Prozess in Hamburg

Tod von Zivilfahnder: Angeklagter gibt Polizei die Schuld

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Der Angeklagte (l) und seine Verteidigerin (2.v.l.) stehen vor Beginn des Prozesses im Gerichtssaal.

Der Angeklagte (l) und seine Verteidigerin (2.v.l.) stehen vor Beginn des Prozesses im Gerichtssaal.

Foto: dpa

Bei der Festnahme stieß das Auto des Angeklagten mit einem Polizeiwagen zusammen. Dessen Fahrer starb an schweren Verletzungen.

Hamburg. Nur drei Jahre fehlten ihm noch bis zur Pension. Doch seinen Ruhestand erlebte der Hamburger Zielfahnder Klaus-Ulrich Hütter nicht mehr – ein gesuchter Straftäter hatte ihn bei einer tragisch geendeten Festnahmeaktion im Februar 2020 mit einer Luxus-Limousine buchstäblich aus dem Leben gerammt. Wenige Tage später starb Hütter, Spitzname „Paul“ – als erster offenbar durch bewusste Gewalt getötete Hamburger Polizist seit 25 Jahren.

Ursprünglich war eine öffentliche Gedenkfeier für den 57-Jährigen im Hamburger Michel geplant – wegen der im März 2020 aufflammenden Corona-Pandemie musste die Zeremonie jedoch abgesagt werden. Seine Familie – Hütter hinterlässt eine Partnerin und zwei Kinder – hat auf dem Friedhof Ohlsdorf zwar längst Abschied nehmen können. Ein endgültiger Abschluss ist den Hinterbliebenen bisher jedoch versagt geblieben. Zumal mit Mahmut H. seit Freitag auch jener Mann vor dem Landgericht steht, der den Tod des Beamten verschuldet haben soll. Die Staatsanwaltschaft legt ihm unter anderem Körperverletzung mit Todesfolge zur Last.

Tod eines Zielfahnders: Angeklagter gab plötzlich Gas

Mahmut H., am Mittwoch 30 Jahre alt geworden, hat eine steile kriminelle Karriere hinter sich. Der Vorsitzende Richter Joachim Bülter verliest 14 Einträge aus dem Bundeszentralregister. Mit der Justiz hatte der Angeklagte demnach unter anderem schon wegen Diebstahlsdelikten, Nötigung und Raubes Ärger. Zuletzt waren gegen ihn noch drei Haftbefehle offen. Unter anderem sollte er eine Strafe von neun Monaten wegen Körperverletzung, Urkundenfälschung und Fahrens ohne Führerschein absitzen. Doch Mahmut H. tauchte unter, lebte zeitweise bei einer Bekannten – und wurde zum Fall für die Zielfahndung.

Im Februar 2020 erhielt die Polizei einen Hinweis, wonach der Angeklagte auf einem Kleinanzeigenportal einen Mercedes CLK zum Verkauf anbieten sollte. Die mit dem Fall befassten Zielfahnder gingen zum Schein auf die Offerte ein. Zwei Beamte in Zivil, als Kaufinteressenten getarnt, trafen Mahmut H. am Abend des 25. Februar vor einem Schnellrestaurant an der Luruper Hauptstraße. Nach einem kurzen Plausch – Mahmut H. wartete mit laufendem Motor an einer Bushaltestelle – entriegelte er die Türen, um mit den vermeintlichen Käufern zum Standort des Autos an der Glücksburger Straße zu fahren. In diesem Moment sprang ein Zielfahnder aus Itzehoe durch die geöffnete Beifahrertür ins Auto, um Mahmut H. festzunehmen, Der gab plötzlich Gas und „vollzog mit aufheulendem Motor und quietschenden Reifen eine enge Wende über die mehrspurige Fahrbahn“, so die Anklage.

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Der Beamte versuchte, den Fahrer zu stoppen

Um ihn zu stoppen, habe der Beamte mehrfach ins Lenkrad gegriffen und den Schaltknauf abgerissen. Es nutzte nichts: Mit hohem Tempo stieß der VW Phaeton auf der gegenüberliegenden Fahrbahnseite frontal mit dem heraneilenden Polizei-BMW zusammen, den Klaus-Ulrich Hütter fuhr. Auch nach der Kollision, so die Staatsanwaltschaft, habe der Angeklagte weiter Gas gegeben und den BMW noch etwa zwölf Meter weiter über den Asphalt geschoben. Durch den Aufprall erlitt Hütter einen Bruch der Halswirbelsäule und fiel ins Koma. Am 4. März, acht Tage nach dem Unfall, erlag er im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. Sein Kollege kam mit Prellungen davon. Das Geschehen im Februar bedauere er zutiefst, sagt der Angeklagte am Freitag. Er wolle sich bei den Angehörigen entschuldigen. „Ich dachte, es sei ein Überfall von Rockern gewesen“, sagt Mahmut H. mit Blick auf die Festnahmesituation. Der 30-Jährige sitzt nach Angaben seiner Verteidigerin unter verschärften Sicherheitsbedingungen in Haft, weil das LKA Hinweise auf eine gegen ihn gerichtete „Bedrohungslage“ aus dem Rocker-Milieu erhalten habe.

Am 25. Februar habe sich alles rasend schnell abgespielt, so der Angeklagte. Plötzlich sei jemand ins Auto gestürmt und habe ihn „im Sprung“ attackiert, „ohne etwas zu sagen“. Der Mann habe sich nicht als Polizist zu erkennen gegeben, sagt der 30-Jährige. Er sei auch gar nicht auf die Idee gekommen, dass es sich um einen Polizei-Einsatz handeln könnte. Ihm sei zwar bekannt gewesen, dass gegen ihn „ein“ Haftbefehl lief. Allerdings habe er nicht gewusst, dass aktiv nach ihm gesucht werde.

Sohn des Opfers versteht das Aussageverhalten des Angeklagten nicht

Die Aktion habe ihn „komplett aus der Bahn geworfen“, so Mahmut H. Er habe hektisch das Gaspedal durchgedrückt, warum wisse er nicht. Warum er die Kurve gefahren sei? Wisse er nicht. Auch wisse er nicht, ob der Beamte ins Lenkrad gegriffen habe. Sehr wohl erinnere er sich aber daran, dass der ihm Faustschläge ins Gesicht versetzt habe. Vielleicht habe es fünf Sekunden bis zur Kollision gedauert. „Ich sah ein Licht auf mich zukommen, hatte keine Zeit zu reagieren. In diesem Moment zog mein Leben an mir vorbei“, sagt Mahmut H.

Als Nebenkläger in dem Prozess tritt Hütters 18 Jahre alter Sohn auf – auch er ist Polizist in Hamburg. Ihr Mandant sei erschüttert, sagt seine Anwältin Angela Mohrmann-Krützfeld, auch deshalb, weil der Angeklagte die Polizei für die tragisch geendete Festnahmeaktion verantwortlich mache. „Mein Mandant“, sagt sie, „versteht das Aussageverhalten des Angeklagten nicht.“

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( Daniel Herder )