Prozess in Hamburg

Mit miesen Tricks acht Trucker betäubt und ausgeraubt

| Lesedauer: 5 Minuten
Bettina Mittelacher
Lkw parken auf einem Rastplatz an einer Autobahn.

Lkw parken auf einem Rastplatz an einer Autobahn.

Foto: picture alliance

Die Angeklagte Albena A. soll den Lkw-Fahrern heimlich starke Schlafmittel gegeben und Geld, Kreditkarten und Computer gestohlen haben.

Hamburg. Sie gab vor, Hunger zu haben. Sie sagte, dass sie friert. Oder sie täuschte Bedürfnisse vor, nach Trinken, nach Schutz. Sie bot ihre Gesellschaft an. Immer wieder gaukelte Albena A. vor, sie brauche Hilfe oder könne etwas bieten. Doch wenn sie an Tankstellen oder auf Parkplätzen Lkw-Fahrer ansprach und deren Gesellschaft suchte, ging es der Frau in Wahrheit nur um Abzocke.

Ihr mieser Trick: Sie mischte den ahnungslosen Männern ein Schlafmittel oder starkes Beruhigungsmittel in die Getränke. Und wenn die Opfer fest schliefen, raubte sie sie aus. Jetzt, rund sechs Monate nach dem letzten Verbrechen aus einer rund zwei Jahre andauernden Serie, muss sich Albena A. vor dem Landgericht verantworten.

Die Staatsanwaltschaft wirft der 55-Jährigen unter anderem schweren Raub und gefährliche Körperverletzung vor. Und schon gleich zu Beginn des Prozesses räumt die grauhaarige, zierliche Angeklagte ein: Ja, ich war es. Ich habe die Taten begangen.

Heimlich Männer abgezockt

Achtmal zockte sie demnach heimlich die Männer ab. Da war etwa der Berufskraftfahrer, der am 25. Oktober 2018 seinen Lastzug an einem Busbahnhof parkte. Albena A. sprach ihn an, so heißt es in der Anklage, und sagte, sie sei hungrig. Er bot daraufhin an, sie mit zu sich nach Hause zu nehmen und für beide zu kochen. Er versorgte sie mit Essen und Trinken — und bemerkte nicht, dass sein weiblicher Gast ihm heimlich Diazepam ins Getränk mischte. Nach einem tiefen, festen Schlaf erwachte er erst am nächsten Morgen, hatte einen Filmriss — und eine Verletzung, weil er hingestürzt war. Kurz danach bemerkt er, dass sein Smartphone und der Hausschlüssel fehlten.

Schlafmittel in den Wodka gemischt

Ein anderes Mal, Anfang September vergangenen Jahres, klopfte Albena A. an die Tür eines am Georgswerder Damm abgestellten Lkw, woraufhin der Fahrer sie in seinen Brummi ließ. Dort sah er mit ihr gemeinsam fern — und trank den heimlich von ihr mit einem Schlafmittel präparierten Wodka. Als er derartig ausgeknockt war, raubte sie ihm unter anderem 100 Euro Bargeld, 250 polnische Zloty und das Handy.

Bei einem anderen Opfer erbeutete sie auf ähnliche Weise 3300 Euro und ein Tablet, bei einem weiteren Mann wiederum 600 Euro und die Kreditkarte. Einen Brummifahrer überredete Albena A., für sie einkaufen zu gehen. Später bereitete sie ihm ein heimlich mit Schlafmittel angereichertes Getränk und entwendete 1500 Euro.

Ein Opfer fuhr am Morgen nach der Tat Schlangenlinien

Dass ihnen ihre Wertsachen abhanden gekommen waren, bemerkten die Männer in der Regel erst, nachdem sie über viele Stunden unfreiwillig weggetreten waren. Zumindest einmal hat Albena A. eine hoch gefährliche Dosierung gewählt: Eines der Opfer fiel am Morgen nach der Tat auf, weil er Schlangenlinien fuhr. Er hatte durch das insgeheim verabreichte Schlafmittel eine derartig schwere Intoxikation erlitten, dass er zwei Tage in einer Klinik behandelt werden musste, einen Teil der Zeit sogar auf der Intensivstation.

Angespannt wirkt die aus Bulgarien stammende Angeklagte. „Nicht fotografieren“, sagt sie immer wieder, während Reporter vor Prozessbeginn Bilder von ihr machen, hält sich Papiere vors Gesicht und versucht, sich weg zu ducken. „Ich kann nicht reden“, stammelt sie später. „Mein Kopf, alles kaputt.“ Dabei bleibt offen, ob damit eine mögliche Suchtproblematik mit Alkohol oder Drogen oder eine andere Beeinträchtigung gemeint ist.

Psychiatrischer Sachverständiger muss gehört werden

Dazu wird später im Prozess eine psychiatrische Sachverständige gehört werden. Auf die Spur der 55-jährigen Angeklagten ist die Polizei gekommen, weil aufgrund früherer Ermittlungen im Zusammenhang mit anderen Taten ihr Bild in einer polizeilichen Ermittlerkartei gespeichert war und eines der Opfer die Frau auf dem Foto erkannte. Außerdem lagen ihre Fingerabdrücke vor, und es gab eine DNA-Probe. Als bei den aktuellen Fällen Genmaterial gesichert wurde, kam es immer wieder zu Treffern — insgesamt achtmal.

Albena A. räumt die Taten ein

Über ihren Verteidiger räumt Albena A. die Vorwürfe ein. Sie gebe zu, die Männer aufgesucht, mit ihnen Speisen und Getränke konsumiert und jeweils etwas davon heimlich mit Diazepam versetzt zu haben. „Danach war es möglich, ihnen Gegenstände zu entwenden.“ Ausdrücklich bedauere sie, dass eines der Opfer durch das starke Beruhigungsmittel so krank wurde, dass er in die Klinik musste. „Das war niemals von mir gewollt“, beteuert die 55-Jährige. „Das tut mir wirklich leid.“ Der Prozess wird fortgesetzt.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg