Hamburg

Wie niedergelassene Ärzte und Patienten unter Corona leiden

| Lesedauer: 8 Minuten
Christoph Rybarczyk
Weniger Infekte, weniger Magen-Darm, weniger Rotznasen: Der Kinderarzt Dr. Stefan Renz ist Vorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Hamburg.

Weniger Infekte, weniger Magen-Darm, weniger Rotznasen: Der Kinderarzt Dr. Stefan Renz ist Vorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Hamburg.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Fast jede dritte Praxis hält die Lage für bedenklich. Krankenkassen warnen: Arztbesuch nicht auf die lange Bank schieben!

Hamburg. „Achtung!“ Noch vor „Die Praxis stellt sich vor“ prangt riesengroß die Warnung. „Wichtige Hinweise zur Sprechstunde während Corona!“ Und dann kommen die Regeln: Melden Sie sich an! Klingeln Sie! Warten Sie! Tragen Sie eine Maske! Und falls der Verdacht besteht, eine Infektion mit dem Coronavirus zu haben, liest man auf der Internetseite der Hamburger Praxis in den größten Lettern: „Rufen Sie 116 117 an!“

Und kommen Sie bloß nicht. Wer zum Arzt will in diesen Tagen im Jahr zwei der Pandemie, der schleppt mehr mit sich herum als Krankenkassenkarte und Wehwehchen. Auch Hamburgs niedergelassene Ärzte befinden sich in einer absurden Situation, wie eine Umfrage des Abendblattes ergab. Sie können häufig mehr Termine vergeben, weil in einigen Praxen der Andrang aus Angst der Patienten vor einer Corona-Infektion geringer geworden ist. Andererseits brauchen Sie scharfe Maßnahmen, auch um sich selbst und ihre Mitarbeiter zu schützen. Viele Patienten erfordern deutlich mehr Zeit als sonst – und die wird nicht bezahlt.

Corona-Angst: Hamburger Patienten bemühen Dr. Google

Offenbar gibt es auch einen Trend, eine Krankheit selbst zu behandeln oder Dr. Google zu konsultieren. Die Vorsitzende des Hausärzteverbandes, Dr, Jana Husemann sagte dem Abendblatt: „Zum anderen merken wir einen deutlichen Rückgang an Infekten, sowohl Infekte der Atemwege als auch Magen-Darm-Infekte. Dies liegt sicher an den AHA-L Maßnahmen.“

Der Kinderarzt Dr. Stefan Renz (Vorsitzender des Verbands der Kinder- und Jugendärzte) sagte: „In unserer Praxis haben wir im Vergleich zum Vorjahr in diesem Januar einen Patienten-Rückgang von 24 Prozent. Bundesweit sind es nach Zahlen einer Online-Umfrage unseres Berufsverbandes 30 Prozent.“ Es gebe weniger Magen-Darm-Erkrankungen, weniger Fälle von Fieber und weniger grippale Infekte. Das habe er auch aus den Kitas gehört. „Allerdings hat unsere Praxis trotzdem viel zu tun“, sagt Renz. Nach einer Umfrage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung hielten 30 Prozent der Praxen ihre wirtschaftliche Lage für bedenklich.

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

Kassenärztliche Vereinigung: 12 Prozent weniger Fälle

Nach einer neuen Auswertung der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg haben die Praxisärzte im zweiten Quartal 2020 einen Einbruch um zwölf Prozent der Fälle gehabt (461.000). Am meisten verloren haben dabei mit rund 18 Prozent weniger Fälle im Mittel Kinderärzte, Chirurgen/Orthopäden, Augen- und HNO-Ärzte. Das hat sich zunächst stabilisiert. Der zweite Lockdown im vierten Quartal 2020 sorgte für eine weitere Talfahrt bei den Praxisbesuchen.

Im Video: So funktioniert das Hamburger Corona-Impfzentrum

Der Bergedorfer Orthopäde Dr. Matthias Soyka sieht nicht weniger Patienten, aber andere. „Diejenigen, die kommen, haben mehr und gravierendere Beschwerden.“ Für ihn logisch: „Die Hürde, zum Arzt zu gehen, steigt, sodass zwar Menschen mit stärkeren Beschwerden einen Arzt aufsuchen, die mit leichteren eher nicht.“ Somit steige der Zeitbedarf pro Patient. „Ökonomisch ist das für uns daher durchaus belastend. Zudem kosten ja auch die Maßnahmen zur Corona Prävention viel Zeit, Geld und Energie.“ Er werde in diesem Quartal intensiver arbeiten, aber weniger verdienen.

Dabei bereiten ihm die Hygienemaßnahmen wie das permanente Tragen einer FFP2-Maske keine Probleme mehr. „Durch die vermehrte Atemarbeit ist man erst etwas erschöpfter als sonst. Der Trainingseffekt war aber schnell da.“

Darmspiegelung ohnehin unter strengsten Hygienebedingungen

Was soll Dr. Bodo Eckmann da sagen? Der Experte für Koloskopie (Darmspiegelung) arbeitet seit Jahrzehnten unter strengsten Hygienemaßnahmen. Wer in seine Praxis am Glockengießerwall kommt, muss extrem gut geschützt werden. Und die Ärzte wappnen sich „per se“ mit Handschuhen, Mundbedeckungen, Schürzen. Der Krebs macht während Corona keine Pause. Und wenn Eckmann bei der Vorsorge winzige Auffälligkeiten auch nach der dritten Darmwindung findet, kann das die Patienten vor schweren Krankheitsverläufen bewahren. Der Zulauf in seine Praxis ist anhaltend hoch.

Dasselbe gilt für den Gynäkologen Dr. Wolfgang Cremer (Hamburger Vorsitzender des Berufsverbandes der Frauenärzte). „Bei uns haben die Frauen keine Angst. Das hat auch mit den Hygienemaßnahmen zu tun.“ Tumorpatientinnen und Schwangere würden besonders geschützt. Die Frauen gingen nach wie vor zu ih-ren Vorsorgeuntersuchungen.

Techniker Krankenkasse: Videosprechstunden boomen

Auch die Krankenkassen warnen unisono: Glücklicherweise zeigten die Abrechnungszahlen bereits erste Trends zu weniger grippalen Infekten wegen des Lockdowns und der Abstandsregeln. Aber Arztbesuche sollten nicht auf die lange Bank geschoben werden. Von positiven Effekten berichtet Deutschlands größte Kasse, die Techniker, die auch in Hamburg die meisten gesetzlich Versicherten hat: Die Zahl der Videosprechstunden ist durch Corona explosionsartig gewachsen. 23 Versicherte nutzten im vierten Quartal 2019 ausschließlich Videosprechstunden. 2732 waren es im ersten Quartal 2020, von April bis Juni dann 19.701. TK-Vorstandschef Jens Baas spricht von einem „Modernisierungsschub“.

Den spüren auch Internetportale wie Zava, die Videosprechstunden anbieten und ihre Dienste demnächst in die gesetzliche Versorgung integrieren (das Abendblatt berichtete). Zava-Chef David Meinertz glaubt, dass sich von zehn jährlichen Arzt-besuchen sieben oder acht sparen lassen.

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Das kann sich aber auch im Einzelfall negativ auswirken, wie Hausärztin Husemann sagt: „Wichtig ist, dass die Patienten nicht zu lange Beschwerden mit sich selbst ausmachen, damit keine abwendbar gefährlichen Verläufe übersehen werden.“ In ihrer Praxis falle auf, dass „deutlich mehr Menschen aufgrund von psychischen Beschwerden kommen“. Außerdem sehe sie vermehrt „muskuloskelettale Beschwerden aufgrund von nicht ergonomisch eingerichteten Arbeitsplätzen im Homeoffice“.

Dr. Matthias Soyka mit eigenem Youtube-Kanal

Youtube: Dr. Matthias Soyka

Das kann Orthopäde Soyka bestätigen. Er bietet auf seinem Youtube-Kanal Übungen zum Selbermachen an. Aber: „Auf Dauer dürfte es auch nicht gut sein, wenn Kontrollen, z.B. bei Wirbelsäulendeformitäten von Jugendlichen zu lange hinausgeschoben werden. Es gibt auch mehr Patienten mit schweren Arthrosen, die eigentlich operiert werden müssten.“ Videosprechstunden, sagt Gynäkologe Cremer, helfen sicher den Landärzten, ihm jedoch nur bedingt weiter. „Was sollen die Frauen denn zur ärztlichen Begutachtung in die Kamera halten?“

In den Arztpraxen der Hamburger Innenstadt, bei Augenärzten und HNO-Spezialisten, sind leichter Termine zu bekommen. Das liegt offenbar daran, dass viele Patienten, die hier behandelt werden wollen, jetzt wegen Homeoffice ihren Arztbesuch nicht mehr mit ihrem Job und Bürozeiten koordinieren. Bei Anrufen für Termine wird man oft nicht mehr gefragt: „Waren Sie schon mal bei uns?“ oder „Gesetzlich oder privat?“. Manch Praxis hat ihr eigenes Terminmanagementsystem für die Patienten aufgesetzt, zu dem man sich einloggen kann. Auch das entspannt die Lage.

Es gibt auch Ärzte, die sich augenscheinlich schnell an die Corona-Situation angepasst haben. Bei einer dem Abendblatt vorliegenden Abrechnung/Patientenquittung findet sich unter dem Betrag für die Erörterung einer Krankheit (20 Minuten) an einem zweiten Termin auch der Posten „Erhöhte Hygienemaßnahmen im Rahmen der Covid-19-Pandemie“ mit gut sechs Euro. Das Arztgespräch fand am Telefon statt.

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