Corona-Krise

Wie die riesige Arztpraxis in der Hamburger Messe entstand

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Olaf und Catharina Schindel am Eingang von Deutschlands größtem Impfzentrum.

Olaf und Catharina Schindel am Eingang von Deutschlands größtem Impfzentrum.

Foto: Andreas Laible

Neues aus dem Impfzentrum: Olaf und Catharina Schindel planten diesen Hoffnungsort vieler Hamburger innerhalb weniger Wochen.

Hamburg. Wer kann schon von sich behaupten, einen Hoffnungsort geschaffen zu haben? Genau das ist das Hamburger Impfzentrum für so viele Menschen, das Architekt Olaf Schindel und sein Team innerhalb von wenigen Wochen geplant und errichtet haben. Es ist das bundesweit größte – und viele sagen schönste – Impfzentrum. Sogar die internationale Presse hat schon über dieses Zentrum berichtet. Für den Architekten aus Bahrenfeld war und ist das immer noch etwas Besonderes. Denn ein solches Vorhaben, eine solche Pandemie, hat es schließlich noch nie gegeben.

Drei Wochen Planungszeit, das ist extrem wenig. Und dennoch scheint es dem Architekten gelungen zu sein, das Funktionelle mit dem Ästhetischen zu verbinden. „Das war uns sehr wichtig“, sagt Ehefrau Catharina Schindel beim Treffen in der Messehalle A3. Die ehemalige Balletttänzerin und Choreografin ist unter anderem für die Einrichtung zuständig. Dieser Hoffnungsort sollte von Anfang an auch ein Wohlfühlort sein.

Skandinavisch hell und modern

Im Video: So funktioniert das Hamburger Corona-Impfzentrum

Nichts ist dem Zufall überlassen, auch wenn es sich bei dem Zentrum um kein Gebäude, sondern lediglich um ein Provisorium handelt. Farben, Formen, die gesamte Einrichtung wurde mit Bedacht ausgewählt. Deshalb haben sie für den Fußboden PVC in Eichenholzoptik genommen, die Liegen in den Impfboxen haben einen burgunderroten Überzug, damit es nicht so steril wirkt, die Stühle hellgraue Sitzflächen: New Nordic heißt dieser Einrichtungsstil.

Das Zentrum kommt also skandinavisch hell und modern daher. „Es war nicht immer leicht, Funktion und Ästhetik miteinander zu verbinden“, sagt Catharina Schindel. Denn auch ein schöner Stuhl muss einen Menschen tragen können, der bis zu 135 Kilo wiegt – und er muss bezahlbar sein.

Aufgebaut ist das Zentrum ähnlich wie ein Flughafen

Aufgebaut ist das Impfzentrum wie ein Flughafen mit Check-in, der Anmeldung der Impflinge sowie der Datenaufnahme und dem Check-out, der Abmeldung. Dazwischen werden die Impflinge durchgeschleust. Das hört sich stressiger an als es ist. Auf Masse ist es schon angelegt. Denn sobald genügend Impfstoff vorrätig ist, sollen hier bis zu 7000 Menschen täglich geimpft werden. Und dennoch geht es ruhig und entspannt zu.

Tschentscher stellt Impfversprechen bis Sommer infrage:

Tschentscher stellt Impfversprechen bis Sommer infrage

„Ich fühle mich hier sehr wohl“, sagte Brigitta Kledtke (83) aus Hamm, als sie hier ihre zweite Impfdosis bekam. Arzt Mustafa Ali hatte sich viel Zeit für das Anamnese-Gespräch genommen, sie nach Reaktionen nach der ersten Impfung, nach Medikamenteneinnahme und Krankheiten befragt. Von Hektik keine Spur. „Diese medizinische Aufklärung“, sagt Olaf Schindel, „nimmt in diesem System am meisten Zeit in Anspruch. Denn der Patient muss alles verstehen und der Impfung dann zustimmen.“

Arztpraxis ist in acht Cluster aufgeteilt

Diese gigantische Arztpraxis ist in den Hallen A2 und A3 auf 15.800 Qua­dratmetern in acht Cluster aufgeteilt. Ein Cluster ist 800 Quadratmeter groß und ein autonomes Impfmodul – samt Anmeldung, Anamnese, Behandlungs- und Ruheraum. In jedem dieser Cluster arbeiten sieben Ärzte und fünf medizinische Fachangestellte. Je nach Zulauf können diese Cluster schnell und unkompliziert erweitert oder reduziert werden.

„Damit sind wir voll flexibel, deshalb funktioniert das Ganze auch bei dieser Größe“, so Schindel. Die Idee hinter alledem: „Wie immer bei der Architektur guckt man zunächst auf den Menschen. Wie geht der Mensch durch ein solches Zentrum durch? Wo ist die Anmeldung, wo der Arzt? Wie schnell kann ich da durchgehen?“

Um das vorempfinden zu können, hat das Ehepaar Schindel in seinem Büro eine solche Anmeldung tatsächlich aufgebaut und ist das Ganze mit seinen Mitarbeitern detailliert durchgegangen – alle Hygienemaßnahmen inklusive. „An jeder einzelnen Station haben wir notiert, wie viele Minuten das dauert“, so Catharina Schindel. „Das Wichtigste: Es darf keinen Stau geben.“ Ausgegangen waren die Schindels von 80 Prozent impfwilligen Hamburgern und pro Tag mindestens 5000 Patienten. Die Herausforderung: „Jeder, der hierherkommt, soll sich schnell und einfach zurechtfinden können.“

Schindel hat gelernt: Man muss flexibel sein können

Ziemlich raffiniert also, was sich Olaf Schindel da ausgedacht hat. Ihm war wichtig, auf alle Geschehnisse flexibel reagieren zu können. Und so kann das Impfzentrum ohne Weiteres auch zu einem Corona-Testzentrum erweitert werden. Das ist nicht vorgesehen, aber möglich. Denn eines hat Olaf Schindel seit Beginn der Pandemie gelernt: flexibel auf neue Erkenntnisse und Notwendigkeiten zu reagieren.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Was dem 54-Jährigen zugute kam, ist seine Erfahrung. Denn schon mit Beginn der Pandemie hatte sein Büro die Erweiterung des Ärztehauses der Kassenärztlichen Vereinigung an der Humboldtstraße in Barmbek-Süd geplant. Die Räume, in denen Mitarbeiter des Arztrufes 116 117 die Anrufe entgegennehmen, wurden mit Beginn der Pandemie und dem erhöhten Personalbedarf zu eng.

Container vor den Praxen

Später kamen die Erweiterungen der Notfallpraxen in Altona und Farmsen hinzu. Schindel und sein Team hatten Container vor den Praxen aufstellen lassen, damit mögliche Infizierte nicht mit den anderen Patienten der Notfallpraxen in Berührung kamen. Später plante das Büro das Corona-Testzentrum am Hauptbahnhof für Reiserückkehrer.

Einbahnstraßenregelungen, Abstände – all das ist mittlerweile Standard im Schutz vor Corona. Bodenmarkierungen weisen vom Parkplatz am Eingang West bis ins Impfzentrum darauf hin, zwei Meter Abstand einzuhalten. Innerhalb der Cluster gelten 1,50 Meter Abstand. Die flexiblen Wände des Zentrums sind aus kunststoffbeschichteten Holzfasern. Ein Messebauer hat alles innerhalb von drei Wochen aufgestellt.

Strenge Sicherheitsbestimmungen

Das Besondere: „Wir mussten entsprechende Umbauarbeiten machen, damit alles einwandfrei hygienisch ist“, so Catharina Schindel. Bedeutet: Sämtliche Flächen müssen eben sein, sodass sie gut zu reinigen und zu desinfizieren sind.

Nach drei Wochen Planung wurde das Zentrum vom 24. November bis 14. Dezember errichtet. Dazu gehören auch die Räume für die 1700 Mitarbeiter, die in Halle A1 Umkleiden, Duschen und Pausenräume haben. Die 508 Mitarbeiter aus dem medizinischen Bereich kommen mit ihrer Straßenkleidung hinein und ziehen sich ihre weiße Arbeitskleidung an. Auch der Arbeitsschutz spielt eine Rolle, außerdem strenge Sicherheitsbestimmungen, die nach Auflagen des Landeskriminalamts erfüllt werden müssen.

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Die Kosten für die Stadt Hamburg liegen für das Impfzentrum im zweistelligen Millionenbereich. „Die Mitarbeiter hier haben jeden Tag viel zu tun und die Gelegenheit zu impfen, sich mit dem Impfstoff vertraut zu machen“, so Schindel. Diese Routine zu entwickeln, das sei in kleineren Impfzentrum schwieriger.

Hamburgs Corona-Regeln:

Die aktuellen Corona-Regeln für Hamburg im Überblick

  • Alle Regeln, die im Rahmen der Eindämmungsverordnung bis zum 10. Januar gelten sollten, werden grundsätzlich bis zum 14. Februar verlängert – ein Großteil des Einzelhandels bleibt geschlossen, bestellte Waren dürfen aber abgeholt werden. "Körpernahe Dienstleistungen" wie Friseure, Nagel-, Massage- und Tattoo-Studios dürfen nicht angeboten werden. Auch Kultur- und Freizeiteinrichtungen bleiben geschlossen, Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit bleibt verboten.
  • Kontaktregeln Angehörige eines Haushalts dürfen sich nur noch mit einer weiteren Person treffen. Ausnahmen für Kinder gibt es nicht.
  • Die Maskenpflicht wird angepasst: Stoffmasken reichen in den meisten Fällen nicht mehr aus. Stattdessen müssen medizinische Masken (mindestens OP-Masken, auch FFP2- oder KN95-Masken sind möglich) getragen werden. Bis zum 1. Februar gilt eine Übergangsphase, danach werden Verstöße mit Bußgeldern geahndet.
  • Kitas und Schulen: Die Präsenzpflicht an den Schulen bleibt aufgehoben, stattdessen soll so weit wie möglich Distanzunterricht gegeben werden. Kinder sollen – wann immer möglich – zu Hause betreut werden. Die Kitas wechseln in die "erweiterte Notbetreuung". Die privat organisierte Kinderbetreuung in Kleingruppen bleibt gestattet.
  • Arbeitgeber sind angehalten, so weit wie möglich ein Arbeiten von zu Hause aus zu ermöglichen. Zusätzlich soll eine neue Bundesverordnung Arbeitgeber dazu verpflichten, Homeoffice anzubieten, so weit das möglich ist. Betriebskantinen dürfen nur öffnen, wenn sie für den Arbeitsablauf zwingend erforderlich sind.
  • Sollte die Sieben-Tage-Inzidenz auf einen Wert über 200 steigen, müsste eine Ausgangsbeschränkung erlassen werden, die den Bewegungsradius auf 15 Kilometer rund um den Wohnort einschränkt. Wie genau diese Regel in Hamburg angewandt würde, ist noch nicht bekannt – der Senat will darüber entscheiden, sollte sich die Inzidenz dem Grenzwert annähern.
  • Senioren- und Pflegeeinrichtungen sollen mehrmals pro Woche Personal und Besucher testen. Das war in Hamburg schon verpflichtend und gilt nun bundesweit.
  • Zwei-Test-Strategie bei Reiserückkehrern aus Risikogebieten: Ein Corona-Test direkt nach der Einreise ist verpflichtend, die zehntägige Quarantäne kann frühestens fünf Tage nach der Einreise durch einen weiteren Test verkürzt werden. Die Kosten für die Tests werden nicht übernommen.

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