Prozess in Hamburg

Feuer-Drama in Jenfeld: Mieter gibt seinem Handy die Schuld

| Lesedauer: 5 Minuten
Bettina Mittelacher

Zwei Menschen starben bei dem verheerenden Brand 2018. Der Angeklagte sieht sich als Opfer eines tückischen technischen Defekts.

Hamburg. Als die Frau aus dem brennenden Haus getragen wurde, bewusstlos, aber noch am Leben, war noch nicht klar, wie schwer verletzt die 65-Jährige war. Eine Weile noch kämpften die Ärzte um ihr Leben. Doch dann stand fest: Für die Hamburgerin gab es keine Hoffnung mehr. Zu schwer hatte eine Rauchgasvergiftung ihre Organe geschädigt. Ebenso, wie auch ein anderer Mann von dem gefährlichen Gas getötet wurde. Zwölf weitere Menschen erlitten zum Teil schwere Verletzungen.

Es ist die traurige Bilanz eines Brandes, der vor fast drei Jahren Teile eines Mehrfamilienhauses in Jenfeld zerstörte und dessen Bewohner in eine tödliche Gefahr brachte. Schnell stand fest: Das Feuer war in einer Erdgeschosswohnung ausgebrochen, jener von Mieter Stephan W.

Feuer in Wohnhaus: Rauchgase blockierten Rettungswege

Seit Freitag muss sich der 49-Jährige nun wegen des Unglücks vom 2. Mai 2018 vor dem Amtsgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm fahrlässige Tötung und fahrlässige schwere Brandstiftung vor. Sie ist überzeugt: Der Mann ist für den Brand verantwortlich, weil er am Abend zuvor mehrere Kerzen angezündet hatte und einschlief, ohne sie zu löschen. Dadurch, so die Anklage, entstand am frühen Morgen ein Feuer, das zunächst seine Wohnung entflammte und sich sodann im ersten und zweiten Stock des Mehrfamilienhauses ausbreitete.

Zudem entwickelten sich Rauchgase, die die Rettungswege blockierten und von den Mitbewohnern auf der Flucht aus dem brennenden Haus eingeatmet wurden — und bei zwei Mietern zu den tödlichen Kohlenmonoxid-Intoxikationen führten.

Prozess: Angeklagter bestreitet Kerzen-Theorie

Stephan W. ist ein massiger Mann mit offenem Blick, seine Formulierungen klingen wohl überlegt. Er wolle sein „herzliches Mitgefühl äußern“, für die Verstorbenen, die Verletzten und auch die Rettungskräfte, beginnt der Angeklagte seine Schilderung. „Die Wohnung war mein Verantwortungsbereich.“ Allerdings glaube er nicht, dass das Feuer durch die Kerzen auf dem Couchtisch ausgelöst wurde.

Er sei vielmehr der Meinung, dass eine Fehlfunktion seines Handys, das auf der Couch gelegen und das er zum Laden an die Steckdose angeschlossen habe, den Brand entfacht habe. Er sei damals im Besitz eines Samsung Galaxy S 8 gewesen. Bei einem anderen Modell des südkoreanischen Herstellers war es seinerzeit zu Bränden gekommen, nachdem sich die Akkus selbst entzündet hatten. Laut einem Gutachten wurden in der ausgebrannten Wohnung von Stephan W. allerdings keine Reste eines Handys gefunden. Es müsse wohl gestohlen worden sein, mutmaßt der Angeklagte daraufhin.

Angeklagter: „Flammen auf der Couch wurden immer größer"

So wie Stephan W. es darstellt, ist er nicht der Täter, sondern ein weiteres Opfer eines tückischen technischen Defekts. Er schildert das Geschehen so: Am Nachmittag vor dem fatalen Feuer bekam er Besuch von einem Bekannten, sie aßen gemeinsam und tranken einige Bier und Schnäpse. Auf dem Couchtisch hatte er mehrere Teelichter angezündet sowie eine weitere Kerze, für die eine leere Sektflasche als Halterung diente.

Der Kumpel verabschiedete sich am Abend, irgendwann nach Mitternacht ging auch Stephan W. ins Bett. „Da war alles dunkel, da brannte nichts mehr.“ Nachts wachte er dann vom Piepen eines Rauchmelders auf. „Im Wohnzimmer, vom Sofa aus, entstand ein Brandherd.“ Er habe versucht, das Feuer zu löschen, vergebens. „Die Flammen auf der Couch wurden immer größer, die Wärmedruckwelle hat mich rausgedrückt.“

Angeklagter war in die Psychiatrie eingewiesen worden

Im Treppenhaus habe er „Feuer, Feuer, Feuer“ geschrien und bei allen Nachbarn geklingelt, um sie zu warnen. Er habe auch geholfen, eine Dame in deren Rollstuhl zu bugsieren, dann habe die Feuerwehr sie durch das Treppenhaus getragen. Er selber habe durch das Feuer einige Brandverletzungen davon getragen, vor allem an den Beinen.

Wenig später war Stephan W. auf ärztliche Anordnung in die Psychiatrie eingewiesen worden, wo er eine Zeitlang stationär behandelt wurde. Mittlerweile lebt er in einer Stadt in Mecklenburg-Vorpommern. Seine Behandlung erfolgt nicht mehr in einer Klinik, sondern über eine Ärztin, in deren Sprechstunde der 49-Jährige gelegentlich geht. Wie sein psychischer Zustand damals und heute einzuschätzen ist, darüber soll im Prozess ein psychiatrischer Sachverständiger Auskunft geben.

Nach Einschätzung eines Brandgutachters ist die Ursache für das Feuer sehr wahrscheinlich „der fahrlässige Umgang mit Teelichtern und Kerzen“. Wenn tatsächlich ein auf der Couch liegendes Handy den Brand ausgelöst hätte, so wie der Angeklagte Stephan W. es behauptet, „müsste das Sofa größere Brandschäden aufweisen“, erläutert der Sachverständige. Ein Handy würde sich sehr schnell entzünden, „mit einer Stichflamme“, und sich in das Sofa einbrennen. Aufgrund der Spurenlage spreche vieles gegen die Version des Angeklagten. Der Prozess wird fortgesetzt.

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