Prozess

Psychisch Kranke greift Niqab-Trägerin an – Freispruch

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Bettina Mittelacher
Eine Statue der Justitia hält eine Waage in ihrer Hand.

Eine Statue der Justitia hält eine Waage in ihrer Hand.

Foto: dpa

Die ehemalige Sozialarbeiterin hatte eine junge Frau wegen Schleiers in der Hamburger City attackiert, beschimpft und bespuckt.

Hamburg. Irgendwelche nervigen Kommentare, sagt Samanta A., die erlebt sie häufiger. Die 24-Jährige hat sich als gläubige Muslima dafür entschieden, einen Niqab zu tragen, eine vollkommene Verschleierung des Gesichts. Es gibt offenbar zahlreiche Menschen, die daran Anstoß nehmen und sich entsprechende Bemerkungen nicht verkneifen können.

Das gehe mittlerweile oft „zum einen Ohr rein und zum anderen raus“, erzählt die junge Frau. Aber was sie am 21. November erlebte, habe definitiv eine andere Qualität gehabt, schildert die Hamburgerin. Sie spricht von Angriffen, verbal und auch körperlich. „Ich war richtig schockiert.“ Die Frau, die diese Attacken verübt haben soll, will von solchen Aktionen nichts wissen.

Angeklagte sieht sich selbst als Opfer

Iris S., eine blasse, verbittert wirkende Frau und vor dem Amtsgericht unter anderem wegen Volksverhetzung, Körperverletzung und Beleidigung angeklagt, sieht sich wohl eher selber als Opfer. Früher, als sie von einem Mann geschlagen worden sei, und jetzt aktuell, weil nicht sie Samanta A. angegriffen habe, sondern umgekehrt von der mit dem Niqab verschleierten Frau gegen den Kopf geschlagen worden sei. „Ich habe keine Rassistin in mir“, sagt die 51-Jährige. Sie habe lediglich die 24-Jährige darauf hingewiesen dass diese „mit dem Schleier hier nicht sein soll“.

Angeklagte soll Samanta A. beleidigt, attackiert und bespuckt haben

Die Anklage geht allerdings von einem sehr viel aggressiveren Verhalten der Iris S. aus. Demnach kam es am Glockengießerwall zu der folgenschweren Begegnung zwischen ihr und Samanta A. Hier schubste die 51-Jährige den Ermittlungen zufolge die junge Muslima unvermittelt und beleidigte sie unter anderem als „Islamistenschlampe“ und „dreckiges Stück“.

Dann habe die Angreiferin die Geschädigte aufgefordert, ihren Gesichtsschleier abzulegen, danach gegriffen und erfolglos versucht, ihn ihr vom Kopf zu ziehen. Ferner habe sie die jüngere Frau bespuckt. Als ein Polizeibeamter zum Schutz der Geschädigten einschritt, so die Anklage weiter, titulierte S. den Polizisten als „Gaylord" und spuckte ihm ins Gesicht. Schließlich soll sie noch geäußert haben: „Islamisten töten uns.“

Was Samanta A. als Zeugin vor Gericht erzählt, klingt genau so wie in der Anklage. Neben „Islamistenschlampe“ sei sie auch als „Kopftuchnutte“ bezeichnet worden. Iris S. habe gewirkt, „als ob sie Hass hat“. Ein Polizist, der seinerzeit einschritt und die Frauen trennte, berichtet zudem von Tritten, die die Angeklagte dem Opfer versetzt habe. „Und sie spuckte mir ins Gesicht.“

Hinweise auf paranoide Züge bei der Angeklagten

Ein psychiatrischer Sachverständiger, der die Angeklagte exploriert hat, sieht bei der gelernten Sozialarbeiterin Iris S., die seit vielen Jahren obdachlos ist, viele Hinweise auf paranoide Züge und eine Psychose von Krankheitswert. Die 51-Jährige leide unter einer „schizoaffektiven Psychose“, ihre Schuldfähigkeit sei zumindest erheblich eingeschränkt, sehr wahrscheinlich sei die Frau sogar schuldunfähig.

Demzufolge erkennt die Amtsrichterin auf Freispruch und folgt damit dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft. Iris S. könne für ihre Aggressionen nicht verantwortlich gemacht werden. „Aber ich kann nur hoffen“, so die Richterin, „dass Sie Hilfe bekommen“.

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