Corona-Pandemie

Lockdown: „Viele Schüler geraten in die soziale Isolation”

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Peter Wenig
Thilo von Trott ist Vorstand der Evangelischen Stiftung Alsterdorf.

Thilo von Trott ist Vorstand der Evangelischen Stiftung Alsterdorf.

Foto: Marcelo Hernandez

Thilo von Trott, Vorstand der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, über die Herausforderungen der Pandemie an den Bugenhagenschulen.

Hamburg. An den Bugenhagenschulen der Evangelischen Stiftung Alsterdorf werden 230 Kinder mit einem Handicap unterrichtet, davon lernen 115 an der Schule für Kinder mit besonderem Förderbedarf am zentralen Standort Alsterdorf. Im Abendblatt spricht Thilo von Trott, im Vorstand der Stiftung auch zuständig für Bildung, über die besonderen Herausforderungen in Zeiten der Corona-Pandemie.

Hamburger Abendblatt: Herr von Trott, wie viele Schülerinnen und Schüler der Förderschule kommen zum Präsenzunterricht?

Thilo von Trott: Die Quote liegt bei ungefähr 25 Prozent. Auch an unserer Schule sind die Eltern angehalten, ihre Kinder möglichst zu Hause zu betreuen. Aber wenn die Eltern sagen, dass sie es nicht schaffen, können sie ihr Kind selbstverständlich bringen. Wir schicken kein Kind weg.

Kontrollieren Sie, ob die Eltern nicht in Wahrheit doch ihr Kind daheim betreuen könnten?

von Trott: Nein. Und es mag Einzelfälle geben, wo die Betreuung zu Hause durchaus möglich gewesen wäre. Aber viel wichtiger ist für uns, die Situation der Kinder im Blick zu behalten, die daheim betreut werden. Wir müssen verhindern, dass die Kinder darunter leiden, falls die Familie überfordert sein sollte.

Wie machen Sie das?

von Trott: Zu einem vereinbarten Termin machen wir jede Woche einen Videoanruf bei der Familie und sprechen mit dem Kind und einem Elternteil. Das ist vergleichbar mit einem Lernentwicklungsgespräch. Wir fragen das Kind, wie es ihm geht, was es diese Woche gemacht hat, ob es sich wohlfühlt. Und wenn wir spüren, dass es für das Kind besser wäre, wenn es in die Schule kommt, bitten wir die Eltern, es für die Betreuung in der Schule anzumelden.

Kann digitaler Unterricht für Kinder mit einem hohen Förderbedarf überhaupt funktionieren?

von Trott: Doch das geht. Und die meisten Kinder genießen es, dass sie sich zumindest virtuell treffen können.

Und die Technik?

von Trott: Da haben wir nach den Erfahrungen des ersten Lockdowns entsprechend aufgerüstet. Unsere Schulen haben jetzt allesamt sehr gutes WLAN. Und Kindern, die nicht über eine digitale Ausstattung verfügen, leihen wir ein Gerät.

Wie sehr fehlt gerade diesen Kindern der Schulbesuch?

von Trott: Sehr. Und das ist ein ganz großes Pro­blem. Schule ist gerade für Kinder mit einer Behinderung die soziale Bindungsstätte. Jetzt geraten viele in die soziale Isolation. Und das ist kritisch. Hinzu kommt, dass zum Beispiel Kindern mit Autismus die gewohnte Struktur mit Regeln und Ritualen fehlt, was Eltern vor eine zusätzliche Herausforderung stellt. Deshalb versuchen wir insgesamt auch weiterhin, auf feste Bezugspersonen zu setzen.

Wie groß ist die Angst der Lehrkräfte und der Erzieherinnen und Erzieher sich anzustecken?

von Trott: Die Sorge gibt es, keine Frage. Aber offenbar funktionieren unsere strikten Hygienekonzepte mit klaren Kohorten-Einteilungen. Wir hatten zum Glück bislang weder in den Kitas noch in den Schulen einen Corona-Ausbruch.

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Wie ist die aktuelle Situation bei den Praktikumsplätzen, die ja gerade für Förderschüler in den höheren Jahrgängen sehr wichtig sind?

von Trott: Fast aussichtslos, leider. Beispielsweise Werkstätten unterliegen einem sehr strengen Hygieneplan, der ein Praktikum dort zurzeit nahezu unmöglich macht. Unternehmen, mit denen wir sonst sehr gut zusammenarbeiten, signalisieren uns, dass weite Teile ihrer Belegschaft ohnehin im Homeoffice sind, also ein Praktikum keinen Sinn macht. Und natürlich wollen alle Firmen das Risiko einer Infektion für ihre Mitarbeiter minimieren. Dafür haben wir volles Verständnis.

Haben die Folgen der Pandemie auch eine gute Seite?

Ja, der Schub bei der Digitalisierung wird uns in der Nach-Corona-Phase helfen. Wir können die entwickelten Konzepte weiternutzen. Warum soll man nicht künftig einen Nachmittag in der Woche auf Fernunterricht setzen, damit Kinder an Bildschirmen ihre Aufgaben erledigen können und die Lehrer gezielter dort unterstützen, wo individuell ein Bedarf ist bei der Wissensvermittlung?

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