Wandsbeker Gehölz

Illegale Abholzung für Bau der S4? Strafanzeige gegen Bahn

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Axel Ritscher
Im Wandsbeker Gehölz lässt die Deutsche Bahn zum Bau der S4 bereits Bäume abholzen (Symbolbild).

Im Wandsbeker Gehölz lässt die Deutsche Bahn zum Bau der S4 bereits Bäume abholzen (Symbolbild).

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Anwohner wollen die Bäume halten, bis das Gericht über die Planung entschieden hat. Die Deutsche Bahn weist Anschuldigungen von sich.

Hamburg. Marienthal ist in Aufruhr. Seit Anfang der Woche kreist die Säge. Entlang der Bahnstrecke nach Lübeck und im Wandsbeker Gehölz lässt die Bahn im großen Stil Bäume fällen. Für den Bau der neuen S4. Es handele sich um „bauvorbereitende Maßnahmen“ für das „Jahrhundertprojekt“. Viele Anwohner verstehen es nicht. Sie halten die Fällungen für illegal. Denn das Jahrhundertprojekt ist noch gar nicht komplett genehmigt.

Die neue S4 soll auf 17 Kilometern zwischen Hasselbrook und Ahrensburg eine schnelle und vor allem zuverlässige Nahverkehrsverbindung schaffen. Dafür sollen zwei neue neben die bereits bestehenden beiden Gleise gebaut werden, um den mit der Fehmarn-Belt-Querung kommenden transeuropäischen Güterverkehr durch die Stadt leiten zu können und trotzdem genug Platz für den Nahverkehr zu haben.

Deutsche Bahn: "Haben für jeden Baum eine Fällgenehmigung"

Die Bahn weist alle Anschuldigungen von sich. „Wir haben für jeden einzelnen Baum eine Fällgenehmigung“, sagt Bahnsprecher Peter Mantik. „Alle Maßnahmen sind mit der Umweltbehörde, dem Umweltamt im Bezirksamt und dem örtlich für das Wandsbeker Gehölz zuständigen Mann abgestimmt. Wir haben baumgenau kontrolliert und jeden Baum diskutiert.“

„Die Polizei musste die Fällung einer 200 Jahre alten Eiche in der Seydeckreihe stoppen“, sagen dagegen Anwohner Martin Bayerl und Arnold Harmsen, Vorsitzender des Vereins Lärm- und Umweltschutz Wandsbek-Marienthal und entschiedener Gegner der bisher vorgelegten S-4-Planung. „Vieles wurde uns als ‚Grünrückschnitt‘ verkauft. Es sind aber auch Bäume gefallen, die im Planfeststellungsbeschluss definitiv als solche ausgewiesen wurden, die stehen bleiben sollen.“ Harmsen hat Strafanzeige erstattet.

Fällgenehmigungen sind erforderlich, wenn der fragliche Baum in Brusthöhe einen Stammdurchmesser von 25 Zentimetern hat. Kleinere Bäume können als „Grünrückschnitt“ ohne Genehmigung fallen. Viele Bäume, die dicker als 25 Zentimeter sind, stehen aber gar nicht in den Flurkarten. Buchhalterisch, so Bayerl, gebe es sie gar nicht. Trotzdem: Mit dem Planfeststellungsbeschluss für den fraglichen S-4-Streckenabschnitt bei Wandsbek sind laut Bahn auch die Fällgenehmigungen verbunden. Sie müssen also nicht mehr eigens beantragt werden. Trotzdem habe man sich mit dem Amt „abgestimmt“.

Fünf Klagen beim BVG gegen Bau der S4 in Wandsbek

Allerdings schafft die Bahn Fakten, ohne sicher sein zu können, dass die S4 überhaupt gebaut bzw. so gebaut werden kann, wie die Bahn plant. Allein für den ersten Bauabschnitt sind fünf Klagen vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig anhängig. Zwar sind die Eilanträge gegen das S-4-Projekt vor Gericht gescheitert. Deshalb kann die Baugenehmigung, das ist hier der Planfeststellungsbeschluss, vollzogen werden, denn die Klagen in Leipzig haben keine aufschiebende Wirkung. Aber das Urteil wird im erst im Herbst erwartet. Warum also nicht warten?

"Wenn Baurecht vorliegt, fangen die Arbeiten an", sagt Bahnsprecher Mantik. Das sei "gelebte Praxis". Bund, Länder und Bahn seien sehr zuversichtlich, dass sie vor Gericht erfolgreich sein werden. Das war insbesondere das Land Hamburg auch, als es in die erste Gerichts-Runde zur Elbvertiefung ging. Geholfen hat es nichts.

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Außerdem gibt es zwei weitere S-4-Abschnitte, für die noch kein Plan festgestellt ist. Von Wandsbek bis zur Landesgrenze und von der Landesgrenze bis Bargteheide. Auch diese Beschlüsse werden, wenn sie nicht im Sinne der Kritiker ergehen sollten, vor Gericht enden. Das ist bereits angekündigt worden.

Und die Klagen scheinen nicht aussichtslos zu sein. Der Bahnplanung für die S4 lag 2012 eine Prognose zum Güterverkehr zugrunde, die von 120 Güterzügen täglich ausging. 2016 kam eine neue „Eisenbahnbetriebswissenschaftliche Untersuchung“ mit einer Prognose von 56 Zügen um die Ecke. Im Bundesverkehrswegeplan stehen nur noch 52. „Das Projekt ist mit zwei neuen Gleisen vollkommen überdimensioniert und käme mit einem zusätzlichen Gleis aus“, sagt Harmsen. Die Bahn geht jetzt von 84 Güterzügen aus. Die Planungsgrundlage sei weiterhin gegeben. Entscheiden muss Leipzig.

Wissenswertes zu den S-Bahn-Linien in Hamburg:

  • Die S-Bahn Hamburg ist ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn AG und Teil des HVV
  • Die ersten S-Bahnen fuhren 1907 durch Hamburg
  • Es gibt in Hamburg vier Haupt- (S1, S21, S3, S31) und zwei nur zeitweise verkehrende Verstärkerlinien (S11, S2)
  • Am Wochenende verkehrt die S-Bahn rund um die Uhr
  • Unter der Woche verkehren zwischen etwa 1 Uhr und 4 Uhr keine Züge
  • Das gesamte S-Bahn-Streckennetz umfasst rund 144 Kilometer und 68 Haltestellen
  • Die meisten Haltestellen der S-Bahn in Hamburg haben ein funktionsbetontes Design mit offenem Bahnsteig und offenem Flachdach

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