Wetter in Norddeutschland

„Erschreckend": Polizei muss Hunderte Menschen vom Eis holen

| Lesedauer: 10 Minuten

Alster-Vergnügen? Beamte am Wochenende auf Eisstreife. Eiszapfen drohten auf Fußgänger zu stürzen. Das Wetter im Norden.

Hamburg. Die klirrende Kälte bleibt Norddeutschland auch in den kommenden Tagen erhalten. Zwar soll es laut Deutschem Wetterdienst (DWD) nicht mehr ganz so kalt werden wie in den vergangenen Tagen, der Dauerfrost bleibt aber bis Ende der Woche fast überall. Die gute Nachricht: Am Wochenende scheint die Sonne in Hamburg fast so lange wie im gesamten Januar.

Trotz des Winterwetters mit niedrigen Temperaturen warnen die Behörden in Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen weiter dringend davor, Eisflächen zu betreten: Die Eisdecke kann auch weiterhin brüchig sein, es besteht akute Lebensgefahr.

Die Verkehrs- und Wetterlage im Norden im Überblick:

121 Polizeieinsätze wegen Menschen auf dem Eis

Am Freitag hat das sonnige und kalte Winterwetter in Hamburg für „erschreckende“ Szenen gesorgt, wie eine Sprecherin des polizeilichen Lagedienstes am Freitagabend sagte. Enorm viele Menschen hätten sich auf die gefrorenen Eisflächen von Alster, Fleeten, Teichen und Rückhaltebecken begeben. Dabei bestehe dort akute Lebensgefahr. Das Eis trage nicht.

Von 9 bis 19 Uhr habe es 121 Einsätze der Polizei gegeben, auch der Polizeihubschrauber „Libelle“ sei im Einsatz gewesen. Offenbar waren mehrfach Familien mit Kindern auf dem Eis unterwegs. Bei einem Einsatz seien 300 Menschen vom Eis hinunterkomplimentiert worden. Nicht alle waren einsichtig: So habe man zahlreiche Platzverweise ausgesprochen. In einem Falle sei an das Jugendamt eine Meldung wegen einer Kindeswohlgefährdung gemacht worden.

Polizei Hamburg: Am Wochenende patrouillieren "Eisstreifen"

Trotz eindringlicher Warnungen von Polizei und Umweltbehörde haben sich am Freitag erneut mehrere Menschen auf die gefrorene Außenalster gewagt. Bei strahlendem Sonnenschein musste die Polizei die Ausflügler vom Gewässer holen – zu deren eigener Sicherheit. Ein Polizeihubschrauber schwebte eine Weile lang über der Alster, war jedoch nur beiläufig im Rahmen der Verkehrsüberwachung dort unterwegs.

Anders werde das in den kommenden Tagen sein: "Wir haben für das Wochenende Eisstreifen geplant", sagte ein Sprecher. Diese sollen von Land und Luft aus verhindern, dass noch mehr Menschen vom Ufer auf die dünne Eisdecke treten. Auch die Wasserschutzpolizei werde im Einsatz sein.

Das Betreten von Eisflächen bleibe trotz des anhaltenden Frosts gefährlich: Fließende Gewässer haben häufig nur eine dünne Eisdecke, daher besteht weiterhin große Einbruchgefahr, teilte die Umweltbehörde mit. Insbesondere durch den starken Ostwind der vergangenen Tage habe sich noch nicht einmal eine geschlossene Eisdecke gebildet, sagte Sprecher Jan Dube zuletzt. "Gerade unter Brücken oder an Gewässereinmündungen oder dort, wo Pflanzen ins Gewässer hineinragen, besteht Lebensgefahr."

Erst in der Nacht zu Dienstag war ein Betrunkener auf der Alster eingebrochen. Er konnte gerettet werden und kam unterkühlt in ein Krankenhaus. Mittwochmittag brach ein Hund in Alsterdorf in das Eis ein und wurde von der Feuerwehr gerettet. Jedoch starb er auf dem Weg zur Tierklinik.

Betrunkener Traktorfahrer demoliert mit Schneepflug

Mit einem Oldtimertraktor aus DDR-Zeiten hat ein Betrunkener in Diedrichshagen (Mecklenburg-Vorpommern) Schnee geschoben – und ist nun seinen Führerschein los. Wie eine Polizeisprecherin am Freitag erklärte, war der 56-Jährige am Donnerstag bei dichtem Schneefall mit einem Schneepflug am Schlepper unterwegs. Dabei räumte der Mann mit seinem ZT-300 aber nicht nur die weiße Pracht, sondern auch mindestens zwei Zäune zum Teil mit weg. Ein Briefkasten, eine Straßenlaterne und ein Verkehrsspiegel wurden ebenfalls von dem Schneepflug gerammt.

Anwohner riefen die Polizei. Die Beamten suchten den Mann, der weitergefahren war, und fanden ihn in einem Nachbarort in seiner Wohnung. Ein Atemalkoholtest ergab 2,34 Promille. Der 56-Jährige musste den Führerschein abgeben. Wie lange die Fahrerlaubnis einbehalten werde, hänge vom Ergebnis der Blutalkoholprobe ab, so die Sprecherin. Vorerst werde der Mann wohl nicht mehr zum Winterdienst eingesetzt. Der Sachschaden wurde auf mehrere tausend Euro geschätzt.

Eiszapfen drohten in Hamburg auf Fußgänger zu stürzen

Seit Tagen sind sie an vielen Stellen in Hamburg zu sehen: Eiszapfen. Diese sind zwar hübsch anzusehen, können jedoch auch gefährlich werden. So wie am Freitagmittag in Altona-Altstadt, wo große Eiszapfen drohten, auf Fußgänger oder Autos zu stürzen. Die Feuerwehr wurde gerufen, die in der Thedestraße mit Hilfe einer Drehleiter Eiszapfen an einem Haus beseitigte.

Winter in Hamburg: Kinder freuen sich über Eis am Elbufer

Eisklumpen liegen am Freitag am Elbufer glitzernd in der Sonne. Auch die Flut schaffte es nicht, das Eis wieder vom Strand in Wittenbergen in Hamburg-Rissen zu ziehen. Bei strahlendem Sonnenschein genossen Spaziergänger das schöne Winterwetter an der Elbe, Kinder vergnügten sich auf den kleinen Eisschollen.

Hamburger Winternotprogramm für Obdachlose hat freie Plätze

Die Minustemperaturen sind für obdachlose Menschen gefährlich. Hamburg hält daher weiter freie Kapazitäten bereit, damit niemand auf der Straße übernachten muss, wie die Sozialbehörde am Freitag mitteilte. "Die Übernachtungsstandorte des Winternotprogrammes sind ganztägig geöffnet."

Die Behörde appelliert ausdrücklich, obdachlose Menschen zur Nutzung der Unterkünfte zu ermutigen. "Dort sind nach wie vor freie Betten verfügbar", heißt es in der aktuellen Mitteilung. Obdachlose seien dort nicht auf Schlafsäcke angewiesen, sondern erhielten ein Bett mit frischer Bettwäsche, abschließbaren Stauraum und durch einen Cateringdienst bereitgestellte warme Mahlzeiten. "Hygienekonzepte und hohe Reinigungsintervalle sorgen für ein Umfeld, in dem die Infektionsgefahr möglichst minimiert wird." Zudem wird allen Nutzern einmal pro Woche ein Corona-Schnelltest angeboten.

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Hamburg: 27 Stunden Sonne am Wochenende

Die Temperaturen in Hamburg und Schleswig-Holstein bleiben frostig. "Aber Hamburg steht das sonnigste Wochenende des Jahres bevor", sagte Diplom-Meteorologe Dominik Jung von wetter.net am Freitag. "Von heute bis Sonntagabend werden wir rund 27 Sonnenstunden haben." Das ist fast so viel im gesamten Januar, in dem 33 Sonnenstunden in Hamburg verzeichnet wurden.

Dabei wird es eisig kalt. "Am frühen Sonnabendmorgen muss mit –11 Grad gerechnet werden", so der Wetterexperte. Auch am Sonntagmorgen wird das Thermometer lediglich –10 Grad anzeigen. "Tagsüber könnten leichte Plustemperaturen von 1 bis 2 Grad erreicht werden", sagte Jung. In der Nacht zum Sonntag entwickelt sich laut DWD voraussichtlich Nebel über dem Osten Schleswig-Holsteins und dem Hamburger Raum, der sich am Sonntag jedoch wieder auflöst.

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Winterwetter im Norden – Verkehrslage entspannt sich

Die Autofahrer scheinen sich derweil auf das Winterwetter eingestellt zu haben. Die Polizeistationen meldeten in der Nacht zu Freitag keine größeren Probleme. „Da rutscht keiner, da glitscht keiner, es ist nur kalt“, fasste ein Sprecher der Hamburger Polizei die Lage auf den Straßen in der Nacht zusammen.

Auch auf Niedersachsens Autobahnen entspannte sich die Verkehrslage indes weiter. Auf der Autobahn 2 habe es trotz leichten Schneefalls keine Probleme gegeben, sagte ein Sprecher der Autobahnpolizei Braunschweig. Auch die Parkplätze seien bis auf wenige Ausnahmen inzwischen vom Schnee geräumt worden. „Da sich die Lage auf den Straßen entspannt hat, hatten die Räumdienste mehr Zeit, um sich um die Parkplätze zu kümmern“, sagte der Sprecher.

Im Bereich Hannover war der Platzmangel auf den Parkplätzen aber weiterhin ein Problem, wie eine Sprecherin der Autobahnpolizei Garbsen sagte. Die Lage habe sich aber etwas verbessert. Auf den Straßen sei es trotz leichten Schneefalls ruhig geblieben.

Eis und Schnee: Mitternachtsbus trifft weniger Obdachlose an

Der Mitternachtsbus der Diakonie Hamburg versorgt bei eisigen Temperaturen derzeit rund 70 Obdachlose pro Nacht mit warmen Getränken, Essen, Schlafsäcken oder Kleidung. Das seien etwas weniger Menschen als sonst, sagte Projektleiterin Sonja Norgall. "Da sind wir froh drum."

Denn das bedeute, dass viele Betroffene angesichts der Kälte doch verstärkt die Obdachlosen-Unterkünfte des städtischen Winternotprogramms nutzten. "Außerdem gibt es ein privat finanziertes Projekt in Hamburg, Leute in Hotelzimmern unterzubringen." In den Wintermonaten seien normalerweise um die 100, in Sommermonaten etwa 200 Gäste jede Nacht am Bus.

Bahnverkehr kommt langsam wieder in Gang

Der Fernverkehr in Hamburg und Schleswig-Holstein kommt nach dem Wintereinbruch langsam wieder in Gang. Auf den meisten Linien kann der Verkehr wieder aufgenommen werden, wie die Deutsche Bahn am Freitag mitteilte. Jedoch kann es zu witterungsbedingten Verspätungen und Zugausfällen kommen. Auf der Strecke zwischen Hamburg und Karlsruhe entfallen beispielsweise die Züge.

Eisbrecher seit einer Woche im Dauereinsatz

Eisbrecher sind bei frostigen Temperaturen seit einer Woche auf dem Mittelland- und Elbe-Seitenkanal unterwegs. Kapitäne wie Andreas Schultz freut es: "Das letzte mal waren wir 2012 unterwegs", sagte der 53-Jährige aus Erbstorf (Landkreis Lüneburg). Die Besatzung – in der Regel zwei Mann – bleibe so lang an Bord, bis das Eis aufgebrochen ist und es zurück in den Heimathafen nach Geesthacht gehen kann.

Fährt ein Eisbrecher auf dem Kanal vorbei, können Passanten sich schon einmal erschrecken. "Wir nehmen das gar nicht so wahr, wenn wir im Maschinenraum sind. Aber von außen, und gerade wenn man das noch nie gehört hat, ist das mächtig laut", sagte Schultz. "Das ist wie wenn ein Panzer ankommt."

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( coe/ras/ryb/arg/dpa )

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