Pandemie

Impftermine: Schleswig-Holstein zeigt Hamburg, wie es geht

| Lesedauer: 4 Minuten
Matthias Popien
Während Hamburg weiter auf Terminvergabe per Internet setzt, hat Schleswig-Holstein einen neuen Weg gefunden, die Älteren zu erreichen (Symbolbild).

Während Hamburg weiter auf Terminvergabe per Internet setzt, hat Schleswig-Holstein einen neuen Weg gefunden, die Älteren zu erreichen (Symbolbild).

Foto: imago images/René Traut

Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein scheiterten bei der reibungslosen Terminvergabe. Doch nur in Kiel wurde reagiert.

Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen – alle haben oder hatten Probleme bei der Terminvergabe für die Corona-Impfung. Zuletzt scheiterte Niedersachsen. Dort hatte in der vergangenen Woche die Vergabe für Termine in Impfzentren begonnen – deutlich später als in den anderen Nordländern. Gelernt hat man aus deren Problemen offenbar nichts.

„Ich bedaure die technischen Schwierigkeiten“, meldete sich Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) am Donnerstag vergangener Woche geknickt zu Wort. „Ich bitte auch um Verständnis, dass bei einem solchen Ansturm auch mit intensiven Vorbereitungen nichtv erhindert werden kann, dass die Technik überlastet ist.“

Impftermin-Vergabe in Niedersachsen: Hotline überlastet

Wenn zu den „intensiven Vorbereitungen“ gehört hätte, einen Blick auf die Terminvergabe-Erfahrungen in den Nachbarländern zu werfen, wäre vielleicht doch einiges zu verhindern gewesen. Aber so kam es, wie es offenbar kommen musste: Die Impf-Hotline war komplett überlastet. Zeitweise hörten Anrufer der Ansage: „Die gewählte Nummer ist nicht vergeben.“

Auch der Versand der SMS, die entscheidend ist für die Buchung via Internet, war zeitweise stark verzögert. Folge: Die Buchung musste wiederholt werden. Folge: noch größerer Andrang auf der Webseite.

Schleswig-Holstein hat ein an das Alter angepasstes Verfahren

Vorhersehbarer kann man nicht Schiffbruch erleiden. Denn in Hamburg ist es genauso gewesen, in Schleswig-Holstein ebenfalls. In Hamburg ist die Service-Telefonnummer 116 117 weiter häufig besetzt, auch die Internet-Anmeldeplattform bricht angesichts der Vielzahl von Interessenten häufig zusammen.

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

Doch Schleswig-Holstein hat jetzt nach massiven Protesten der Betroffenen und nach etlichen Parlamentsdebatten das Ruder herumgeworfen. Dort gibt es seit Montag ein Verfahren, das an die derzeit Impfberechtigten angepasst ist – die über 80-Jährigen. Es funktioniert ohne Internet – und mit den Kommunikationswegen, die in dieser Altersgruppe seit Langem bekannt und geübt sind: Post und (Festnetz-)Telefon. Nicht einmal eine E-Mail-Adresse ist erforderlich.

Einladungsbrief mit persönlicher PIN und exklusiver Telefonnummer

Für das neue Verfahren hat das Kieler Gesundheitsministerium Priorisierungen innerhalb der Impfberechtigten vorgenommen. Alle bekommen einen Einladungsbrief vom Ministerium. Aber in einem ersten Schub wurden nur die rund 35.000 über 88-Jährigen angeschrieben. Die Einladung für weitere Altersgruppen folgt später.

Jeder Brief enthält eine persönliche PIN-Nummer und eine exklusive Telefonnummer. Dort kann man sich montags bis sonnabends von 8 bis 18 Uhr melden und einen Termin bekommen. „Das ist eine Anmeldung ohne Stress und Eile“, verspricht Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP).

Telefonische Terminvergabe durch Eventim-Mitarbeiter

Auch mit dem neuen Verfahren gab es in den vergangenen Tagen allerdings Staus am Telefon. Viele Briefempfänger wollten sich möglichst früh am Morgen anmelden. Nach Berichten über die Probleme bei der Anmeldung ist der Druck bei den Bürgern offenbar sehr groß, endlich einen Termin zu bekommen.

Aber: 3911 Anrufer bekamen an jenem Tag Termine für die Erst- und für die Zweitimpfung. Rund 100 Mitarbeiter der Ticket-Agentur Eventim regeln im Auftrag des Landes die telefonische Terminvergabe, 4000 Anrufer können täglich bedient werden.

Kieler Opposition begrüßt neue Vergabepraxis

Die Opposition im schleswig-holsteinischen Landtag, die sich für Veränderungen eingesetzt hatte, ist zufrieden mit der neuen Vergabepraxis. „Wir sind sehr froh, dass Gesundheitsminister Garg auf unseren Vorschlag umgeschwenkt ist“, sagt Birte Pauls, die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Die bisherige Regelung sei „weltfremd“ gewesen und „wenig nah an den Menschen“. Ganz generell „unwürdig“ sei an der Vergabepraxis gewesen, dass der Zufall entschieden habe, wer einen Termin bekommen habe und wer nicht. „Die Menschen wurden in eine Glücksspielsituation getrieben, und das geht nicht“, sagt Pauls.

Hamburger CDU fordert Umstellung der Terminvergabe

„Die Impfbereitschaft ist gerade in dieser Altersgruppe sehr hoch“, sagt Werner Kalinka (CDU), Vorsitzender des Sozialausschusses in Kieler Landtag. Er hatte sich für den Wechsel vom alten Vergabeverfahren, das dem Hamburger System ähnelte, zu einer dem Alter angepassten Terminvergabe eingesetzt. „Wir müssen immer bedenken, dass es Lebensbereiche gibt, in denen das Internet und das Digitale allgemein keine große Rolle spielen“, sagt er.

Stephan Gamm, der gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, forderte den Hamburger Senat indes auf, Vorschläge zur Umstellung der Terminvergabe zu prüfen. „Hoffen auf Besserung reicht nicht aus. Die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt erwarten zu Recht, dass hier zügig Fortschritte erkennbar sind.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg