Wiederaufbau am Bornplatz

Synagogen-Pläne im Grindelviertel bewegen Hamburg

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Matthias Iken
Kirsten Fehrs, Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck der Nordkirche, Shlomo Bistritzky (r), Landesrabbiner der Freien und Hansestadt Hamburg, und Daniel Sheffer, sind Gründer und Sprecher der Initiative "Nein zu Antisemitismus. Ja zur Bornplatzsynagoge“.

Kirsten Fehrs, Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck der Nordkirche, Shlomo Bistritzky (r), Landesrabbiner der Freien und Hansestadt Hamburg, und Daniel Sheffer, sind Gründer und Sprecher der Initiative "Nein zu Antisemitismus. Ja zur Bornplatzsynagoge“.

Foto: dpa

Mehr als 107.000 Menschen stimmten onlinefür den Wiederaufbau – aber auch die Gegner haben starke Argumente.

Hafencity. Die Kampagne „Nein zu Antisemitismus. Ja zur Bornplatzsynagoge“ findet großen Widerhall: Mehr als 107.000 Menschen plädieren im Netz für den Wiederaufbau der 1938 zerstörten Bornplatzsynagoge. Zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz gedachtem Politiker und Vertreter der jüdischen Gemeinden der Opfer nationalsozialistischer Terror- und Gewaltherrschaft am Denkmal Hannoverscher Bahnhof.

Dabei betonte Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (SPD), wie wichtig es sei, den Blick auf die Opfer zu richten, den Menschen Namen und Gesichter zu geben. „Nur so können wir ihnen – über den Tod hinaus – die Würde zurückgeben, die man ihnen systematisch genommen hat.“ Katharina Fegebank (Grüne), als Senatorin zuständig für jüdisches Leben, betonte die Verantwortung: „Die Verbrechen des Nationalsozialismus geschahen überall. Hamburg war für mindestens 8000 Menschen der Startpunkt für eine Reise in den Tod.“ Der 27. Januar als Tag des Gedenkens an millionenfaches Leid dürfe nie vergessen werden.

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Kritik richtet sich gegen den originalgetreuen Wiederaufbau

Philipp Stricharz, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Hamburg, richtete den Blick auch in die Zukunft: „Wenn wir heute weltweit der Millionen Opfer gedenken, die im Namen Deutschlands ermordet wurden, stimmt mich die Aussicht auf eine neue jüdische Zukunft im Herzen unserer Stadt hoffnungsvoll wie lange nicht.“ Daniel Sheffer, Initiator der Kampagne „Nein zu Antisemitismus. Ja zur Bornplatzsynagoge“, machte sich dabei für den Wiederaufbau stark: „Kein Gebäude bekämpft Antisemitismus.“ Die Bornplatzsynagoge werde ein Ort der Begegnung und des Dialoges, um Unwissenheit und Vorurteile abzubauen. „,Nie wieder‘ ist das Erbe und die Aufgabe an alle Generationen.“

Doch es gibt auch gewichtige Stimmen, die sich nicht an der Idee einer Synagoge stoßen, wohl aber am originalgetreuen Wiederaufbau der historischen Synagoge, die 1906 eingeweiht wurde. Im Dezember meldeten sich Politiker, Forscher und Stadtentwickler zu Wort unter dem Motto „Geschichte lässt sich nicht rückgängig machen“. Inzwischen bekommt auch diese Initiative viel Rückenwind aus der Zivilgesellschaft: Gert Kähler, einer der Initiatoren, sagte: „Ich bin angenehm überrascht über die Debatte.“ So haben viele die Erklärung unterzeichnet, darunter der frühere Staatsrat Gert Hinnerk Behlmer, die Schriftstellerin Carmen Korn, der frühere Bundesminister Manfred Lahnstein, die Pastorin Annegrethe Stoltenberg oder der renommierte Architekt Volkwin Marg.

Für und Wider wird international diskutiert

Das Für und Wider wird international diskutiert. Aus New York meldete sich die Hamburger Jüdin Erika Estis, die die Hansestadt 1938 verlassen musste, und hält die Zerstörung der bestehenden Gedenkstätte für „herzzerreißend“. Schon der Gedanke sei „unmöglich, beschämend und schändlich“. Moshe Zimmermann, der an der Universität Jerusalem die Geschichte der Hamburger Juden erforscht hat, stört sich am Slogan „Nein zu Antisemitismus, Ja zur Bornplatzsynagoge“ als Argument. „Wer gegen den Neuaufbau der Synagoge ist, ist also Antisemit“, kritisierte er im „Tagesspiegel“.

Die Initiatoren des Bornplatzsynagogen-Projekts griffen zur ultimativen Waffe. Er sagt: „Die Initiative, den Gedenk- und Erinnerungsort durch den Bau einer Replik der alten Synagoge zu ersetzen, ist eine Verletzung der Grundnormen des historischen Gedenkens, ein pietätloser Akt.“ Er fragt, ob jüdisches Leben allein nach der orthodoxen Auslegung der Religion zu verstehen ist. „Der besondere historische Beitrag Hamburgs zur Entwicklung der jüdischen Religion ist bekanntlich die jüdische Reformbewegung, deren erste Synagoge vor etwa 200 Jahren in der Altstadt eingeweiht wurde.“

Holocaust-Überlebende haben schwere Vorbehalte

Die Initiative für den Wiederaufbau kommt aus der Gemeinde selbst. Der Rabbiner Shlomo Bistritzky schlug den Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge im Herzen des Grindelviertels nach dem antisemitischen Terroranschlag in Halle vor. Nicht nur der jüdische Weltkongress, sondern auch die Bürgerschaftsparteien und Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) unterstützen die Idee: „Jüdische Religion und Kultur müssen einen festen Platz haben in unserer vielfältigen Stadtgesellschaft. Dazu gehört ein Wiederaufbau der von den Nazis zerstörten Synagoge.“

Schwere Vorbehalte haben hingegen Holocaust-Überlebende. „Ich zweifle an der Sinnhaftigkeit dieses Vorhabens“, sagte die Holocaust-Überlebende Esther Bejarano vom Auschwitz-Komitee. „Antisemitismus können wir nur bekämpfen, wenn wir die Jungen gewinnen.“ Peggy Parnass betont, dass nach der Shoah nur wenige überlebende jüdische Menschen sich für den Neubau einer Synagoge an der Hohen Weide entschieden, die 1960 eingeweiht und inzwischen restauriert wurde.

Bundestag hat 65 Millionen Euro für den Wiederaufbau reserviert

Kritiker eines Wiederaufbaus verweisen darauf, dass 1988 dort eine bewusste Leerstelle ins Stadtbild gefügt wurde mit dem Bodenmosaik der Künstlerin Magrit Kahl, das den Grundriss der zerstörten Synagoge nachzeichnet. „Der Platz ist und war nie leer“, sagt Bejarano. „Sind wir, ist diese Gesellschaft wirklich reif dafür, die Spuren des Naziterrors unsichtbar zu machen? Müssen wir Rekonstruktionen nicht vielmehr fürchten? Denn nichts ist vorüber, nichts davon darf versteckt und vergessen werden.“

Nun will auch die Politik die Argumente noch einmal genau hören. Am 16. Februar haben Oberbaudirektor Franz-Josef Höing und Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt Befürworter und Gegner des Wiederaufbaus zu einem Gedankenaustausch in die Behörde eingeladen. Klar ist: Der Haushaltsausschuss des Bundestages hat Mittel in Höhe von 65 Millionen Euro für den Wiederaufbau reserviert. Nun soll eine Machbarkeitsstudie Antworten auf die wichtigsten Fragen liefern. Interessant: Dort heißt es: „Die offenen Fragen betreffen dabei unter anderem die architektonische Gestaltung des Neubaus.“

Kähler selbst hofft auf einen zeitgemäßen Entwurf: „Es gibt wunderbare Synagogenbauten – warum wagen wir das nicht in dem jüdischen Viertel?“

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