Hauptkirche St. Michaelis

So soll der Hamburger Michel gerettet werden

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Finn Haberkost
Der Michel, Hamburgs stolzes Wahrzeichen, vom Turm der St.-Nikolai-Ruine aus gesehen.

Der Michel, Hamburgs stolzes Wahrzeichen, vom Turm der St.-Nikolai-Ruine aus gesehen.

Foto: Michael Rauhe

Das Wahrzeichen ist wegen fehlender Besucher in der Corona-Krise finanziell angeschlagen. Diese Aktion soll Einnahmen bringen.

Hamburg. Der Michel hat finanzielle Probleme: Seit dem Beginn der Corona-Pandemie bleiben die Besucher aus, und für Hamburgs Wahrzeichen fällt damit seine wichtigste Einnahmequelle weg – nur noch 15 Prozent der laufenden Kosten können aus der Kirchensteuer gedeckt werden. Dank der Mithilfe von mittlerweile 1700 Freunden des Michel, die sich an der Spendenaktion „Rettungsringe für den Michel“ beteiligt haben, konnte sich die St.-Michaelis-Kirche im vergangenen Jahr noch über Wasser halten. Doch auch 2021 steht man vor großen Herausforderungen.

Deshalb hat die Emporium Merkator Münzhandelsgesellschaft nun gemeinsam mit der Stiftung St. Michaelis eine Münzaktion ins Leben gerufen, die einen Beitrag zu der Rettung des Michel leisten soll. Im Laufe des Jahres werden zwölf Silbergedenkprägungen und mindestens eine Goldgedenkprägung herausgegeben, die anhand unterschiedlicher Motive von Meilensteinen der Michel-Geschichte erzählen.

St.-Michaelis-Kirche gewährt Einblick in Archiv

Anlässlich der ersten Gedenk­prägung und der dazugehörigen Spendenübergabe in Höhe von 10.000 Euro gewährt die St.-Michaelis-Kirche nun Einblicke in ihr geschichtsträchtiges Archiv. Das Abendblatt hat sich mit Hauptpastor Alexander Röder und dem Inhaber von Emporium Merkator, Achim Becker, durch Baupläne, Kirchenbücher und historische Aufzeichnungen des Hamburger Wahrzeichens gearbeitet.

Die Ursprünge des heutigen Michel lassen sich bis in das Jahr 1583 zurückverfolgen. Wie aus alten Grundrissen hervorgeht, legte die Hauptkirche St. Nikolai damals außerhalb der Stadtmauern einen Begräbnisplatz an und fügte diesem im Jahr 1600 eine Kapelle hinzu. Nach einer Ergänzung durch Turm und Glocke wurde die Kirche am Michaelistag eingeweiht.

1649: Grundstein­legung für Bau der St.-Michaelis-Kirche

Da im Zuge des Dreißigjährigen Krieges jedoch immer mehr Menschen innerhalb von Hamburgs Stadtmauern Schutz suchten, fand bereits im Jahr 1649 unter den Bauherren Christoph Corbinus und Peter Marquard die Grundstein­legung für den Bau der ersten großen St.-Michaelis-Kirche statt.

Eine Illus­tration nennt nach zwölf Jahren Bauzeit den 14. März 1661 als Tag ihrer Einweihung und berichtet, die Kirche sei am 10. März des Jahres 1750 „durch ein plötzliches Unwetter leider gänzlich in Asche gelegt worden“. Alten Zeitungsberichten ist zu entnehmen, dass es wohl ein Blitz gewesen war, der am 10. März um 11 Uhr in den Kirchturm einschlug und den Brand auslöste. Auch Aufzeichnungen des damaligen Türmers Hartwig Chris­toffer sind erhalten: „Den 2. März 1750 habe ich den Dienst angetreten, aber nur acht Tage verwaltet, weil den 10. März selbigen Jahres die Kirche samt Thurm durch einen unglücklichen Wetterstrahl in die Asche gelegt ward.“

Baumeister und Architekt konnten sich nicht ausstehen

Nur kurze Zeit nach dem Unglück setzte das Kirchenkollegium den berühmten Baumeister Johann Leonard Prey und den Architekten Ernst Georg Sonnin als Leiter für den Wiederaufbau der St.-Michaelis-Kirche ein. Die praktischen Erfahrungen des einen sollten von den akademischen Kenntnissen des anderen ergänzt werden.

Diese Hoffnung, so Hauptpastor Röder, wurde jedoch schnell enttäuscht: „Sonnin und Prey konnten sich nicht ausstehen. Sonnin meinte, dass Prey ein Stümper sei. Prey wiederum hielt Sonnin für einen arroganten Grünschnabel.“ Der Konflikt zwischen den beiden ungleichen Bauherren endete erst mit dem Tod von Prey im Jahr 1757 – Sonnin hatte nun freie Bahn.

„Sonnin war eigentlich Mathematiker und ein genialer Typ"

Dieser war zwar zu Lebzeiten umstritten, verringerte aber immer wieder durch brillante Erfindungen und technische Lösungen die Bauzeit der Kirche. Auch Röder schwärmt: „Sonnin war eigentlich Mathematiker und ein genialer Typ: unglaublich intelligent und gleichzeitig sehr humorvoll.“

Was Sonnins weitere Gestaltung der Kirche anbetrifft, hat Röder eine interessante Theorie: „Meiner Meinung nach stehen Architektur und Bau im Zeichen reiner Aufklärung. Im Gegensatz zu klassischen Buntglasfenstern des Mittelalters setze Sonnin auf Klarglas. Die Welt außerhalb der Kirche wird sichtbar und die starke Trennung zwischen dem Heil der Kirche und der Schlechtigkeit der Welt verschwindet.“ Der zweite Michel-Bau ist auf der Münze (unten) zu sehen.

Michaeliskirche brannte 1906 nieder

Rund 120 Jahre blieb die zweite große Michaeliskirche in dieser Form bestehen, bis sie 1906 in Folge einer Unachtsamkeit bei Lötarbeiten erneut bis auf die Grundmauern niederbrannte. Wie Röder erzählt, ist es zahlreichen Fotografie-Läden in der Umgebung des Michel zu verdanken, dass der Brand damals bestens dokumentiert wurde: „Die Menschen sind sofort mit ihren Stativen auf die Dächer gestiegen und haben angefangen zu fotografieren.“

Auf Drängen der Bevölkerung setzte sich bei der Debatte um den Wiederaufbau der Kirche schließlich eine rekon­struktive Form durch, die Rücksicht auf den Wahrzeichen-Charakter des Michel nahm.

Materialien aus der ganzen Welt

Eine markante Differenz zwischen der alten und neuen Kirche gab es dennoch, wie Röder erklärt: „Der größte Unterschied bestand darin, dass anstelle von Holz und Backstein aus Norddeutschland nun Materialien aus der ganzen Welt verwendet wurden. Um den Kolonialmachtsanspruch des Kaiserreichs zu unterstreichen, waren Bänke nun aus Teakholz und die Kanzel aus Marmor.“ Im Archiv des Michel im Keller des Kirchenbüros erzählen Tausende von Kirchenbüchern und Dokumente von der Geschichte der Kirche.

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Ein letztes Mal wurde der Michel kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs schwer beschädigt. Nachdem die Kirche 1943 mit viel Glück von den Luftangriffen der Operation Gomorrha verschont geblieben war, schlugen im März 1945 mehrere Sprengbomben in das Gotteshaus ein. Da sie jedoch im Dachstuhl und dem Altarraum explodierten, kam keiner der 2000 Menschen zu Schaden, die in dem Gruftgewölbe Schutz gesucht hatten. Inzwischen wurde der Michel nicht nur repariert, sondern erfuhr von 1983 bis 2009 eine vollständige Renovierung.

Münzaktion soll Geschichte des Michels greifbar machen

Mit seiner Münzaktion möchte der Inhaber von Emporium Merkator, Achim Becker, die Geschichte des Michel nicht nur greifbar machen, sondern vor allem dafür sorgen, dass sie weitergeht. Im Laufe des Jahres werden zwölf verschiedene Münzmotive herausgegeben, deren Erlöse anteilig der Kirche zugutekommen. Emporium Merkator ist ein halbes Jahrhundert im internationalen Münz- und Edelmetall-Handel tätig. Becker freut sich, dem Wahrzeichen seiner Heimatstadt nun unter die Arme zu greifen.

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