Lockdown-Folgen

UKE-Studie: Jedes dritte Kind leidet psychisch unter Corona

| Lesedauer: 7 Minuten
Insa Gall
Kinder und Jugendliche leiden psychisch stark unter den Folgen des Corona-Lockdowns. Das ergab eine Studie des UKE in Hamburg.

Kinder und Jugendliche leiden psychisch stark unter den Folgen des Corona-Lockdowns. Das ergab eine Studie des UKE in Hamburg.

Foto: Nicolas Armer / picture alliance / Nicolas Armer/dpa

Depressive Symptome nehmen bei Kindern und Jugendlichen dramatisch zu. Woran das auch liegen könnte, zeigt die Studie „Copsy“.

Hamburg. Kinder und Jugendliche sind im zweiten Lockdown noch stärker von den Einschränkungen belastet als während der ersten Corona-Welle. Ihre Lebensqualität und psychische Gesundheit hat sich weiter verschlechtert. Sie treiben im Durchschnitt weniger Sport, verbringen mehr Zeit an Handy, Tablet sowie Computer und leiden häufiger unter Kopf- und Bauchschmerzen.

Ihren Eltern gelingt es im zweiten Lockdown zwar besser, den Familienalltag trotz geschlossener Schulen und Kitas zu organisieren. Doch sie sind erschöpfter als im ersten Lockdown – und teilweise am Ende ihrer Kraft. Das belegen die Ergebnisse einer zweiten Befragungsrunde von Forschenden des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE), die in der bundesweiten ersten Langsschnittstudie namens „Copsy“ die Auswirkungen von Corona auf die jüngere Generation mithilfe von Befragungen untersucht haben.

Lockdown: Kinder aus sozial schwächeren Verhältnissen leiden mehr

Fast jedes dritte Kind leidet demnach ein knappes Jahr nach Beginn der Pandemie unter psychischen Auffälligkeiten. Sorgen und Ängste haben noch einmal zugenommen, auch depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden haben die Experten verstärkt beobachtet. Erneut sind vor allem Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Verhältnissen oder mit Migrationshintergrund betroffen. Ihre Schulsituation mit dem Distanzlernen empfinden 45 Prozent der Befragten anstrengender als im ersten Lockdown. Für die Studie wurden von Mitte Dezember 2020 bis Mitte Januar 2021 mehr als 1000 Kinder und Jugendliche im Alter von sieben bis 17 Jahren und mehr als 1600 Eltern befragt.

„Unsere Ergebnisse zeigen erneut: Wer vor der Pandemie gut dastand, Strukturen erlernt hat und sich in seiner Familie wohl und gut aufgehoben fühlt, wird auch gut durch die Pandemie kommen“, sagt Studienleiterin Prof. Ulrike Ravens-Sieberer, Forschungsdirektorin der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik des UKE.

UKE-Forschungsdirektorin: Auch die Schulen sind gefragt

„Wir brauchen aber verlässlichere Konzepte, um insbesondere Kinder aus Risikofamilien zu unterstützen und ihre seelische Gesundheit zu stärken. Hier sind auch die Schulen gefragt, regelmäßig Kontakt zu ihren Schülerinnen und Schülern zu halten und ihnen dadurch Wertschätzung und Aufmerksamkeit entgegenzubringen.

Sonst besteht die Gefahr, dass vor allem Kinder aus Risikofamilien ihre Motivation und Lernfreude verlieren. Aber auch insgesamt müssen wir die seelischen Belastungen und Bedürfnisse von Familien und Kindern während der Pandemie und während eines Lockdowns stärker berücksichtigen“, so Ravens-Sieberer.

Mehr als vier von fünf der befragten Kinder und Jugendlichen (85 Prozent) fühlen sich durch die Coronapandemie belastet, bei der ersten Befragung im Mai und Juni 2020 waren es noch 71 Prozent gewesen. Doch es leiden nicht nur mehr Kinder und Jugendliche, sie fühlen sich auch stärker belastet als noch in der ersten Welle.

Kinder und Jugendliche zeigen mehr depressive Symptome

Sieben von zehn Kindern geben in der zweiten Befragung eine geminderte Lebensqualität an. „Ihnen fehlen ihre Freunde und die Schwierigkeiten beim Distanzunterricht drücken auf die Stimmung“, so Ravens-Sieberer. Sie zeigten zudem häufiger depressive Symptome sowie psychosomatische Beschwerden wie zum Beispiel Niedergeschlagenheit (mehr als 40 Prozent) oder Kopf- und Bauchschmerzen.

Auch das Gesundheitsverhalten der Kinder und Jugendlichen hat sich noch weiter verschlechtert. Sie essen weiterhin mehr Süßigkeiten als vor der Pandemie (dies gibt ein Drittel der Befragten an). Fast 40 Prozent der Kinder treiben nun überhaupt keinen Sport mehr, das sind doppelt so viele wie bei der Befragung im Frühsommer 2020 und zehnmal mehr als vor der Pandemie.

„Der Mangel an Bewegung könnte teilweise erklären, warum die Zahl der depressiven Verstimmungen gewachsen ist“, sagt Ravens-Sieberer. Beim Sport träfen Kinder und Jugendliche zudem ihre Freunde, lernten, sich in eine Mannschaft einzuordnen und mit Konflikten, Siegen und Niederlagen umzugehen.

Gute Familienstrukturen mit gemeinsamen Mahlzeiten helfen

Erneut zeigt sich zudem, dass Familien aus sozial belasteten Familien deutlich stärker leiden. Psychische Probleme entstehen in dieser Gruppe doppelt so häufig. Demgegenüber helfen gute Familienstrukturen mit gemeinsamen Mahlzeiten und Unternehmungen sehr, die Kinder zu stützen. „Kinder mit stabilen Beziehungen geht es besser“, sagt die Studienleiterin. So zeigt sich, dass Familien, die über einen guten Zusammenhalt berichten und viel Zeit mit ihren Kindern verbringen, besser mit den Belastungen umgehen können.

Doch auch viele Eltern fühlen sich mittlerweile durch die anhaltende Pandemie belastet und zeigen vermehrt depressive Symptome wie Niedergeschlagenheit und Erschöpfung – mehr als im ersten Lockdown, auch wenn die Organisation des Alltags besser gelingt. „Die Eltern scheinen sich auf die Anforderungen durch das Homeschooling und die Doppelbelastung mit ihrer Arbeit eingestellt zu haben und versuchen, diese bestmöglich zu managen. Sie kommen dabei aber zunehmend an ihre Grenzen“, erklärt Ravens-Sieberer.

Sie warnt davor, die Ergebnisse der Studie zu überdramatisieren. Die Befunde müssten aber ernst genommen werden. Für Kinder aus belasteten Familien müsse es bessere Hilfskonzepte geben. Und die Schulen müssten sich nicht nur ihrer Rolle als Lernort bewusst sein. „Sie werden auch gebraucht als Ort des Kontaktes und der Wertschätzung.“

Ist die Dunkelziffer von Kindesmisshandlungen gestiegen?

Indes befürchten Experten, dass die Zahl unentdeckter Kindeswohlgefährdungen in der Pandemie gestiegen ist. Zwar seien im März und April 2020 im Vergleich zum selben Zeitraum des Vorjahres weniger Fälle in Kinderkliniken und Kinderschutzambulanzen gemeldet worden. „Das deutet aber darauf hin, dass die Dunkelziffer von Kindesmisshandlungen und Vernachlässigungen gestiegen ist“, sagt Dr. Jo Ewert, Kinderschutzkoordinator in der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin des UKE.

Mit der größeren Belastung der Familien im Lockdown, wie die Copsy-Studie sie nachweist, steige für Kinder die Gefahr, Opfer von Misshandlung oder Vernachlässigung zu werden. Diese Fälle würden aber seltener erkannt. „Kinder haben in Zeiten der sozialen Isolation weniger Möglichkeiten, Hilfssignale zu senden. Aus anderen Studien wissen wir, dass insbesondere Kinder, die bereits vor der Pandemie von Gewalt betroffen waren, im ersten Lockdown mit höherer Wahrscheinlichkeit erneut betroffen waren“, erklärt Ewert. Er rät dazu, die aufsuchende Hilfe für Kinder und Jugendliche zu verstärken.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

„Zeitweise haben auch die Jugendämter und freie Träger der Jugendhilfe wegen des Lockdowns ihre aufsuchende Arbeit deutlich eingeschränkt“, sagt Priv.-Doz. Dr. Silke Pawils, Leiterin der Forschungsgruppe Prävention im Kindes- und Jugendalter des Instituts für Medizinische Psychologie. In den Ambulanzen ist ein Rückgang von 15 Prozent festzustellen, im stationären Bereich sogar um 20 Prozent im Vergleich zu den Monaten März und April 2019. Am Forschungsnetzwerk Medizinischer Kinderschutz des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) haben 159 Kinderschutzambulanzen und Kinderschutzgruppen in Deutschland teilgenommen.

Ewert appelliert: „Bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung gilt Hinschauen statt Wegschauen.“ Wenn Fachkräfte aus dem Gesundheitswesen mit misshandelten oder vernachlässigten Kindern in Kontakt kommen, sollen sie sich an die Medizinische Kinderschutzhotline unter 0800 19 21 000 melden, um fachliche Unterstützung zu bekommen. Betroffene könnten unter der 116 111 die „Nummer gegen Kummer“ erreichen und sich beraten lassen.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg