Stadtgeschichte

Die Zeit des Komponisten Gustav Mahler in Hamburg

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Matthias Schmoock
Gustav Mahler
(1860–1911) auf
einer Fotografie um
das Jahr 1900.

Gustav Mahler (1860–1911) auf einer Fotografie um das Jahr 1900.

Foto: picture alliance

Vor 130 Jahren zog der heute weltweit berühmte Dirigent und Komponist an die Alster. Er blieb sechs wechselvolle Jahre.

Hamburg. Gustav Mahler und Hamburg – das war eine komplizierte Beziehung. Während ihn das Publikum liebte, zermürbten Stress und Sparzwänge den heute weltberühmten Komponisten und Dirigenten. Sechs Jahre, von 1891 bis 1897, lebte und wirkte Mahler in der Hansestadt. Es war eine Zeit mit Licht- und Schattenseiten.

Vor 130 Jahren, am 26. März 1891, trifft Mahler am frühen Abend auf dem Berliner Bahnhof ein und betritt erstmals Hamburger Boden. Zunächst bezieht er ein Zimmer in Streit’s Hotel am Jungfernstieg. Während seines sechsjährigen Aufenthalts wohnt er an der Bundesstraße, zu weiteren Wohnanschriften gehören Fröbel- und Bismarckstraße. Mahler ist nun „Erster Kapellmeister“ (Chefdirigent) am damaligen Stadttheater – Vorläufer der heutigen Oper. Am 29. März debütiert er mit einer Aufführung von Wagners „Tannhäuser“, zuvor hatte er zwei Jahre lang die Budapester Oper geleitet.

Das Publikum liebt Mahler

„Hamburg hat jetzt einen ganz vortrefflichen Operndirigenten in Herrn Gustav Mahler (ernster, energischer Jude aus Budapest) gewonnen, der meiner Ansicht nach den Allerbesten gleichkommt“, schreibt der bisherige Star unter Hamburgs Dirigenten, Hans von Bülow, an seine Tochter Daniela. Mahler und Bülow schätzen sich, sind aber auch Konkurrenten. Eine Freundschaft entwickelt sich nicht zwischen den beiden komplizierten Künstlernaturen.

Das Publikum liebt Mahler, dessen Aufführungen das Stadttheater zu einer Opernbühne von Weltruf machen, und er hat rasch Anschluss an die Hamburger Gesellschaft. In dem Buch „Die Tochter des Dogen“ von Claudia G. Petersen findet sich eine interessante Beschreibung des Neu-Hamburgers.

Geistreich und hoch gebildet

Clara Petersen, eine Angehörige des Hamburger Altbürgermeisters Carl Friedrich Petersen, trifft den Künstler häufiger bei gesellschaftlichen Empfängen im Haus der Familie Lazarus. Sie erinnert sich: „Er setzte sich sofort zu mir, und wir haben uns ausgezeichnet unterhalten. Ich hatte von Musik ja keine Ahnung, was ich ihm auch sagte. Aber er sagte, das täte nichts, wir könnten uns ja auch über andere Dinge unterhalten.

Da er sehr geistreich war, natürlich hoch gebildet, besonders in Literatur und Geschichte, ging das ausgezeichnet. Ich freute mich immer, wenn er da war.“ Während seiner Hamburger Zeit endet eine längere Schaffenskrise Mahlers. Er komponiert wieder mehr und überarbeitet beispielsweise seine Erste Symphonie.

Zum Komponieren zieht sich Gustav Mahler in ein Häuschen am Attersee zurück

Im Oktober 1893 führt er sie im heute nicht mehr existierenden Concerthaus Ludwig auf und gibt damit sein Hamburger Debüt als Komponist. Die Idee für das Finale seiner Zweiten Symphonie (der späteren „Auferstehungssymphonie“) kommt ihm schlagartig, als er während der Trauerfeier für Hans von Bülow im Michel einen Choral nach Klopstocks Ode „Auferstehn“ hört.

„Blitzartig ging ihm auf, wie die Dichtung beschaffen sein müsste, die er für das Finale brauchte“, schreibt der Mahler-Experte Constantin Floros in der „Hamburgischen Biografie“. Zum Komponieren zieht sich Gustav Mahler stets in ein Häuschen in Steinbach am Attersee zurück, weil er die Zeit für diese Arbeit fast nur in den Sommerferien findet.

Während seiner Hamburger Jahre ist Mahler permanent überarbeitet

Denn während seiner Hamburger Jahre ist Mahler – und das sind die Schattenseiten dieser Zeit – permanent überarbeitet und von ständigen beruflichen Streitigkeiten zermürbt, kränklich und überreizt. Mit dem Direktor des Stadttheaters, Bernhard Pollini, gibt es von Anfang an Konflikte. Der „Impresario“ Pollini zahlt Solisten und Dirigenten hohe Gagen, spart aber an anderen Stellen rigoros. Der Chor hat beispielsweise nur 60 Mitglieder, das Orchester gerade mal 80 (darunter 40 Streicher).

Wie Franz Willnauer in seinem Buch „Gustav Mahler. Die Hamburger Jahre“ schreibt, nimmt es in Pollinis Kunstanschauung „einen minderen Rang“ ein und ist „nicht gerade aus Spitzenkräften zusammengesetzt“. Schon im November 1891 schreibt Mahler in einem Brief: „Mit Pollini rede ich nicht mehr – ohne dass es das Geringste zwischen uns gegeben hätte. Es ist einfach naturgemäß; und das ist nicht sehr verheißend.“ Und kurze Zeit später: „Der Kerl ärgert mich so, dass ich nicht dafür stehen kann, dass ich ihm über kurz oder lang einen in der Nähe befindlichen Gegenstand von Holz oder Pappe an den Schädel schmeiße.“

Die Vereinigung

  • Die Gustav Mahler Vereinigung Hamburg hat es sich zum Ziel gesetzt, das Wirken des Komponisten und Dirigenten in Hamburg zu würdigen. Die gemeinnützige Kulturvereinigung mit Sitz von Büro und Bibliothek an der Peterstraße 31/33 wurde 1988 gegründet.
  • Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt auf Mahlers Hamburger Jahren. Sie veranstaltet Konzerte, wissenschaftliche Symposien, Vorträge und Lesungen, gibt zudem eine eigene Schriftenreihe heraus.
  • Zu den zahlreichen Projekten zum Andenken an Gustav Mahler in der Hansestadt gehören unter anderem die Benennung des Gustav-Mahler-Platzes, eine Gedenktafel an der Staatsoper und am Haus Bundesstraße 10 sowie die Aufstellung von Mahler-Büsten in Staatsoper und Laeiszhalle. Weitere Infos gibt es auf unter: www. gustav-mahler-vereinigung.de

Pollini, der möglicherweise eifersüchtig ist auf die vielen Erfolge seines Superstars, bleibt hart. Während der Spielzeit 1894/95 muss Mahler an 126 Abenden Opernvorstellungen im Stadttheater, 23 in Altona und acht weitere der sogenannten Abonnementreihe des mittlerweile verstorbenen Hans von Bülow übernehmen. Mahlers Befugnisse bleiben eingeschränkt, seine Beschwerden stoßen auf taube Ohren.

Beruflichen Ärger gibt es allerdings nicht nur mit Pollini. „Übrigens melde ich, dass ich hier beim Orchester sehr beliebt bin; das ist mir noch nie passi(e)rt“, schreibt Mahler Ende 1891 an seine Schwester Justine. Doch so bleibt es nicht.

Schon in Leipzig hatte sich das Gewandhausorchester mit einer Eingabe an die Stadt über Mahlers Perfektionismus beschwert, nun geht es in Hamburg ähnlich weiter. „Mahlers Probeneifer und interpretatorische Strenge, verbunden mit einer wenig diplomatischen Art des Umgangs, provozierte zunehmend Widerstand“, so Franz Willnauer.

Ende Februar 1897 konvertiert Mahler zum Katholizismus

Mahler, durch Überarbeitung und Unzufriedenheit dauernervös und überaus reizbar, sieht sich nach eigenem Bekunden in der Rolle des „Tierbändigers, der unausgesetzt die Knute der strengsten Forderungen an ihre Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit anlegt und sie aufs Schärfste handhabt, wenn die Bestie der Impotenz und Indolenz nur einen Augenblick sich hervorwagt“.

Andererseits setzte sich der Kapellmeister, der um die finanziellen Nöte seines Ensem­bles wusste, auch immer wieder bei der Stadt für eine bessere Bezahlung der Musiker ein. Mahler liebäugelt zunehmend mit anderen Posten und peilt schließlich den des Wiener Hofopernkapellmeisters an, der gerade vakant ist.

Weil er als Jude nicht berufen worden wäre, konvertiert er Ende Februar 1897 zum Katholizismus. Gemeinsam mit seinen Schwestern Justine und Emma lässt er sich in der St.-Ansgar-Kirche, dem im Zweiten Weltkrieg völlig zerstörten und dann neu erbauten „kleinen Michel“, taufen. Am 24. April wird Mahler nach Wien berufen und verlässt Hamburg – nur wenige Monate vor dem Tod Bernhard Pollinis. Zurück kehrt er nur für einige Gastspiele.

Viele Spuren Gustav Mahlers in Hamburg sind durch die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs verweht. Doch die Erinnerung an ihn wird in der Stadt so engagiert lebendig gehalten, dass er mit Sicherheit unvergessen bleibt.

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