Hamburger Justiz

Was man als Stammgast im Gerichtssaal lernt

| Lesedauer: 8 Minuten
Bettina Mittelacher
Jürgen Meyn vor dem Strafjustizgebäude am Sievekingplatz.

Jürgen Meyn vor dem Strafjustizgebäude am Sievekingplatz.

Foto: Michael Arning

Pensionär Jürgen Meyn ist seit zehn Jahren als Zuschauer bei Prozessen vor Ort. Dabei erlebt er unglaubliche Geschichten.

Hamburg. Der Entschluss fiel schon vor vielen Jahren: Wenn Jürgen Meyn in der Zeitung über Prozesse las, über diese Geschichten, die das Leben schreibt, wollte er gern eines Tages dabei sein. Nah dran am Geschehen, direkt im Gerichtssaal.

Seit nunmehr zwölf Jahren kommt der pensionierte Schriftsetzer regelmäßig als Zuschauer zu den Verhandlungen im Strafjustizgebäude, wenn es um Betrug, um Diebstahl, um Raub oder auch Mord geht. „Von Anfang an fand ich das alles sehr spannend“, erzählt der 76-Jährige. „Hier erfährt man, was wirklich los ist in der Welt.“

Regelmäßig hört sich Meyn Prozesse an

Regelmäßig zweimal die Woche nimmt Meyn morgens die U-Bahn zum Sievekingplatz in der Neustadt, um sich Prozesse anzuhören, meist dienstags und donnerstags. „Vormittags bis 10 Uhr schlafen oder viel vorm Fernseher zu sitzen ist nicht mein Ding“, sagt der Wandsbeker.

Früher sei er mit mehreren anderen Interessierten oft zu fünft oder sechst in den Gerichtssälen unterwegs gewesen, dann über viele Jahre zu zweit, er und ein guter Bekannter. Seit dieser vor knapp drei Jahren verstorben ist, zieht Jürgen Meyn allein durch die Prozesse von Amts- und Landgericht.

Die meisten Gerichtsverhandlungen können mitverfolgt werden

Die meisten Gerichtsverhandlungen können von interessierten Bürgern mitverfolgt werden. „Der Öffentlichkeitsgrundsatz ist ein wichtiges Prinzip unseres Rechtsstaats und garantiert, dass sich die Rechtsprechung nicht hinter verschlossenen Türen abspielt“, erklärt Gerichtssprecher Kai Wantzen. „Jeder soll sich ein eigenes Bild von der Arbeit der Gerichte machen können.“ Letztlich habe die Öffentlichkeit damit auch eine Kontrollfunktion für die Justiz. „Das dient dem Vertrauen in die Rechtsprechung und den Rechtsstaat.“ In Zeiten von Corona ist der Platz für die Öffentlichkeit allerdings wegen der geltenden Abstandsregeln deutlich begrenzt.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Auch nach vielen Jahren Erfahrung seien noch immer fast alle Gerichtsverhandlungen interessant, findet Rentner Jürgen Meyn, der sonst auch gern auf Reisen oder in der Natur unterwegs ist. „Wenn man manchmal im Fernsehen Krimis sieht, denkt man: Der Autor muss eine rege Fantasie haben.

Verhandlungen laufen nicht ab wie im TV

Aber wenn man öfter hier in den Gerichtsprozessen ist, weiß man: Nichts ist unmöglich.“ Auch bei Sendungen über Gerichtsverhandlungen wie früher mit Fernsehen-Richterin Barbara Salesch oder auch Alexander Hold wisse er, „dass das im TV nicht so abläuft wie in der Wirklichkeit. Wenn zum Beispiel im Fernsehen von hinten einer dazwischenquatscht oder Frau Salesch bei der Urteilsverkündung mit dem Hammer auf ihren Richtertisch schlägt. So ist das in Wahrheit nicht.“

Er finde es „beeindruckend, wie viele Straftäter geschnappt werden“, betont der Hamburger. Bei manchen Angeklagten, die er erlebt, denke er, „der erzählt Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. Ich weiß, es ist sein gutes Recht zu lügen. Aber wenn alle Beweise auf dem Tisch liegen, und einer sagt immer noch, er war’s nicht, dann wundere ich mich.“

Traurige Schicksale

Häufig sei es auch so, „dass ich mitfiebere, wie die Sache ausgeht. Und manchmal denke ich bei Urteilen, dass der Angeklagte noch billig weggekommen ist. Aber es gibt auch harte Strafen. Mitunter meine ich auch: Dieser hier hatte wirklich eine schwere Kindheit. Da sind traurige Schicksale dabei.“

Es gebe auch Verfahren, die für ihn schwer erträglich seien, erzählt der Wandsbeker. So wie der Prozess um den Tod der sieben Jahre alten Jessica, die in einem Hochhaus in Jenfeld verhungert war. Die Eltern hatten das Mädchen über Jahre in einem dunklen Zimmer eingesperrt und vernachlässigt.

Der Fall Yagmur

Sie wurden zu lebenslanger Freiheitsstrafe wegen Mordes verurteilt. Ganz entsetzlich bedrückend war für Meyn auch das Schicksal der kleinen Yagmur, die im Alter von drei Jahren an den Misshandlungen starb, die ihre Mutter ihr zugefügt hatte. „In den Prozess bin ich nach dem Auftakt nicht mehr reingegangen. Das schlägt mir zu sehr auf die Seele, die furchtbaren Schicksale dieser kleinen Mädchen.“

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

Auch den Prozess um den Tod der jungen Afghanin Morsal, die wie ihre westlichen Freundinnen frei leben wollte und von ihrem Bruder im Mai 2008 mit mehr als 20 Messerstichen ermordet wurde, hat Jürgen Meyn nur sporadisch besucht. „Bei solchen entsetzlichen Fällen geht es einem ganz schlecht.“

Attentat im Gerichtssaal

Im Januar 2017 wurde Meyn direkt im Gerichtssaal Zeuge eines Attentats auf eine junge Frau. „Es stand in der Zeitung, dass ein Mann vor Gericht stehen würde, der Jahre zuvor schon mal eine langjährige Haftstrafe wegen Mordes abgesessen hatte“, erzählt der 76-Jährige. Das hatte ihn interessiert. Jetzt war der 39-Jährige angeklagt, weil er seine Ex-Freundin bedroht und verletzt haben soll.

„Der Prozess fing ganz unspektakulär an. Die Ex-Freundin sagte aus, der Angeklagte wirkte dabei ganz normal. Aber auf einmal sprang er über seinen Tisch und griff die Frau an. Später kam heraus, dass der 39-Jährige sich im Knast Waffen gebastelt hatte.“ Die 25-Jährige wurde am Hals verletzt, auch der Staatsanwalt, der der jungen Frau zu Hilfe geeilt war, wurde verletzt.

Meyn holt sich Anregungen aus Tageszeitungen

Dann kam Wachpersonal, das den Angreifer überwältigte. Zu einem Prozess gegen den 39 Jahre alten Täter kam es nicht mehr. Wenige Tage, bevor er sich erneut vor Gericht verantworten sollte, beging der Mann Suizid in seiner Zelle.

Bei der Überlegung, welche Verhandlungen er sich angucken möchte, holt sich Meyn Anregungen aus Tageszeitungen, vor allem aus dem Hamburger Abendblatt. „Inzwischen weiß ich natürlich auch längst, wer die Schwurgerichte sind, wo über Mord und Totschlag verhandelt wird.“ Gern besuche er auch Verhandlungen im Amtsgericht, wo es beispielsweise um Diebstahl oder Betrug gehe. „Es ist erstaunlich, wie manche Menschen andere überzeugen können, dass es ihnen gelingt, den Opfern das Geld aus der Tasche zu ziehen.“

Spannende Ermittlungen

Um Betrug, aber schließlich auch um Mord ging es bei einem Verfahren, das Meyn in den vergangenen Monaten besonders interessiert hat. Ein 75-Jähriger war angeklagt, eine 91-Jährige getötet zu haben, deren Betreuer er war. Zuvor hatte er schon Zehntausende Euro vom Konto der dementen Frau abgezweigt und sie dann umgebracht, um an ihr Erbe zu kommen. Der Angeklagte wurde schließlich wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

„Ich fand das sehr spannend, wie die Ermittler das alles herausgefunden haben, unter anderem über die Kontobewegungen.“ Auch Verhandlungen über Ordnungswidrigkeiten interessieren den Rentner. „Es ist schon erstaunlich, dass jemand wegen eines Bußgeldes von vielleicht 20 oder 40 Euro vor Gericht zieht.

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Es ging zum Beispiel um Rotlichtverstöße, und der Anwalt hat Anträge über Anträge gestellt: wer das Messgerät geeicht hat und vieles mehr. Man wundert sich über den Aufwand bei so einem Betrag.“ Er werde sich auch weiterhin Prozesse ansehen, sagt Meyn. „Das würde ich auch jederzeit anderen empfehlen.“

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