Hamburg

Eigentümer lässt historische Villa in Lokstedt verfallen

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Friederike Ulrich
Thomas Kraske steht vor der seit langem verlassenen Villa Niendorfer Straße 70.

Thomas Kraske steht vor der seit langem verlassenen Villa Niendorfer Straße 70.

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Denkmalgeschütztes Haus steht seit fünf Jahren leer und verwahrlost. Jetzt hat Nachbar Thomas Kraske die Politik eingeschaltet.

Hamburg. Was geschieht mit der sandfarbenen Villa an der Niendorfer Straße 70? Das 1892 errichtete Gebäude mit der schmuckvollen Fassade und den kunstvollen Fenstereinfassungen steht seit fünf Jahren leer und verwahrlost zusehends.

Ein Bauzaun signalisiert, dass hier bald etwas geschehen könnte. Tatsächlich ergeben Recherchen im Internet, dass auf dem hinteren Grundstücksteil ein Neubau mit mehreren Wohnungen errichtet und die Villa saniert werden soll. Das Vorhaben will Investor Markus S., der die Villa 2019 gekauft hat, mit Hilfe von Kapitalanlegern finanzieren. Wie es um das Projekt steht, ist nicht herauszufinden: Die angegebenen Telefonnummern und die Internetseite seiner Firma sind ungültig.

Villa in Lokstedt: Denkmalschutz erreicht Eigentümer nicht

Das Denkmalschutzamt versucht vergeblich, den Eigentümer zu erreichen, seit eine Genehmigung für denkmalgerechte Baumaßnahmen Ende vergangenen Jahres abgelaufen ist. Und auch Nachbar Thomas Kraske hat mit Anrufen und Mails keinen Erfolg.

Der ehemalige Chemie- und Physiklehrer wohnt seit fast 60 Jahren neben der sandsteinfarbenen Villa und sorgt sich sehr um ihren Zustand. Er kannte sowohl den früheren Eigentümer gut, der schon vor langem starb, als auch dessen Adoptivsohn. Von diesem erfuhr Kraske erstmalig von Plänen, durch Einnahmen aus dem Neubau die Sanierung der Villa zu finanzieren. Doch der Adoptivsohn „habe wohl kalte Füße gekriegt“, vermutet der Nachbar, und die Villa 2019 an Investor S. verkauft.

Nachbar befürchtet: Villa könnte abgerissen werden

„Ich mache mir große Sorgen, dass hier bald ein weiteres historisches Lokstedter Gebäude abgerissen werden könnte“, sagt der 71-Jährige. Zwar stehe die Villa unter Denkmalschutz – aber was, wenn sich der Eigentümer nicht kümmere und Fristen verstreichen ließe, so dass sich das Gebäude unweigerlich dem „anerkannten Verfall“ nähere? Ist dem Besitzer eines Denkmals dessen Erhalt irgendwann wirtschaftlich nicht mehr zumutbar, dürfe er es bekanntlich abreißen.

Seit 2018 ist Kraske mit dem Denkmalschutz in Kontakt. Anlass war ein Rundgang, den der Adoptivsohn des verstorbenen Nachbarn mit ihm durch die Villa gemacht hatte. „Dabei hat er mir erzählt, was bei einer von ihm in Auftrag gegebenen Untersuchung festgestellt worden war: giftiges Holzschutzmittel im Dachgeschoss, tragende Elemente von Schwamm und Holzbock befallen und das ganze Gebäude einsturzgefährdet“, erinnert sich Kraske.

Wechselnde Ansprechpartnerinnen im Denkmalschutzamt

„Ich war schockiert und meldete das dem Denkmalschutzamt.“ Mittlerweile habe er es dort bereits mit der dritten Mitarbeiterin zu tun. Jede müsse sich erst wieder in das Projekt einarbeiten. „Das ist für den Fortbestand der Villa eine außerordentlich kritische Situation.“

Nach seinen Beobachtungen hätten in den letzten vier Jahren keine nennenswerten bautechnischen Sanierungs- oder Instandhaltungsarbeiten an und in der Villa stattgefunden. Das Gebäude werde weder beheizt noch belüftet, das Grundstück verwahrlose, und der Eigentümer kümmere sich weder um das Schneeräumen oder das Beseitigen herabfallender Äste auf den Fußweg. „In mir wächst der Verdacht, dass das Denkmalschutzamt allein mit der Rettung der Villa überfordert zu sein scheint“, sagt Kraske, der jetzt die sechs Bürgerschaftsabgeordneten aus dem Wahlkreis um Unterstützung gebeten hat.

Im Gebiet gibt es Probleme mit feuchten Kellern und Garagen

Dass bislang kein Eigentümer die Neubau- und Sanierungspläne umgesetzt habe, könnte aus Kraskes Sicht neben den hohen Kosten für eine denkmalgerechte Sanierung auch an dem hohen Grundwasserspiegel liegen. Das gesamte Areal gehört zu einem Feuchtwiesengebiet und war wegen der guten Grundwasserversorgung früher ein bevorzugter Wäscherei-Standort. Keller und Tiefgaragen sind hier nur schwierig umzusetzen.

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Sein Vater, ein Architekt, wusste das, sagt Kraske. Daher habe sein Elternhaus keinen Keller, ebenso wenig wie das Haus seiner Tochter, die 2011 auf demselben Grundstück gebaut hat. Bei einem vor einigen Jahren entstandenen Neubau in der Nachbarschaft hatten sich dagegen erhebliche Feuchtigkeitsprobleme in der Tiefgarage ergeben.

Drei der angeschriebenen Abgeordneten haben Thomas Kraske bereits versprochen, sich mit dem Thema zu befassen. Auch das Denkmalschutzamt will die Villa weiter im Auge zu behalten. Eine Verfügung, das Objekt zu sichern, könne jedoch nur dann ausgesprochen werden, wenn das Gebäude beispielsweise offenkundig undicht sei, so Sprecherin Marianne Kurzer zum Abendblatt. Das sei nach derzeitigem Kenntnisstand aber nicht der Fall.

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