe von 80 Tagessätzen zu 40 Euro erkennt der Amtsrichter schließlich. Der Angeklagte habe die Videos ohne die Einwilligung derer, die dort gefilmt wurden, online gestellt. „Das sind Personen mit Gefühlen, die man an den digitalen Pranger stellt.“ Wohl niemand habe „Lust, mit den Masken rumzulaufen oder findet es schön, andere drauf hinzuweisen“. Aber manche Menschen hätten eben genau diese Aufgabe.

Die Lage, in der sich die Menschen zur Zeit befinden, sei wegen Corona „sehr aufgeheizt. Da ist es nicht hilfreich, noch Menschen an den digitalen Pranger zu stellen.“ Es sei wichtig, dass man seine Meinung sagen dürfe. Wichtig sei auch gesellschaftliches Engagement. „Aber die Grenze ist immer dann erreicht, wenn die Rechte anderer tangiert sind.“

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