Barrierefreies Wohnen

Ein Hamburger macht es möglich: Zu Hause wohnen bis zuletzt

| Lesedauer: 8 Minuten
Sarah Malik
Lieber auf dem heimischen Sofa als im Senioren- oder Pflegeheim: Fast 70 Prozent der Deutschen wollen auch im Falle einer Pflegebedürftigkeit in der gewohnten Umgebung leben.

Lieber auf dem heimischen Sofa als im Senioren- oder Pflegeheim: Fast 70 Prozent der Deutschen wollen auch im Falle einer Pflegebedürftigkeit in der gewohnten Umgebung leben.

Foto: Getty Images/iStockphoto

Bäder, Türen, Treppenlifte und mehr: Leif Lewinski baut Wohnungen und Häuser um, damit Pflegebedürftige dort bleiben können.

Hamburg. Irgendwann einmal an einem fremden Ort sterben zu müssen – diese Angst plagt viele pflegebedürftige Menschen. Häufig stehen jedoch die knappe Zeit, fehlendes Know-how und deutsche Bürokratie einem Umbau zu einem barrierefreien zu Hause im Weg. Der Hamburger Leif Lewinski hat sich dafür eine Lösung überlegt.

Melisa Simsek erinnert sich an den 8. Februar 2014, als wäre es gestern gewesen. Es ist ein verregneter, grauer Morgen, an dem ihre Eltern sie in das Wohnzimmer ihres Hauses rufen, um mit ihr über die Zukunft zu sprechen. Die 19-Jährige sitzt zwischen den beiden auf der beigefarbenen Couch, als sie erfährt, dass ihr Vater eine unheilbare Nervenkrankheit hat. Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) führt zu Lähmung und zu einem schnellen Tod. Ihr Vater ist zu dem Zeitpunkt Anfang 40 und wird von heute auf morgen zum Pflegefall.

Barrierefreies Wohnen in Hamburg

„Erst mal habe ich nur geweint. Es hat lange gedauert, bis ich die Situation akzeptieren konnte. Dann habe ich angefangen zu recherchieren. Lebenserwartung: drei Monate bis zu drei Jahren“, sagt Simsek. „Für uns stand fest, dass wir unsere restliche gemeinsame Zeit zu Hause verbringen möchten und nicht in einem Pflegeheim.“ Damit das geht, muss das Haus der Familie behindertengerecht umgebaut werden.

Die Simseks stehen vor einem Berg von Arbeit. Der 30 Jahre alte Unternehmer Leif Lewinski muss sich 2018 ebenfalls mit dem Thema barrierefreies Wohnen auseinandersetzen. Sein Großvater erleidet einen Schlaganfall, der ihn halbseitig lähmt. Lewinskis Mutter kümmert sich von nun an neben ihrem Arbeitsalltag um die Großeltern – und stößt dabei immer wieder an ihre Grenzen.

Hamburger Unternehmer gründet „besser zuhause“

Der studierte Betriebswirt arbeitet damals bei einer Digitalberatung und will sich beruflich verändern. Das Thema lässt ihn nicht mehr los. Er merkt, dass Betroffene und Angehörige oft nicht wissen, wo und wie sie in der neuen Situation Hilfe finden – und möchte das ändern. 2019 gründet er gemeinsam mit seinen Geschäftspartnern Hans Nolte, Prof. Ronald Richter und Joscha Langhans „besser zuhause“.

Das Unternehmen übernimmt den gesamten Prozess des Umbaus zu einem barrierefreien Zuhause im Großraum Hamburg – sie planen, bauen um und beantragen­ finanzielle Zuschüsse. „Wir glauben, dass ein würdevolles Leben von Pflegebedürftigen drei Dinge braucht: selbstbestimmtes Wohnen, die Anbindung an die Gesellschaft und den Zugang zu moderner Technologie. Wir möchten Menschen dabei helfen, selbstbestimmt und altersgerecht in ihrem Zuhause leben zu können“, sagt Lewinski bei einem Treffen in seinem Büro in der Innenstadt.

Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland nimmt zu

Für Familie Simsek kam die Idee von Lewinski zwar zu spät, für viele andere Menschen bedeutet sie aber die Möglichkeit auf ein selbstbestimmtes Leben. Durch steigende Lebenserwartungen und sinkende Geburtenraten nimmt die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland seit Jahren zu. Im Jahr 2017 lebten 3,41 Millionen pflegebedürftige Menschen in der Bundesrepublik – 2019 waren es bereits 4,13 Millionen.

Als pflegebedürftig gelten in Deutschland Menschen, die aufgrund von gesundheitlichen Beeinträchtigungen auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Mehr als 80 Prozent der Pflegebedürftigen wurden 2019 zu Hause versorgt. Oft mit erheblichen Komplikationen, weil es an Treppenliften oder flachen Duschen fehlt. Ein Umbau erleichtert das Leben von Betroffenen, Angehörigen und Pflegekräften enorm. Häufig scheitert dieser jedoch an der fehlenden Unterstützung und der Überforderung der Betroffenen und ihrer Familien.

„besser zuhause“ stellt Anträge auf finanzielle Unterstützung

Das zehnköpfige Team von „besser zuhause“ besteht aus Juristinnen, Wohnberaterinnen und Handwerkenden. Nach einem telefonischen Erstgespräch erklären die Beraterinnen vor Ort die baulichen und immer häufiger auch technischen Möglichkeiten wie beispielsweise „Smart Home“-Schaltungen, um zu Hause besser zurechtzukommen. Gleichzeitig wird der Antrag auf finanzielle Unterstützung durch die Pflegekasse erstellt. „In der Regel werden die Anträge bewilligt. Und wenn nicht, legen wir Widerspruch ein. Nicht weil wir den Umsatz brauchen, aber weil wir sehen, welche Erleichterung die Menschen durch unsere Arbeit im Alltag bekommen“, sagt Lewinski.

Nach der Bewilligung wird der Umbau ins Rollen gebracht. „Wenn man den Prozess ein paarmal durchlaufen hat, weiß man, was zu tun ist. Personen, die das zum ersten Mal machen, wissen oft nicht, wie sie diesen Berg an Arbeit bewältigen sollen. Oft befinden sie sich auch noch in einem Schockzustand, da sie selbst oder Angehörige kürzlich zum Pflegefall wurden. So ging es meiner Mutter damals auch.“

Angebot auf Großraum Hamburg begrenzt

2020 hat das Team um Lewinski 300 Haushalte besucht, auch außerhalb Hamburgs. 80 Wohnungen wurden bisher umgebaut. Bauleiter Joscha Langhans hat anfangs jeden Umbau selbst gemacht. Mittlerweile unterstützen ihn sechs gelernte Fliesenlegerinnen und Sanitärinstallateure. „Die Arbeit vor Ort ist super angenehm. Die Menschen sind meistens einfach nur dankbar, wenn wir kommen“, sagt Langhans.

Gründer Lewinski betont die Wichtigkeit der Regionalität des Unternehmens. Sein Angebot ist bisher auf den Großraum Hamburg begrenzt. „Du musst einfach vor Ort sein und dich persönlich mit den Menschen austauschen. Natürlich wollen wir auch wachsen – aber so, dass die Qualität unseres Angebots nicht darunter leidet.“ Bisher konnten alle Anfragen ohne große Wartezeit angenommen und umgesetzt werden.

Großteil der Deutschen will nicht in Seniorenheimen wohnen

Knapp 70 Prozent der Deutschen wollen auch im Falle einer Pflegebedürftigkeit in der gewohnten Umgebung leben. Nur 3,4 Prozent können sich vorstellen, in einem Senioren- oder Pflegeheim zu wohnen. Das eigene Umfeld verlassen zu müssen bedeutet für viele Menschen Verlust von Lebensqualität und Sicherheit – in vielen Fällen auch erheblichen Stress.

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Das erlebt Christina Lindner (51) täglich bei ihrer Arbeit. Seit 2021 is t sie die Assistenz der Geschäftsführung und die „gute Seele“ bei „besser zuhause“. Davor hat sie ehrenamtlich mitgeholfen. Ihre größte Motivation, sagt sie, sei die Dankbarkeit der Kundschaft. „Es ist schön zu wissen, dass unsere Arbeit Menschen hilft. Dass alte oder erkrankte Menschen ihr Leben dank des Umbaus weiterhin selbstbestimmt gestalten können. Das wünschen wir uns für uns selbst und unsere Angehörigen doch auch.“

Pflegebedürftiger Hamburger wohnt weiter zu Hause

Familie Simsek hat in den vergangenen sieben Jahren das gesamte Haus umgebaut: die Einfahrt, die Türen, das Badezimmer. Alles ist nun barrierefrei. Alles hat die Familie alleine gemeistert. „Bei uns kam keiner vorbei, um uns an die Hand zu nehmen. Am Anfang kam uns nicht mal in den Sinn, Zuschüsse zu beantragen, weil alles so schnell gehen musste“, sagt die 26 Jahre alte Jurastudentin. „Es wäre eine große Hilfe gewesen, wenn uns jemand dabei unterstützt hätte. Schließlich mussten wir alle erst mal mit der neuen Situation klarkommen.“

Entgegen den Erwartungen lebt der Vater der jungen Frau noch – weiterhin zu Hause. Mittlerweile wird er rund um die Uhr medizinisch von einem Pflegedienst versorgt. Seine Ehefrau und die beiden Töchter übernehmen die Grundpflege wie Waschen und Verpflegung. Dass das möglich ist und die Familie immer noch zusammen wohnen kann, ist nur durch den Umbau möglich. Ihr Zuhause hat für Simsek eine ganz besondere Bedeutung – es ist das Haus, das ihr Vater selbst geplant und mitgebaut hat. Ein Ort des Zusammenseins, der Erinnerungen – und der Normalität.

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