Gastbeitrag

Schluss mit der Angst: Das Leben ist mehr als Corona!

| Lesedauer: 11 Minuten
Dietrich Grönemeyer
Eine Intensivpflegerin in Schutzkleidung auf einer Covid-19-Intensivstation.

Eine Intensivpflegerin in Schutzkleidung auf einer Covid-19-Intensivstation.

Foto: Robert Michael/ picture alliance / dpa

Wir haben ein hartes Jahr hinter uns, weil ein Virus zeigte, wie verletzlich wir sind – sagt Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer.

Hamburg. Alles dreht sich um Corona, in den Medien, in der Politik, in der Wirtschaft und nicht zuletzt daheim, in den eigenen vier Wänden. Das ist einerseits verständlich. Jeder ist der infektiösen Bedrohung aus dem Hinterhalt ausgesetzt. Und keiner kann sagen, wie es ihm ergehen wird, hat er sich erst einmal angesteckt. Alles richtig! Und dennoch: Leben ist mehr, auch in den Zeiten der Pandemie.

Je weiter die Beschäftigung mit dem einen die anderen Themen unseres Daseins verdrängt, desto mehr verengt sich unser Blick auf das Ganze. Die wachsende Angst nimmt der Hoffnung die Luft. Bad News von morgens bis abends. Das hält keine Gesellschaft auf Dauer aus. Das nimmt ihr die Kraft, die sie brauchte, um der Gefahr Herr zu werden.

Fixierung auf Verbote verstellt Blick auf Vielfalt des Lebens

Mit der Fixierung auf Verbote und existenzielle Einschränkungen wird es uns nicht gelingen, dem Coronavirus den Garaus zu machen. So nötig Maskenpflicht, Quarantäne und Kontak­tbeschränkungen, die Schließung von Restaurants, Theatern und Museen momentan sein mögen, wenn unsere Gedanken nur noch um die Verhängung dieser Maßnahmen kreisen, um die steigenden Infektionszahlen wirkt das lähmend.

Resignation folgt der politischen und medial befeuerten Krisenkommunikation auf den Fuß. Ein wachsendes Risiko, das man nicht ernst genug nehmen kann. Einschüchterung macht keinen Mut. Sie verstellt nur den Blick auf die Vielfalt des Lebens, auf all das, was helfen könnte, die Widerstandskraft der Gesellschaft und jedes Einzelnen zu stärken, weil es ein Gefühl der Sicherheit vermittelt, Freude trotzt allem.

Arbeit von Klinikpersonal muss geschätzt werden

Nein, das bedeutet nicht, den Ernst der Lage zu unterschätzen. Und ja, Covid-19 ist eine der größten Herausforderungen, vor die uns die Natur in den letzten Jahrzehnten gestellt hat. Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger, Putzkräfte, Verwaltungsangestellte oder Rettungssanitäter müssen jetzt sehr viel mehr leisten als im üblichen Krankenhausbetrieb. Auch Polizisten und Soldaten.

Das verdient besondere Anerkennung, zumal gerade die Arbeit der Krankenschwestern schon vor Corona viel zu wenig geschätzt wurde. Weltweit sterben jährlich mehr als vier Millionen an einer Lungenentzündung! In deutschen Krankenhäusern ca. 30.000 und etwa 15.000 Menschen an multiresistenten Keimen.

Aufklärung zur Prävention von Viren fehlt

Woran es uns vor allem fehlt, ist eine ebenso umfassende wie sachlich-nüchterne Aufklärung der weltweiten Bevölkerung zur Prävention vor Viren und Bakterien sowie die Immunstärkung. Auch der Umgang mit Corona-Infizierten in Familien und Betrieben oder während der Quarantäne sowie die frühe Erkennung der Gefahr mittels Schnelltestverfahren wie Antigentests oder die neuen Spucktests. Das würde helfen, generelle Lockdowns weitgehend zu verhindern und dafür lokal begrenzte Quarantänemaßnahmen zu ermöglichen. So überrascht wie derzeit sollten wir auch neuen Erregern oder Infektionswellen nicht mehr ausgeliefert sein.

Weitere hektisch ausgerufene Lockdowns werden sich die Länder und die Weltwirtschaft wirtschaftlich nicht leisten können. Schließlich werden dabei Unsummen und Produkte vernichtet, auf die nicht zuletzt die Medizin angewiesen ist, um den Menschen in der Not helfen zu können. Nicht zu reden von den psychischen und sozialen Folgen jeglicher Stilllegung des wirtschaftlichen und öffentlichen Lebens.

Zukunft nicht vorhersehbar

Da ich die Zukunft nicht kenne, kann ich nichts über sie sagen. Nur Politiker, scheint es mir manchmal, beherrschen diese demagogische Quadratur des Kreises, wenn sie etwa versprechen, innerhalb weniger Monate sei ein ganzes Volk durchgeimpft und alle Menschen immun gemacht.

Mir als Arzt würde das nicht abgenommen, von ihm erwarten die Menschen Aussagen, die Hand und Fuß haben. Die Medizin, die wir verschreiben, muss lieferbar sein. Heißt für mich, ich kann allein nur von dem ausgehen, was ich kenne, und nicht verbreiten, was ich mir wünsche oder was geeignet scheint, die Menschen rhetorisch ruhigzustellen. Nur den Status quo kenne ich tatsächlich!

Medizin stetig im Wandel

Das Rad müssen wir nicht neu erfinden. Erstens ist die Apotheke der weltweiten Naturheilkunde mit Therapeutika so vollgestopft, dass wir uns da noch lange – vor allem auch vorbeugend – bedienen können und nicht immer gleich nach dem Neuen verlangen müssen, womit nichts gegen die Notwendigkeit medizinischer Forschung gesagt sein soll. Ihre Erfolge sprechen für sich.

Außerdem ändern sich die Zeiten fortlaufend, manchmal glücklich, manchmal bedrohlich wie eben in der Corona-Krise. Kinder machen ganz andere Erfahrungen als noch vor einigen Jahren. Die Medizin ist kein abgeschlossenes Kapitel. Das wird sie nie sein. Seit Jahrtausenden geht sie mit der Zeit. Immer neue Erkenntnisse kommen hinzu. Pandemien wie die Pest, Ebola oder Sars sind besiegt worden, Pocken vernichtet!

Impfung kann Ausbreitung des Virus befeuern

Das sind Fakten, die Mut machen, aus dem Erreichten Visionen über den Tag hinaus zu entwickeln, gerade jetzt, da sich alles um Corona dreht. Allein mit der Fixierung auf Verbote und existenzielle Einschränkungen wird es nicht gelingen, die Coronaviren zu eliminieren oder wenigstens ihre Ausbreitung einzudämmen. Manche Dinge blieben sträflich ungesagt oder fanden bisher keine Beachtung.

Ein Beispiel: Ist das Virus erst einmal im Körper, kann es leicht geschehen, dass seine Ausbreitung durch die Impfung zusätzlich befeuert wird. Die Impfgeschichte hat das oft genug bewiesen. Prof. Albrecht von Müller, Direktor des interdisziplinären Parmenides Foundation for the Study of Thinking, hat an der Münchner Universität mit seinem Team ein Konzept erstellt, das vor jeder Impfung digital wichtige Informationen über den aktuellen Zustand des zu Impfenden erfasst, die dann fortlaufend nach den dringend notwendigen Schnelltests und Impfungen zu ergänzen sind.

Geimpfte können Tage nach Impfung ansteckend sein

In der bedrohten Öffentlichkeit war bisher erst wenig bis nichts zu hören zu der Tatsache, dass sich ein Geimpfter noch Tage nach der Impfung anstecken und vielleicht selbst Überträger sein kann. Und schon jetzt zeichnet sich ab, dass wir diese Pandemie nur besiegen können, wenn wir uns neben den rein medizinischen auch alle digitalen Möglichkeiten nutzbar machen – von schlauen KI-gesteuerten Apps bis hin zu aussagefähigen Tracking-Systemen.

Die Entwicklung von Antigen- und Antikörper-Schnelltests und Corona-Impfstoffen hat gezeigt, über welche wissenschaftlichen Kapazitäten wir in Europa international verfügen und mit welcher Kompetenz und Schnelligkeit die digitale Vernetzung der Forscher und Entwickler zu hochkarätigen Resultaten führt. An der nötigen Technik fehlt es uns ebenso wenig wie an exzellenten Forscherinnen und Forschern, auch nicht an Investoren, die sich für Neues engagieren, weil sie vom Nutzen der Sache überzeugt sind, bevor sie an den Profit denken.

Impfstoff macht Hoffnung für andere Krankheiten

Ohne den Einsatz von Leuten wie von Thomas und Andreas Strüngmann wäre ein Unternehmen wie Biontech nie auf die Beine gekommen. Auch ihr gesundheitswirtschaftlicher Pioniergeist hat wesentlich dazu beigetragen, dass wir jetzt über einen neuartigen Impfstoff verfügen, dessen Grundlage Hoffnung macht auch für weitere zukünftige Infektionen und Erkrankungen wie Krebs oder MS.

Befreit von bürokratischen Hemmnissen könnte die Überwindung der Pandemie in absehbarer Zeit gelingen. Vorausgesetzt, es würde endlich genug hiervon produziert und verteilt – wie auch Produkte anderer Hersteller, wenn sie umfangreich getestet und zertifiziert sind.

Bürgern sollte ganze Wahrheit zugemutet werden

Doch auf all das, auf das Zusammenwirken von Forschung, Produktion, Logistik und Aufklärung und digitale Vernetzung der Ärzte, Gesundheitsämter und Krankenhäuser bis hin zu den Pflegeheimen, wird kaum Wert gelegt. Das Verschweigen von Gefahren, von denen man fürchtet, sie würden die Menschen doch nur verunsichern, hilft nicht weiter. Die Bürger sind mündig, die Wahrheit ist ihnen, wie Ingeborg Bachmann einmal sagte, „zumutbar“. Nur wenn sie wissend entscheiden, fühlen sie sich auch sicher.

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Wissen schafft Vertrauen, Verbote hingegen wecken Misstrauen, berechtigt oder unberechtigt. Vertröstungen, Versprechen, die sich nicht erfüllen, hinterlassen Zweifel, bis sie schließlich Verschwörungstheorien nach sich ziehen. Deshalb auch fordere ich seit Jahrzehnten schon die Einführung eines regulären Gesundheitsunterrichts in den Schulen. „Zu teuer“, bekomme ich dann meist zu hören. Dabei hätte diese Aufklärung sich schon jetzt bezahlt gemacht. Die Wissenden könnten überzeugt und nicht bloß gehorchend akzeptieren, was ihnen Corona an Einschränkungen abverlangt.

Aufklärung über Immunsystem wichtig

Im Gesundheitswesen fehlt es an Transparenz und am Zusammenwirken, der Koordination aller Beteiligten, und das nicht nur bei der Bekämpfung einer Pandemie. Das beste Medikament taugt nichts, wenn nicht von vornherein daran gedacht wird, wie es an die Frau, das Kind oder den Mann zu bringen ist, die Patienten nicht bloß über Wirkungen, sondern zugleich über Nebenwirkungen aufgeklärt werden. Und zu denen zählen nun mal auch die psychischen, die sozialen, die gesellschaftlichen und die wirtschaftlichen eines notgedrungen verhängten Lockdowns, dessen Erfolge weiter auf sich warten lassen.

Auch wie jeder Mensch seine eigene Abwehrstärke erhalten und verstärken könnte, gehört zur Aufklärung dazu: Bewegung, Sport, vollwertige Ernährung, Entspannung und genügend Schlaf genauso wie durch spezielle Heilpflanzenprodukte oder im wahrsten Sinne des Wortes belebende Wanderungen, wenn möglich viel in Wäldern. Die Aromastoffe vor allem der Nadelbäume wirken antiviral und keimreduzierend, und die Entspannung macht den Kopf frei und entstresst.

Corona-Krise: Natur ist nicht berrechenbar

Die Menschheit wäre für die Zukunft gewappnet, wenn folgende zehn essenziellen Maßnahmen digital verbrieft ab sofort Berücksichtigung finden würden:
1. Medizinische Aufklärung, 2. Digitale Anamnese, 3. Antigen- und 4. Antikörperschnelltest, 5. Impfung, 6. Digitale Nachverfolgung, 7. Stärkung des körperlichen und psychischen Immunsystems, 8. Nachverfolgung der Antikörpersituation, 9. Gesundheitsunterricht, 10. Hygienestandards.

Wir sollten uns nicht länger von der Krise gedanklich bannen lassen, stattdessen wieder das Ganze ins Auge fassten. Viel zu lange haben wir verdrängt, dass die Natur nicht immer berechenbar ist, Risiken – und auch der Tod – zum Leben gehören. Wenn wir den Gedanken wieder zulassen würden, könnten wir daraus neuen Mut und Widerstandskraft schöpfen. Eine ganzheitliche Weltsicht und weltmedizinische Maßnahmen, mit denen wir körperlich und psychisch gesünder durch die Krise kämen als mit der fortgesetzten Fixierung auf alle möglichen Kontaktbeschränkungen. Leben ist mehr!

Das Magazin „Professor Dietrich Grönemeyer – Medizin mit Herz & Seele“ kostet 6,90 Euro und ist in den üblichen Verkaufsstellen und über Amazon erhältlich. Weitere Themen der aktuellen Ausgabe: Corona-Langzeitfolgen, Polyneuropathie, Wechseljahre,
Allergien. Wenn die Seele leidet.

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