Corona in Hamburg

Inzidenz stagniert – Leonhard sieht Pendeln als Ursache

| Lesedauer: 8 Minuten
Andreas Dey und Marc Hasse
Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) rätselt über die Corona-Fallzahlen in Hamburg.

Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) rätselt über die Corona-Fallzahlen in Hamburg.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Das Rätsel um die Fallzahlen beunruhigt den Senat. Dank neuer Lieferungen können bald aber andere Gruppen geimpft werden.

Hamburg.  Einen Schritt vor, einen zurück, zwei seitwärts und dann wieder von vorn – so geht das in Hamburg beim Thema Corona nun schon seit elf Tagen. Seit die Inzidenz, also die Anzahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen, am 6. Februar erstmals seit Oktober wieder unter die Marke 70 gefallen ist, pendelt sie in dem schmalen Korridor zwischen 66 und 70. Eine Tendenz? Nicht erkennbar.

Auch am Mittwoch blieb das so: Mit 237 neuen Fällen wurden 18 mehr als vor einer Woche registriert, die Inzidenz stieg dadurch um einen Punkt auf 68,1. Damit war der minimale Fortschritt des Vortages wieder dahin. Wie schon Bürgermeister Peter Tschentscher im Abendblatt-Interview hatte auch Sozialsenatorin Melanie Leonhard (beide SPD) am Mittwoch keine schlüssige Erklärung dafür, warum der Abwärtstrend ins Stocken geraten ist.

Unerfreuliche Lage wegen Corona in Hamburgs Kliniken

Ein Grund könnte ein gewisser „Großstadt-Effekt“ sein, sagte sie: In Ballungsräumen steige das Infektionsgeschehen oft schneller an, gehe dann aber langsamer zurück. Allerdings würde sich dann die Frage stellen, warum die Inzidenz zum Beispiel in Berlin stetig sinkt und schon bei 53,7 liegt. Ein weiterer Grund seien die Pendler, so Leonhard: So seien zuletzt mehrere Corona-Ausbrüche, etwa bei Airbus und in zwei Kitas, zumindest teilweise von auswärtigen Mitarbeitern ausgelöst worden.

So funktioniert das Hamburger Corona-Impfzentrum:

Im Video: So funktioniert das Hamburger Corona-Impfzentrum

Unerfreulich war am Mittwoch auch die Lage in den Kliniken: Mit 330 Covid-19-Patienten wurden drei mehr als am Vortag behandelt, darunter 83 (plus zwei) auf Intensivstationen. Es gab fünf weitere Todesfälle, die Gesamtzahl stieg auf 1202. „Unsere Zahlen sind nicht so, wie wir uns das wünschen“, räumte Leonhard ein. Während aus diesem Grund auch die mögliche Rückkehr der Kitas zum eingeschränkten Regelbetrieb im Lauf der März-Ferien noch keineswegs sicher sei, konnte die Senatorin beim Impfen eine Perspektive aufzeigen.

Impfstofflieferungen im März

Spätestens in der kommenden Woche werde Hamburg schrittweise damit beginnen, auch Personen aus der „Prioritätsgruppe II“ einzuladen, kündigte Leonhard an. Nachdem bislang über 80-jährige Bewohner und die Mitarbeiter in Heimen sowie besonders gefährdetes medizinisches Personal vorrangig geimpft wurde (und zum Teil noch wird), seien nun unter anderem Menschen mit schweren Vorerkrankungen, Polizisten, Soldaten, Hebammen, Therapeuten sowie weiteres medizinisches Personal an der Reihe – etwa in Hausarztpraxen.

Ein Grund, die zweite Impfstufe zu eröffnen, sind die Impfstofflieferungen. So rechne man für März zwar mit 45.600 Dosen des Herstellers AstraZeneca. Da der aber nur für unter 65-Jährige zugelassen sei, biete er sich für Berufstätige an, so Leonhard. Für die derzeit noch zu Impfenden über 80-Jährigen komme er ebenso wenig in Frage wie für die 70- bis 79-Jährigen. Die sind zwar auch in Gruppe II, müssen aber zunächst warten, bis ihre noch älteren Mitbürger geimpft sind – wann das der Fall sein wird, ist offen.

Warnung vor Kritik an dem Impfstoff von AstraZeneca

Diese Altersgruppen werden fast ausschließlich mit dem Biontech-Vakzin geimpft, von dem Hamburg künftig bis zu 23.000 Dosen pro Woche erwartet. Theoretisch kommt zwar auch der Moderna-Impfstoff infrage, doch dieser werde nur in geringer und schwankender Größenordnung geliefert, sagte Leonhard. Daher gebe man ihn komplett an die Krankenhäuser weiter, die ihr Personal in Eigenregie impfen.

Die AHAL-Regeln gegen Corona: So verringern sie das Ansteckungsrisiko

  • Abstand halten: Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum, und halten Sie mindestens 1,50 Meter Abstand zu anderen Personen
  • Hygiene: Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund, waschen Sie sich regelmäßig die Hände mit Seife und achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Im Alltag Maske tragen: Auch wo die (erweiterte) Maskenpflicht nicht gilt, ist es empfehlenswert, sich und andere vor Ansteckung zu schützen. FFP2-Masken oder OP-Masken bieten Schutz vor Ansteckung
  • Lüften: Wenn Sie sich mit anderen Personen in einem Raum aufhalten, lüften Sie regelmäßig, um das Risiko einer erhöhten Viruskonzentration in der Raumluft zu verringen
  • Außerdem: Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an Ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

Wie die Sozialsenatorin warnte auch der Bundesvorsitzende des Verbandes der niedergelassenen Ärzte Deutschlands, Dr. Dirk Heinrich, vor Kritik an dem Impfstoff von AstraZeneca: „Der Impfstoff von AstraZeneca ist wie die anderen derzeit zugelassenen Impfstoffe von Moderna und Biontech ein elementarer Baustein zum Weg aus der Pandemie“, sagte Heinrich, der auch ärztlicher Leiter des Hamburger Impfzentrums in den Messehallen ist.

Untersuchungen zur Verbreitung von Mutanten werden ausgeweitet

„Wer aus Gründen des Populismus und der Selbstdarstellung den Impfstoff von AstraZeneca schlechtredet, indem er die Wirksamkeit anzweifelt und medizinischem Personal von einer Impfung abrät, macht sich mitschuldig daran, wenn der Lockdown länger dauert als nötig und gerade die älteren Menschen weiter an Covid-19 sterben.“ Zuletzt hatten viele Geimpfte, auch in Hamburg, über schwere Nebenwirkungen geklagt. Das sei zwar unangenehm, aber nicht ungewöhnlich, sagte auch die Senatorin: „Das ist die erwünschte Impfreaktion.“

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Vor dem Hintergrund, dass Varianten des Coronavirus eine maßgebliche Rolle für das weitere Infektionsgeschehen spielen könnten, werden auch in Hamburg die Untersuchungen zur Verbreitung solcher Mutanten ausgeweitet. Von der Stadt mit 377.000 Euro unterstützt, wollen das Uniklinikum Eppendorf (UKE) und das Heinrich-Pette-Institut für experimentelle Virologie (HPI) in den kommenden sechs Monaten etwa 4000 der in Hamburg auftretenden SARS-CoV-2-Fälle sequenzieren.

Das entspreche bei den bisherigen zugrundeliegenden Fällen etwa zehn Prozent der positiv getesteten Fälle in der Hansestadt, erklärt der Senat – und das wäre doppelt so viel, wie Bund und Länder vereinbart hatten. Eine Untersuchung des Virenerbguts dauert in der Regel zwischen fünf und sieben Tagen.

Brasilianische Corona-Variante bisher nicht in Hamburg nachgewiesen

Zwar hatten UKE und HPI schon seit dem Beginn der Corona-Pandemie insgesamt mehr als 1700 SARS-CoV-2-Genome in Hamburg untersucht – allerdings größtenteils auf eigene Kosten. Bis Oktober seien die Analysen systematisch durchgeführt worden, danach nur noch bei lokalen Ausbrüchen, sagt Prof. Adam Grundhoff vom HPI. Nun wollen die Wissenschaftler in ihren Laboren auch rückwirkend Proben aus dem Januar und dem Dezember untersuchen, um zu einem genaueren Bild der Entwicklung in Hamburg beizutragen.

Nach Angaben der Gesundheitsbehörde von Dienstag ist in Hamburg bisher in neun Fällen die britische Variante B.1.1.7 nachgewiesen worden, in zwei Fällen die südafrikanische Variante B.1.135 und in zwei Fällen die Variante B.1.258, wobei letztere nicht als erheblich ansteckender eingestuft wird. Die ansteckendere brasilianische Variante B.1.1.28 sei bisher nicht in Hamburg nachgewiesen worden, so die Behörde. Bisher spielten Coronavirus-Mutanten in Hamburg „keine nachweisliche Rolle für das Infektionsgeschehen“.

Tschentscher stellt Impfversprechen bis Sommer infrage:

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Das UKE und das Heinrich-Pette-Institut wollen mit ihren ausgeweiteten Untersuchungen insbesondere nach sogenannten Fluchtmutationen fahnden. So nennen Forscher jene Virusvarianten, die entstehen, weil eine zunehmende Immunität in der Bevölkerung den ursprünglichen Virentyp zu Veränderungen zwingt.

Die Sorge: Solche Mutationen könnten sich womöglich auch unter bereits Geimpften verbreiten und unter Menschen, die mindestens eine Infektion mit Sars-CoV-2 oder die Erkrankung Covid19 durchgemacht haben. Impfstoffe müssten dann entsprechend angepasst werden, was allerdings Zeit kostet. „Deshalb ist es wichtig, dass wir so früh wie möglich solche Mutanten nachweisen“, sagt Adam Grundhoff.

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Ob auch beim Corona-Ausbruch in der Bahrenfelder Kita Zeiseweg die britische Mutation eine Rolle spielte, ist noch nicht abschließend geklärt. Die Untersuchungen liefen noch, teilten die Sozialbehörde und der Träger Elbkinder mit. Zwar habe es den Verdacht gegeben, dass im Fall einer erkrankten Mitarbeiterin die britische Virusvariante der Auslöser war, so Elbkinder-Sprecherin Kathrin Geyer.

„Diese Annahme rechtfertigte die komplette Schließung der Kita.“ Auch die durch einen Massentest entdeckten weiteren Fälle von positiv getesteten Mitarbeiterinnen und Kindern seien als Verdachtsfälle eingestuft worden. Die Sequenzierung werde jedoch erst kommende Woche abgeschlossen sein. Die Kita soll am Montag wieder öffnen.

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