Pandemie und Homeschooling

Wie sehr arme Kinder in Hamburg unter Corona leiden

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Juliane Lauterbach
Hamburg: Kinder spielen in Jenfeld in einem Raum der „Arche“. (Archivfoto)

Hamburg: Kinder spielen in Jenfeld in einem Raum der „Arche“. (Archivfoto)

Foto: Sebastian Widmann/ picture alliance / dpa

Keine Unterstützung, kein Laptop, kein WLAN. Statt in der Schule gibt es Hilfe in Mädchentreffs oder der „Arche“. Eine Reportage.

Hamburg. Basteln, Spielen, Ausruhen, Lernhilfe, Beratung oder einfach der ungezwungene Kontakt zu anderen Gleichaltrigen: Normalerweise bietet all das seit Jahren der Mädchentreff in Ottensen. Doch seit einer ganzen Weile schon sieht der Alltag hier etwas anders aus.

Weil sich die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen so stark geändert haben, hat die Einrichtung, die zum Kinderschutzbund Hamburg gehört, ihr Angebot nun deutlich erweitert. „Wir haben gesehen, dass viele gerade am dringendsten einen gut ausgerüsteten Platz zum Lernen brauchen“, sagt Mitarbeiterin Christina Baumbusch.

Homeschooling: Lernbedingungen zuhause sind oft schlecht

So werden die Räume inzwischen auch häufig von Schülerinnen genutzt, die zu Hause aus verschiedenen Gründen nicht gut lernen können. Zum Beispiel, weil sie keinen Computer und Drucker haben, weil die kleinen Geschwister Krach machen oder weil das Internet mal wieder nicht funktioniert. Um die große Nachfrage bewältigen zu können, arbeitet die Einrichtung inzwischen mit Zeitfenstern.

Diese sind auch am Vormittag buchbar, denn: „Viele haben zu Hause nicht die Möglichkeit, sich in den Online-Unterricht einzuloggen und machen es dann von hier aus“, sagt Christina Baumbusch. „Dasselbe Phänomen stellen gerade viele Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit fest. Das ist überall derzeit ein großes Thema.“

Räume unter Einhaltung der Sicherheitsregeln weiter nutzbar

Immerhin habe man in diesem zweiten Lockdown die Möglichkeit, unter Einhaltung der Sicherheitsregeln weiter geöffnet zu bleiben. „Das war im ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr zunächst nicht der Fall“, erinnert sich die Sozialpädagogin. Seit dieser Zeit habe sich viel verändert. „Verständnisfragen nach Lerninhalten sind deutlich häufiger geworden. Außerdem stehen viele Schülerinnen gerade mächtig unter Druck, weil sie wirklich Angst haben, dass sie nicht hinterherkommen und den Anschluss verlieren.“

Es sind Befürchtungen, die schon kurz nach Beginn des ersten Lockdowns von vielen geäußert wurden. Befürchtungen, die sich jetzt offenbar an vielen Stellen bewahrheiten. Konkret lauten sie: Die, die es schon vor Corona schwer hatten, haben es jetzt noch schwerer und werden die Rückstände vielleicht nie aufholen können. Corona hat binnen kürzester Zeit offengelegt, dass Bildungsgrad und Einkommen einen direkten Einfluss darauf haben, ob die Pandemie für Kinder ‚Schule nur anders‘ bedeutet oder eben das: eine Katastrophe.

WLAN und Laptops nicht selbstverständlich

Eine Katastrophe, weil es an Dingen scheitert, die manch gutbürgerlicher Haushalt aus Eppendorf nur aus Erzählungen kennt. Dass es zu Hause kein ­WLAN gibt zum Beispiel, dass Papas Handy der einzige Weg ins Internet ist, dass das Geld nicht reicht, um allen Geschwistern einen Laptop zur Verfügung zu stellen, dass es keinen eigenen Schreibtisch gibt, geschweige denn einen ruhigen Platz, an dem er stehen kann. Und so weiter.

Und so hat Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) die Jobcenter jetzt angehalten, bei Kindern, deren Familien von Hartz IV leben und die Laptops oder Tablets für den Unterricht benötigen, die Kosten von bis zu 350 Euro zu übernehmen.

Schulschließungen verursachen große Defizite bei Kindern

Erst vor wenigen Tagen schlug das spendenfinanzierte Kinderhilfswerk „Arche“ Alarm, das in Hamburg an den Standorten Jenfeld, Billstedt und Harburg Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche bietet. „Die Folgen des Lockdowns sind fatal“, sagte Projektleiter Tobias Lucht.

Schon beim ersten Lockdown im Frühjahr seien durch die Schulschließungen die Defizite bei vielen Kindern so groß gewesen, dass sie bis zum zweiten Lockdown nicht aufgeholt werden konnten. „Wir hören von vielen Lehrern, die inzwischen wirklich ratlos sind und sich fragen, wie man diesen Rückstand aufholen soll.“

Wechsel auf weiterführende Schule ohne stabile Leseleistung

So würden etliche Viertklässler im Sommer auf die weiterführende Schule wechseln, ohne richtig lesen und schreiben zu können. Für Lucht ist es enorm wichtig, dass der Präsenzunterricht so schnell wie möglich wieder starten kann. „Unterricht auf Distanz über mehrere Monate funktioniert nicht. Kinder, vor allem auch aus sozial benachteiligten Familien, brauchen die physische Anwesenheit eines Erwachsenen, der sie ermutigt und dem sie auch Fragen stellen können.“

Doch derzeit geht die Entwicklung genau in die andere Richtung. Denn die Zahl der Schüler in den Präsenzangeboten der Grundschulen ist, wie das Abendblatt bereits berichtete, gesunken. Zuletzt waren rund 22,5 Prozent aller Grundschülerinnen und Grundschüler von ihren Eltern an der Schule für den Präsenzunterricht angemeldet worden.

Überforderung bei Hausaufgaben

Für Experte Lucht ist diese Homeschooling-Situation für viele schlicht der falsche Weg. „Wir erleben in der Hausaufgabenhilfe, dass viele Kinder mit ihren Aufgaben überfordert sind“, so der Sozialpädagoge. „Insbesondere für Schulen mit einem hohen Anteil mit sozial benachteiligten Kindern fehlt in dieser Zeit ein konkretes Konzept.“

Eine dieser Brennpunktschulen ist die Grundschule am Schleemer Park in Billstedt. Am Standort Billbrookdeich haben 100 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund, die meisten von ihnen leben in einer der beiden Wohnunterkünfte, die sich in direkter Nähe zur Schule befinden. Schulleiter Stephan Giese ist es wichtig zu betonen: „Wir geben hier keine Kinder auf.“ Aber er sagt auch: „Distanzbeschulung und auch digitale Angebote sind kein vollwertiger Ersatz, wenngleich wir alle das Beste versuchen.“

Kinder aus einkommensschwachen Familien leiden besonders

Und klar sei auch, dass insbesondere Kinder in prekären Lagen unter der aktuellen Situation leiden. „Unsere Schülerinnen und Schüler werden zu Hause häufig nicht so gut unterstützt aus den bekannten Gründen.“ Dadurch entscheide die soziale Herkunft in der Pandemie noch stärker über die Bildungschancen. „Wir holen aktiv Kinder in die Lernbegleitung in Präsenz, wenn wir der Meinung sind, dass dies aufgrund des Kindeswohls richtig ist.“

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Pädagoge Giese bedauert, dass derzeit kein Wechselunterricht möglich ist. „Als sogenannte Kess1-Schule haben wir mehr Personal zur Verfügung als andere Schulen und können ohne Probleme Wechselunterricht anbieten“, sagt er. Das würde eine deutliche Entlastung für die Familien bringen und den Schülern beim Lernen helfen.

Wechselunterricht könnte Probleme lösen

„Wenn wir uns als Gesellschaft dafür starkmachen würden, hätten unsere Schülerinnen und Schüler endlich einmal einen Vorteil gegenüber denen aus bildungsnahen und leistungsstarken Elternhäusern“, sagt Giese und setzt dann nach: „Das wird aber wohl nicht passieren.“

Billstedt, Jenfeld, Mümmelmannsberg. Quartiere wie diese gibt es in jeder Stadt, im ganzen Land, auf der ganzen Welt. Quartiere, in denen Kinder eigentlich ganz besonders auf den engen Kontakt zur Institution Schule angewiesen sind. Längst bezeichnen Experten die Covid-19-Pandemie als die größte Störung der Bildungssysteme in der Geschichte.

Deutschland liegt in Sachen Digitalisierung weit zurück

„Lernverluste drohen auch über diese Generation hinaus und machten jahrzehntelange Fortschritte zunichte“, sagte die Unesco etwa vergangenen Sommer. Seitdem hat sich die Lage kaum gebessert. „Internationale Studien zeigen, dass sich die Lernentwicklung in den Zeiten, in denen Schulen wegen Corona geschlossen waren, verlangsamt hat und dass sich Lernzeiten verkürzt haben“, mahnt auch der Geschäftsführende Direktor der Leibniz-Stiftung für Bildungsforschung und Bildungsinformation, Kai Maaz.

Der Experte kritisierte außerdem, dass Deutschland in der Digitalisierung schlecht aufgestellt sei. „Es ist leider klar, dass wir in Deutschland bei der Digitalisierung nicht da sind, wo wir eigentlich sein sollten.“

Wohnunterkünfte am Schleemer Park haben immer noch kein WLAN

Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) betonte zwar erst vor wenigen Tagen, dass die Stadt beim Ausbau von WLAN, der Beschaffung von Laptops und Tablets sowie der Installation und Nutzung von guten Lernprogrammen in den vergangenen neun Monaten die Zahlen mehr als verdreifacht habe.

In der konkreten Praxis kann das jedoch auch mal anders aussehen. Was etwa nützt ein Laptop ohne Internetzugang? Bei der Grundschule am Schleemer Park in Billstedt etwa ist es so, dass es in den Wohnunterkünften, in denen viele der Schüler leben, bis jetzt kein WLAN gibt.

Defizite in Grundlagen schwer kompensierbar

Viele Experten sind sich sicher, dass der Lockdown jüngere noch viel gravierender treffe als Ältere. „Für die Jüngsten ist es am schwierigsten, Defizite beim Lesen oder Rechnen wieder aufzuholen, denn Lernen baut auf dem bereits Gelernten auf“, sagt etwa Nicola Brandt, Leiterin des OECD Berlin Centre. Für sie sei auch der digitale Unterricht am wenigsten geeignet.

Themen wie diese beschäftigen auch den Hamburger Familienvater Sven Keuchel. Der Vater einer Tochter ist Elternratsvorsitzender an der Grundschule am Schleemer Park. „Die Wünsche nach einem guten Digitalunterricht waren von Anfang an da, aber zunächst fehlte es an der Ausstattung.“

„Diese Generation ist jetzt schon benachteiligt.“

Das habe sich inzwischen zwar deutlich verbessert, aber klar sei eben auch, dass bis heute noch nicht alle davon profitieren. „Von den 19 Kindern in der Klasse meiner Tochter gibt es zum Beispiel zwei Kinder, die erst vor wenigen Tagen ein Leihgerät von der Schule bekommen haben.“

Teilweise sind es Defizite, die zu Hause oft niemand ausgleichen könne. „Die Väter helfen oft gar nicht, und die Mütter haben oft keine ausreichenden Deutschkenntnisse“, sagt der Vater. Er ist sich sicher: „Diese Generation ist jetzt schon benachteiligt.“ Was es jetzt brauche, seien wirklich konkrete Vorgaben und nicht so ein „Wischiwaschi“.

Vermeintlich freie Entscheidung setzt Eltern unter Druck

„Es kann doch nicht sein, dass sich die Spitzenpolitiker die Meinung von 100 Experten anhören, und am Ende sollen dann doch die Eltern entscheiden, ob sie ihre Kinder zur Schule bringen oder nicht.“ Durch die vermeintlich freie Entscheidung hätten viele Eltern das Gefühl, dass sie sich niemals richtig entscheiden können, weil sie ihre Kinder entweder der Gefahr einer Ansteckung aussetzen oder der Gefahr, in der Schule nicht richtig mitzukommen.

Tobias Lucht von der „Arche“ fordert nun dringend konkrete Pläne, auch für die Zeit, wenn die Schule wieder normal weitergeht. „Was nicht funktionieren wird, ist, weiterzumachen, als hätte es die Pandemie nicht gegeben.“ Dabei müssten mehrere Maßnahmen ineinandergreifen. „Überall da, wo es Probleme gibt, müssen Eltern und Kindern konkrete Angebote gemacht werden, wie sie die Lücken wieder füllen können.“

Lernrückstände in kleineren Gruppe besser aufholbar

Das könne zum Beispiel funktionieren, indem die Klassen verkleinert werden, denn in kleineren Gruppen würden sich die Lernrückstände besser aufholen lassen. Um das zu realisieren, müsse das Personal weiter aufgestockt werden. „Mir ist es wichtig, dass das nicht als Generalkritik an den Lehrerinnen und Lehrern verstanden wird, denn wir sehen natürlich auch, dass es viele gibt, die jetzt alles geben. Aber wir sehen eben auch, dass selbst das nicht für alle ausreichend sein wird“, kritisiert der Experte.

Und so stellt sich die Frage, ob die Stadt beziehungsweise die Schulbehörde Pläne entwickelt, damit irgendwann Lernrückstände aufgeholt werden können und damit Lesen und Schreiben auf einem Niveau beherrscht wird, dass eine weiterführende Schule besucht werden kann.

„Hamburger Lernferien“ für März geplant

Bei der Schulbehörde nachgefragt heißt es: „Hamburg hat schon seit Jahren das Ganztagsangebot von Schulen massiv ausgebaut, inzwischen sind alle Hamburger Schulen Ganztagsschulen und 85 Prozent der Grundschüler nehmen freiwillig am Nachmittag teil. Wir wollen in diesem Rahmen gezielte Angebote machen, um Rückstände aufzuholen, etwa durch eine eng betreute Hausaufgabenzeit.“

Derzeit plane man für März auch wieder die im Sommer und Herbst erprobten und erfolgreichen „Hamburger Lernferien“, also Unterrichtsangebote an freien Tagen. „Die Lehrerinnen und Lehrer haben diese Idee mit großer Leidenschaft angenommen. Wir hoffen, dass die Corona-Lage im März das dann auch wieder zulässt“, so die Behörde.

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