Tierpark-Streit eskaliert

Hagenbeck-Mitarbeiter klagen über Schikane ihres Chefs

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Nico Binde und Christoph Heinemann
Von dem großen Streit bei Hagenbeck bekommen die Löwen nicht allzu viel mit: Dennoch scheint das Klima zwischen der Geschäftsführung und Teilen der Belegschaft vergiftet.

Von dem großen Streit bei Hagenbeck bekommen die Löwen nicht allzu viel mit: Dennoch scheint das Klima zwischen der Geschäftsführung und Teilen der Belegschaft vergiftet.

Foto: picture alliance / Werner Struss

Das Klima zwischen Geschäftsführer Albrecht und Teilen der Belegschaft scheint vergiftet. Droht der Chef mit Mails und Kündigungen?

Hamburg. Lockdown, Innehalten, Besucherstopp – Corona setzt auch dem Tierpark Hagenbeck zu. Die schweren, eisernen Tore: geschlossen. Die Bäume aus aller Welt: kahl. Und wo sonst altmodische Portiers erwartungsfrohe Gäste empfangen: winterliche Tristesse. Doch die große Leere, die fehlenden Einnahmen – es sind nicht die einzigen Probleme des Traditionsbetriebs. Vielleicht sind es nicht einmal die größten.

Zwischen einem großen Teil der Belegschaft und der neuen Geschäftsführung tobt ein Kampf. Manche reden schon von einer Palastrevolution. Das Betriebsklima sei jedenfalls völlig vergiftet, sagen viele Mitarbeiter unabhängig voneinander. Und das, obwohl schon die vergangenen Jahre chaotisch waren: Die langjährige, inzwischen abgesetzte Doppelspitze der beiden Hagenbeck-Familienstämme war bekanntlich heillos zerstritten, sprach nur noch über Anwälte miteinander. Aber jetzt, Anfang 2021, sei es unerträglich. „Vorher war es furchtbar, aber jetzt ist es noch schrecklicher“, sagt ein Mitarbeiter.

Mitarbeiter klagen über Schikane von Hagenbeck-Chef

Die Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt, der Betriebsrat und etliche Mitarbeiter sehen einen klaren Verantwortlichen dafür: der neue Tierpark-Chef Dirk Albrecht. Seit er die Geschäfte im April 2020 übernommen hat und Hagenbeck wieder einem „Alleinherrscher“ unterstellt ist, regierten Druck, Angst und Schikanen. Ihr Vorgesetzter agiere mit zwei Gesichtern, sagen die Angestellten. Offiziell zugewandt und höflich, intern aber drohe er mit Kündigungen und schüchtere Mitarbeiter ein. Manche sprechen gar von einer unerbittlichen Regentschaft „wie bei Donald Trump“ – nur dass es Albrecht etwas intelligenter anstelle.

Albrecht selbst sieht dies als Verleumdung. Und glaubt den Großteil der Mitarbeiter weiter hinter sich. Er habe diesen Konflikt nicht gewollt. „Das wird vor allem dem Image unseres schönen Hamburger Tierparks schaden“, sagte Albrecht intern. Auch er ist nicht bereit nachzugeben.

Tierpark Hagenbeck: Giraffenpfleger im Zentrum des Streits

Zur Eskalation kam es bereits im Dezember bei den Verhandlungen über eine Kurzarbeiterregelung für die Mitarbeiter. Albrecht sprach Kündigungen und Abmahnungen gegen den Betriebsrat aus, der sich von der Gewerkschaft beraten ließ und eine Begehung des Geländes mit den Interessenvertretern unternahm, ehe Albrecht mit Verweis auf Corona-Auflagen die Polizei rief. Mitte Januar gab es dann zwar eine vorgerichtliche Einigung zur Kurzarbeit, zehn von elf Kündigungen wurden zurückgenommen. Gelöst ist damit jedoch wenig.

Albrecht versucht weiter, den Betriebsratsvorsitzenden Thomas Günther zu kündigen. Der ist seit 20 Jahren bei Hagenbeck, von Kollegen wird er nur „Erbse“ genannt. Nach Darstellung der Gewerkschaft ist der Giraffenpfleger das Exempel, das Albrecht für die Belegschaft gut sichtbar statuieren will. Botschaft: Wer aufmuckt, fliegt.

Albrecht stellt den Betriebsratsvorsitzenden als Mann dar, der denke, „er könne sich über Seucheneinschränkungen hinwegsetzen“. Schon im Spätsommer habe Günther das Kriegsbeil ausgegraben, als er im Streit um eine Schulung sofort vor Gericht gezogen sei. „Das hat es zuvor bei Hagenbeck noch nicht gegeben“, sagt Albrecht.

Schikane? Was Hagenbeck-Mitarbeiter ihrem Chef vorwerfen

Nach der abgebrochenen Begehung im Dezember verlangte Albrecht von Günther und jedem weiteren Betriebsratsmitglied eine schriftliche Erklärung: Sie sollten keinerlei „betriebsfremde Personen“ ohne seine Zustimmung auf das Gelände lassen, auch keine Gewerkschafter oder Juristen. Dazu lud er sie einzeln zum Gespräch und setzte eine Frist von 24 Stunden zur Unterzeichnung.

Schon diese Maßnahme wertet die Gewerkschaft als Schikane. Albrecht soll demnach in den Gesprächen auch grenzüberschreitende Aussagen getätigt haben „Denken Sie daran, was für Sie und Ihre Familie am besten ist“, sagte er laut mehreren Mitarbeitern etwa einem Mitglied des Betriebsrates gegenüber, dessen Lebenspartnerin ebenfalls bei Hagenbeck arbeitet.

Tierpark Hagenbeck: Chef wehrt sich gegen Vorwürfe

Auf Anfrage äußerte sich Albrecht dazu nicht direkt. Wie es aus seinem Umfeld heißt, weist er es jedoch zurück, zu fordernd vorgegangen zu sein. „Das Risiko eines Superspreader-Events ist einfach groß. Ich trage die Verantwortung für die Mitarbeiter und Tiere“, so Albrecht. Auch sprach er von „Missverständnissen“. Eine weinend zusammengesackte Betriebsrätin etwa habe wohl angenommen, sie sei in einem Gespräch freigestellt worden.

Dabei hätte Albrecht bei dem Einzeltermin nur angemerkt, dass wohl kein anderer Weg bleibe, wenn sie sich nicht dazu bekenne, mit „Betriebsfremden“ während der Seuchenschließung keine Rundgänge zu machen.

Albrecht wolle auf keinen Fall das Recht des Betriebsrates beschneiden, sich externe Beratung zu holen, sagt er. Und zur Person Günther: „Warum hat der Betriebsratsvorsitzende nicht selbst einfach gesagt, dass er solche Begehungen unterlässt?“ Als das nicht geschah, habe er „eine klare Positionierung“ des restlichen Betriebsrates im Sinne des Tierparks gebraucht. Er sehe darin eine Notwendigkeit, keine Nötigung.

Tierpark-Kassenpersonal wird entlassen, nur einer nicht

Die Gewerkschaft wirft Albrecht schwere Verstöße gegen das Betriebsverfassungsgesetz vor. Auch würde ein großer Teil der Belegschaft zum Betriebsrat und dessen Vorsitzenden „Erbse“ halten. Dieser würde „niemals Tiere oder Kollegen gefährden, unter keinen Umständen“, habe er beteuert. Viele im Tierpark glauben ihm. Es gelte, sich gegen den autokratischen Stil von Albrecht und die Beschneidung von Arbeitnehmerrechten zu wehren.

In dieser angespannten Lage treffe Albrecht zudem sehr „ungeschickte Entscheidungen“, sagen Angestellte. So kündigte Albrecht allen Portiers und Kassenangestellten wegen der zunächst fehlenden Einigung zur Kurzarbeiterregelung, nur seinem Sohn nicht, der seit 2020 ebenfalls im Kassenbereich aushalf. Mehr noch: Albrechts Sohn sollte die Kündigungen für teils langjährige Angestellte mit überbringen. „Das zeugt schon von sehr schlechtem Stil“, sagt eine Betroffene.

Aus dem Umfeld von Dirk Albrecht heißt es, hier seien die Fakten böswillig verdreht worden. Die Einschnitte seien unausweichlich gewesen. Die Portiers hätten während des Lockdowns schlicht keine Tätigkeit zu erledigen. „Man kann sie nicht einfach an die Kasse setzen, weil das ein kompliziertes System ist, dass man erst längerfristig erlernen muss“, sagte er.

Sein Sohn habe im Sommer als Aushilfe im Tierpark angefangen und dabei die Systemschulung erhalten. Da eine Kasse trotz Lockdown geöffnet blieb, habe er dort noch arbeiten können, argumentiert Albrecht. Auch habe sein Sohn keinesfalls gehässig die Kündigungen überbracht. Er sei nur als Zeuge bei der Zustellung dabei gewesen. Um keinen falschen Eindruck zu erwecken, arbeite sein Sohn inzwischen nicht mehr als Aushilfe im Tierpark.

Hagenbeck: „Straffe Führung“ stößt auf Widerstand

Dirk Albrecht sieht jedoch keinen Grund, seine Führung zu überdenken. Mit Schrecken erzählen Mitarbeiter davon, dass der Chef am liebsten zu nächtlicher Uhrzeit noch E-Mails in scharfem Ton versende, um den Druck hochzu­halten. Auch sei er in einem Moment zuckersüß im persönlichen Gespräch, ehe er plötzlich laut und auch herabwürdigend werde. Nach Abendblatt-Recherchen war dieser Eindruck auch der Grund, warum seit Frühsommer 2020 mehrere langjährige Mitarbeiter selbst kündigten.

In der Vergangenheit bezeichnete sich Albrecht selbst als „Teamplayer“. Dass es trotzdem so großen Unmut über seinen Führungsstil gibt, führt er auch auf die Vergangenheit zurück. „Es war ja lange der Fall, dass sich jeder bei allem einbringen konnte und sehr viel geredet wurde, aber oft wenig passierte“, sagte Albrecht intern und sprach von „Wohlfühlinseln“, auf denen einige Mitarbeiter steckten. Das könne sich der Tierpark aber gerade in der Krise nicht leisten. Es brauche eine „klare, straffe Führung“.

Alle Aufgaben, die vorher traditionell eine Doppelspitze im Tierpark trug, erledige er nun alleine. Da bleibe oft keine Zeit für ausschweifende Debatten. Er schätze jedoch gerade das Engagement und den Sachverstand seiner Mitarbeiter und überlasse ihnen die Bereiche, in denen sie selbst die größte Expertise haben. Er selbst werde auf Kosten des Tierparks auch gezielt diskreditiert.

Hagenbeck-Manager hat HSV-Vergangenheit

Die Eigentümer im Hintergrund sehen vorerst offenbar keinen Grund, einzugreifen. Albrecht gilt als langjähriger Vertrauter des ehemaligen Tierpark-Chefs Claus Hagenbeck – noch immer die graue Eminenz im Hintergrund. Claus Hagenbeck hatte bereits 2013 damit begonnen, seinen Intimus in die Leitung des Tierparks einzubinden. Damals ging der andere Familienstamm unter Joachim Weinlig-Hagenbeck gerichtlich gegen „die gezielte Ausweitung der Tätigkeit“ Albrechts vor.

Heute akzeptiert die andere Familienseite Albrecht als Geschäftsführer, verzichtete sogar darauf, ihm ein eigenes Pendant zur Seite zu stellen. „Doktor Albrecht“, wie er im Tierpark offiziell genannt wird, hat laut „Spiegel“ über Stressbewältigung promoviert. Ein Umstand, der von 1985 bis 1989 als Generalsekretär des Hamburger SV hilfreich gewesen sein dürfte. Unter seiner Führung hatte sich die HSV Marketing GmbH zwar zu einer lukrativen Angelegenheit entwickelt – er fädelte unter anderem den Deal mit dem damaligen Trikotsponsor Sharp ein.

Doch unumstritten war er nie. Immer wieder gab es Anfeindungen und Vorwürfe. Am Ende wurde er fristlos entlassen, Verein und Albrecht mussten sich vor Gericht einigen.

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Sanierung des Tierparks soll vorangehen

Als Tierpark-Chef sieht Albrecht eine der dringlichsten Aufgaben darin, die nach Kündigungen inzwischen arg ausgedünnte Verwaltung des Tierparks seriöser zu machen. Bereits seit 2012 hat die gemeinnützige Tierpark GmbH keine Geschäftsberichte mehr veröffentlicht, obwohl sie per Gesetz dazu verpflichtet ist. Nach Abendblatt-Informationen läuft derzeit eine Betriebsprüfung, bei der das Finanzamt auch das Geschäftsgebaren der Vorgängerinnen von Dirk Albrecht durchleuchtet.

Aktuell sprach Albrecht von sechs Millionen Euro Verlust, die der Tierpark durch die Corona-Krise bereits zu erleiden habe. Die Gewerkschaft kritisiert dagegen, dass er dazu nie belastbare Zahlen geliefert habe. Außer Albrecht und den beiden zerstrittenen Gesellschaftern Claus Hagenbeck und Joachim Weinlig-Hagenbeck wisse wohl niemand, wie der Tierpark finanziell dastehe.

Wie das Abendblatt im Sommer exklusiv berichtete, sind mehrere Anlagen wie das Otterhaus wegen des langjährigen Streits der Eigentümer marode. Der Sanierungsstau beläuft sich auf etwa 70 Millionen Euro. Dass der Familienstamm Weinlig-Hagenbeck den neuen Tierpark-Chef trotz des erbitterten Streits mit der Belegschaft nicht antastet, dürfte auch daran liegen, dass Al­brecht die nötigen Projekte angehen soll und dafür als tauglich angesehen wird. Tatsächlich wurde nach Abendblatt-Informationen der Architekt Sezai Candan, der auch schon das Eismeer im Tierpark entwarf, mit einer Machbarkeitsstudie für den Wirtschaftshof und ein neues Giraffengehege beauftragt.

Betriebräte treten wegen Albrecht-Drohung zurück

Dass sich das Klima im Tierpark bessert, glauben die Mitarbeiter dagegen kaum. Mehrere Betriebsräte sind wegen der Querelen oder persönlichen Drohungen Albrechts zurückgetreten, das Gremium muss neu gewählt werden.

Al­brecht hat dem Vorsitzenden Thomas Günther die Schlüssel zum Gelände abgenommen, musste dem Giraffenpfleger nach einem Urteil des Arbeitsgerichts inzwischen jedoch wieder uneingeschränkten Zutritt zum Gelände gewähren, damit er seine Rechte und Pflichten als Betriebsrat ausüben kann. Auch dagegen wehrt sich Albrecht nun juristisch.

Ohnehin sehen sich beide im März vor Gericht: Dann wird über die Kündigung von „Erbse“ verhandelt. Bislang scheiterte der formale Rauswurf am Veto des Betriebsrates.

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