Pandemie

Diskussion bei Clubhouse: Raus aus dem Corona-Lockdown?

| Lesedauer: 9 Minuten
Matthias Iken und Jens Meyer-Wellmann
Tim Oehler hat im März 2020 das menschenleere Hamburg fotografiert – hier den Hans-Albers-Platz, zu sehen im Buch „Corona-Nights“ (39,90 Euro).

Tim Oehler hat im März 2020 das menschenleere Hamburg fotografiert – hier den Hans-Albers-Platz, zu sehen im Buch „Corona-Nights“ (39,90 Euro).

Foto: Tim Oehler

Jens Meyer-Wellmann und Matthias Iken streiten über Corona-Regeln – hier und heute um 12 Uhr auch live in der App Clubhouse.

Hamburg. Wie hart soll der Corona-Lockdown sein – und wie lange soll es ihn noch geben? Darüber diskutieren an dieser Stelle die Redakteure Matthias Iken (Pro) und Jens Meyer-Wellmann (Kontra).

Pro: Selbstmord aus Angst vor dem Tod ist kein Konzept

Man stelle sich das Land einfach mal mit dem Virus, aber ohne Impfstoff vor. Die Welt sähe anders aus, auch wenn der unfassbare Dilettantismus der EU-Kommission dieses Szenario fast erstolpert hat: Ohne die Hoffnung auf den Impfstoff wäre die Lage finster. Wir würden aber auch andere Debatten führen. Notgedrungen hätten wir uns längst die Frage gestellt, wie wir mit dem Virus leben können. Bis heute streiten wir nur, wie wir das Virus ausmerzen könnten – und jagen dabei einem Wunschszenario nach, das in Mitteleuropa utopisch ist.

So haben wir dramatisch viel Zeit verschenkt: War der erste Lockdown im Frühjahr noch ein Erfolg, der hierzulande eine Übersterblichkeit verhinderte, ist der zweite Lockdown, in dem wir seit Anfang November gefangen sind, gescheitert: Zwar bleiben die Infektionszahlen in Deutschland im europaweiten Durchschnitt oder lagen sogar darunter – dramatisch aber ist die Lage bei den Todesfällen: In den vergangenen Wochen sind hier relativ mehr Menschen gestorben als in anderen Ländern. Wortgewaltig empörten sich deutsche Medien – gern mit Bildern von Donald Trump –, als die USA mehr als 4000 Corona-Tote am Tag zu beklagen hatten. Gleichzeitig lagen die Deutschen bei mehr als 1000 Toten, bei einer Bevölkerung, die nicht einmal ein Viertel der USA beträgt. Selbst die Zahlen aus Schweden, denen wir stets ihren „tödlichen Sonderweg“ vorwarfen, geraten in Reichweite.

Coronavirus: Die interaktive Karte

Der Schutz unserer Alten- und Pflegeheime ist und bleibt ein Desaster. Mehr als zwei Drittel der Toten in Hamburg kommen aus Heimen, der Median liegt bei 83 Jahren – die eine Hälfte der Toten also ist älter, die andere jünger. Warum diskutieren wir diese Zahlen kaum? Warum nutzen wir nicht Maßnahmen an diesen Orten und bei diesen Risikogruppen, um das teuflische Virus zu bekämpfen? Warum nutzen wir den Vorschlaghammer, nicht das Skalpell?

Wir starren jeden Morgen gebannt auf die Infektionszahlen – aber die sagen nur wenig aus, weil die Altersverteilung entscheidet. Natürlich ist es ein kleiner Erfolg, dass die Inzidenz heute deutschlandweit auf unter 100 gefallen ist. Das aber hilft nur dann, wenn sich die Risikogruppen weniger infizieren. Genau das Gegenteil ist leider der Fall: Weiterhin ist die Zahl der Infizierten in der Gruppe der über 80-Jährigen am höchsten.

Die große Debatte auf Clubhouse heute um 12 Uhr

  • Die neue App Clubhouse nutzen immer mehr Menschen für Debatten. Das Hamburger Abendblatt möchte auf diesem Weg mit Lesern ins Gespräch kommen.
  • Heute um 12 Uhr geht es um die Frage, ob und wie der Lockdown weitergeführt werden soll: Sind Verschärfungen nötig oder Lockerungen angebracht? Wo liegen die größten Probleme und Versäumnisse im Kampf gegen das Coronavirus?
  • Jeder mit einem Clubhouse-Zugang kann mitdiskutieren.
  • Alternativ gibt es hier ein Streitgespräch von Jens Meyer-Wellmann und Matthias Iken zum Thema.

Wissenschaftler, Pädagogen und Ökonomen hinterfragen, ob Kita- und Schulschließungen oder verbarrikadierte Geschäfte noch die richtige Strategie sind. Längst ist unklar, ob Heil- und Nebenwirkungen in einem vernünftigen Verhältnis stehen: Die Therapie des monatelangen Lockdowns hat massive Nebenwirkungen - soziale Krisen, Pleiten, Existenzängste, Desintegration, ein Bildungsdesaster. Und die Krawalle in den Niederlanden zeigen, wie leicht entflammbar die Gesellschaft inzwischen ist. Auch in Deutschland verliert das Angstregime seine Überzeugungskraft: Viele Menschen sind müde und ignorieren die Vorgaben, am Ende drohen alle wichtigen AHA-Regeln koppheister zu gehen. Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die lange geschätzte „Mutti“ der Deutschen, verwandelt sich immer mehr in eine grantige Gouvernante. Nun kommt die britische Mutation hinzu, die die Geduld der Menschen auf eine weitere, harte Probe stellen wird. Aber auch hier wissen wir weniger, als wir fürchten.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Was also ist zu tun? Wir benötigen Strategien und Perspektiven, die uns aus dem Lockdown herausführen. Es ist gut, dass Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) den Mut hatte, einen Weg zu weisen. Wir benötigen ein umfassendes Schutzkonzept für Risikogruppen, wie es der grüne Oberbürgermeister Boris Palmer in Tübingen erfolgreich umsetzt. Wir benötigen viel mehr Tests und Gesundheitsämter wie in Münster, die effizient Kontakte nachverfolgen. Und wir brauchen endlich Lockerungen im Datenschutz, um Asiens Erfolg zum Vorbild zu nehmen. Was wir nicht brauchen, sind weitere Lockdownverschärfungen. Selbstmord aus Angst vor dem Tod ist und bleibt kein politisches Konzept.

Kontra: Wir müssen das Virus endlich konsequent bekämpfen

Nein, ich kann es nicht mehr hören. Was geht in den Köpfen von Menschen vor, frage ich mich, die monatelang das Falsche behauptet haben, und jetzt, wo ihre Irrtümer offen zutage liegen, immer noch denselben gefährlichen Unsinn verbreiten? Nein, ich meine nicht meinen geschätzten Kollegen. Ich meine die Gruppe der Verharmloser um eine Handvoll penetrant falsch liegender wissenschaftlicher Außenseiter, deren zu großer Einfluss mit dazu geführt hat, dass wir 55.000 Tote in Deutschland zu beklagen haben, dass Schulen, Theater, Restaurants über Monate geschlossenen werden mussten.

Corona sei nicht schlimmer als eine Grippe, haben sie behauptet. Die Sterblichkeit steige nicht, Kinder und Jugendliche steckten sich kaum an, und in Schulen seien Abstand und Maske unnötig. Schweden sei mit seinem freundlichen Umgang mit tödlichen Viren ein Vorbild. Es werde keine zweite Welle geben. Es stürben vor allem Alte – soweit ging der Zynismus bei manchen – daher sei ein hartes Vorgehen gegen das Virus nicht verhältnismäßig.

Das alles war falsch. Mittlerweile ist klar, was seriöse Wissenschaftler lange angenommen haben: Die Infektionssterblichkeit liegt rund zehnmal so hoch wie bei der Grippe. Es gibt eine deutliche Übersterblichkeit. Kinder und Jugendliche sind so ansteckend wie Erwachsene. In Schweden hat nach extremen Todeszahlen auch der König festgestellt, dass man mit tödlichen Viren keine Partys des Liberalismus feiern kann. Immer war klar, dass auch Übergewichtige, Diabetiker, Menschen mit Bluthochdruck, Autoimmunerkrankungen oder Krebs zur Risikogruppe gehören. Damit ist etwa jeder Dritte besonders gefährdet. Viele Menschen leiden noch Monate nach Infektionen an extremer Müdigkeit, Kurzatmigkeit, Gedächtnisproblemen oder können nicht riechen und schmecken.

Die Corona-Regeln für Hamburg im Überblick:

Die aktuellen Corona-Regeln für Hamburg im Überblick

  • Alle Regeln, die im Rahmen der Eindämmungsverordnung bis zum 10. Januar gelten sollten, werden grundsätzlich bis zum 14. Februar verlängert – ein Großteil des Einzelhandels bleibt geschlossen, bestellte Waren dürfen aber abgeholt werden. "Körpernahe Dienstleistungen" wie Friseure, Nagel-, Massage- und Tattoo-Studios dürfen nicht angeboten werden. Auch Kultur- und Freizeiteinrichtungen bleiben geschlossen, Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit bleibt verboten.
  • Kontaktregeln Angehörige eines Haushalts dürfen sich nur noch mit einer weiteren Person treffen. Ausnahmen für Kinder gibt es nicht.
  • Die Maskenpflicht wird angepasst: Stoffmasken reichen in den meisten Fällen nicht mehr aus. Stattdessen müssen medizinische Masken (mindestens OP-Masken, auch FFP2- oder KN95-Masken sind möglich) getragen werden. Bis zum 1. Februar gilt eine Übergangsphase, danach werden Verstöße mit Bußgeldern geahndet.
  • Kitas und Schulen: Die Präsenzpflicht an den Schulen bleibt aufgehoben, stattdessen soll so weit wie möglich Distanzunterricht gegeben werden. Kinder sollen – wann immer möglich – zu Hause betreut werden. Die Kitas wechseln in die "erweiterte Notbetreuung". Die privat organisierte Kinderbetreuung in Kleingruppen bleibt gestattet.
  • Arbeitgeber sind angehalten, so weit wie möglich ein Arbeiten von zu Hause aus zu ermöglichen. Zusätzlich soll eine neue Bundesverordnung Arbeitgeber dazu verpflichten, Homeoffice anzubieten, so weit das möglich ist. Betriebskantinen dürfen nur öffnen, wenn sie für den Arbeitsablauf zwingend erforderlich sind.
  • Sollte die Sieben-Tage-Inzidenz auf einen Wert über 200 steigen, müsste eine Ausgangsbeschränkung erlassen werden, die den Bewegungsradius auf 15 Kilometer rund um den Wohnort einschränkt. Wie genau diese Regel in Hamburg angewandt würde, ist noch nicht bekannt – der Senat will darüber entscheiden, sollte sich die Inzidenz dem Grenzwert annähern.
  • Senioren- und Pflegeeinrichtungen sollen mehrmals pro Woche Personal und Besucher testen. Das war in Hamburg schon verpflichtend und gilt nun bundesweit.
  • Zwei-Test-Strategie bei Reiserückkehrern aus Risikogebieten: Ein Corona-Test direkt nach der Einreise ist verpflichtend, die zehntägige Quarantäne kann frühestens fünf Tage nach der Einreise durch einen weiteren Test verkürzt werden. Die Kosten für die Tests werden nicht übernommen.

Trotz dieser Fakten wird von den Verharmlosern mantraartige behauptet, man müsse nur Pflegeheime schützen, dann könne der Rest des Landes wieder feiern. Zwar muss deren Schutz verbessert werden. Wir wissen aber längst aus aller Welt: Wenn das Virus überall grassiert, lassen sich Risikogruppen kaum schützen, es sei denn, man isoliert sie radikal. Sollen wir also ein Drittel der Bevölkerung wegsperren? Auch das Ausspielen von Jung gegen Alt zeigt, wie unsolidarisch westliche Ich-Gesellschaften heute funktionieren. In den kollektivistischer denkenden asiatischen Staaten wäre es undenkbar zu sagen: Wir opfern unsere Alten, damit die Jungen feiern können oder keinen Tag Präsenzunterricht verpassen.

All die falschen Behauptungen haben dazu geführt, dass wir zu inkonsequent gegen das Virus vorgegangen sind. Die Folge war ein monatelanges Herumeiern, das dem Virus nicht geschadet, aber Firmen an den Rand des Ruins und Kinder um ihre Bildung gebracht hat. Es ist so, wie es Intensivmediziner Uwe Janssens bei „Anne Will“ sagte: Wenn man Patienten zu wenig Antibiotikum gibt, geht es ihnen kurzfristig besser. Dann aber kommt die Infektion mit Macht zurück – und die Erreger werden resistent. Daher gebe es nur eine richtiges Vorgehen bei schweren Infektionen: „Hit hard, hit early“ – hart und früh gegen Keime vorgehen.

Einen Ausweg aus dem halbherzigen Dauerlockdown zeigt nun die „No Covid“-Strategie, die von Pädagogen, Virologen, Soziologen und einem renommierten Ökonomen wie Ifo-Instituts-Chef Clemens Fuest entwickelt wurde. Ihre Kernelemente: schnelles Absenken der Infektionszahlen auf null, Vermeidung der Wiedereintragung in „Grüne Zonen“ u.a. durch massives Testen und hartes Ausbruchsmanagement bei sporadischen neuen Fällen.

Wenn es mit dieser konsequenten Linie endlich gelänge, das Virus wirklich zu schwächen, könnten wir schon vor der Durchimpfung der Mehrheit zu vielen Freiheiten zurückkehren. Wenn wir aber jetzt trotz der Mutationen wieder planlos zu früh lockern, laufen wir in eine dritte Welle – mit Zehntausenden weiteren Toten, immer mehr Pleiten und Kindern, die bis zum Sommer nicht mehr in die Schulen dürfen. Auch das hätten dann die Verharmloser zu verantworten.

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