Verkehr

Hamburg baut Radwege in rekordverdächtiger Länge

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Andreas Dey
Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) auf dem Rad (Archivbild) – er will den motorisierten Verkehr in der Stadt drastisch verringern.

Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) auf dem Rad (Archivbild) – er will den motorisierten Verkehr in der Stadt drastisch verringern.

Foto: Marcelo Hernandez

2020 wurde so viel Strecke gemacht wie wohl noch nie. Tjarks spricht von "begeisterndem Ergebnis". 83 Millionen Euro investiert.

Hamburg. In Hamburg wurden im vergangenen Jahr so viele Radwege neu gebaut wie vermutlich nie zuvor. Mit hundertprozentiger Gewissheit könne man das zwar nicht sagen, räumte die Verkehrsbehörde ein, da die Daten nicht für das gesamte vergangene Jahrhundert vorlägen. Aber die 62 Kilometer, die 2020 neu gebaut oder saniert wurden, seien für die vergangenen Jahrzehnte auf jeden Fall ein Rekord.

„Wir haben es geschafft, die Bauleistung im Vergleich zum Vorjahr um 63 Prozent zu steigern, das ist ein begeisterndes Ergebnis“, sagte Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) am Freitag auf einer digitalen Pressekonferenz. 2019 waren 38 Kilometer Radwege neu entstanden. Der Höchststand aus den vergangenen Jahren lag bei 43 Kilometern im Jahr 2016.

Besonders Hamburgs Velorouten profitieren

Die Neubauleistung umfasst sowohl komplett neue Radwege als auch Sanierung und Aufwertung bisheriger Anlagen. Nach Angaben von Kirsten Pfaue, städtische Koordinatorin für die Mobilitätswende, entfielen allein 26 der 62 Kilometer auf die Velorouten – eine Steigerung um rund 100 Prozent zum Vorjahr.

Dieses insgesamt 280 Kilometer lange Netz, das einmal das Rückgrat des Radverkehrs in Hamburg bilden soll, sei mittlerweile zu 65 Prozent fertig (Vorjahr: 54 Prozent). 30 Prozent der Strecke sei in Planung oder Bau, nur fünf Prozent habe man noch nicht angefasst. Zum Vergleich: Ende 2017 waren 36 Prozent der Velorouten fertig, 16 Prozent in Arbeit und 48 Prozent noch gar nicht begonnen.

Hamburg hat 83 Millionen Euro in den Radverkehr investiert

Auch die Ausgaben stiegen entsprechend: 2020 seien 83 Millionen Euro in die Förderung des Radverkehrs, Verbesserung der Infrastruktur wie neue Stellplätze und Radbügel sowie Imagekampagnen geflossen, sagte Pfaue. Das war ein Plus von fast 60 Prozent zum Vorjahr, als 52 Millionen Euro ausgegeben worden waren.

„Wir werden nicht nachlassen“, betonte Pfaue. Und Tjarks erneuerte die mittel- und langfristigen Ziele des Senats: Bis 2030 solle der Anteil des „Umweltverbunds“ aus Fußgänger-, Rad- und öffentlichem Nahverkehr, der zuletzt bei 64 Prozent lag, auf 80 Prozent gesteigert werden. Das bedeute im Umkehrschluss, dass der Anteil des „motorisierten Individualverkehrs“ (MIV), also vor allem Autos und Motorräder, auf etwa 20 Prozent reduziert werden soll.

Rot-grüner Senat will 60 bis 80 Kilometer Radwege bauen

Wie berichtet, hatte sich Rot-Grün im neuen Koalitionsvertrag das Ziel gesetzt, künftig 60 bis 80 Kilometer Radwege im Jahr zu bauen. Kritiker der Opposition hatten das als viel zu optimistisch eingestuft und darauf verwiesen, dass schon das bisherige Ziel, 50 Kilometer pro Jahr zu schaffen, nie erreicht worden sei. Dass man gleich im ersten Jahr im Soll ist, bezeichnete Tjarks, der seit Juni im Amt ist, als das Ergebnis „einer tollen Teamleistung“ aller Beteiligten im Bündnis für den Radverkehr, darunter die Bezirke, der Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG) und die Hafenverwaltung HPA. Er halte mittelfristig sogar 100 Kilometer pro Jahr für möglich.

2020 hatte der Radverkehr in Hamburg um 33 Prozent gegenüber dem Vorjahr zugenommen. „Es ist zwar in vielerlei Hinsicht durch Corona bedingt, dass wir einen regelrechten Boom im Radverkehr hatten“, sagte Tjarks. Aber die Kurve sei unabhängig von der Pandemie schon vorher angestiegen. „Der Trend ist klar erkennbar“, so der Grünen-Politiker. „Man hat nicht nur gespürt, dass die Leute mehr Rad gefahren sind, sie wollen es auch, und sie wollen, dass wir eine entsprechende Infrastruktur bereitstellen.“

Ballindamm erhielt extrem breite Radwege

Als „Highlights“ im vergangenen Jahr bezeichnete Tjarks unter anderem den Umbau des Ballindamms mit den ex­trem breiten Radwegen, die Umgestaltung der Thadenstraße in Altona zur Fahrradstraße und die kurzfristige Einrichtung von „Pop-up-Bikelanes“. Diese provisorischen Radfahrstreifen auf der Straße dienen zugleich dazu, Erkenntnisse zu gewinnen. So wurde etwa an der Max-Brauer-Allee im Herbst eine frühere Fahrspur zum Pop-up-Radweg umgewandelt – ein Verkehrsversuch, mit dem ein Jahr lang die Auswirkungen auf den Radverkehr ebenso wie die auf den Kfz-Verkehr untersucht werden sollen.

Als Höhepunkte in diesem Jahr erwartet der Verkehrssenator einerseits zwei große Verkehrskongresse, andererseits die Eröffnung von Hamburgs größtem Fahrradparkhaus an der Kellinghusenstraße sowie des ersten „geschützten Radwegs“ entlang der Hannoverschen Straße in Harburg. Diese „Protected Bikelanes“ verlaufen zwar direkt neben der Fahrbahn, sind aber baulich abgetrennt – ein Prinzip, das in Kopenhagen weit verbreitet ist und dort mit dazu beiträgt, dass Auto- und Radverkehr sich kaum ins Gehege kommen.

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SPD und Grüne in der Bürgerschaft reagierten erfreut auf die Bilanz des Senats. „62 neue Kilometer sind eine hervorragende Nachricht für Hamburg“, sagte SPD-Radverkehrsexperte Lars Pochnicht. „Sie zeigen, dass die ehrgeizige Zielsetzung im Koalitionsvertrag richtig war.“ Rosa Domm, Sprecherin für Mobilitätswende der Grünen, sagte: „Der Ausbau des Radverkehrsnetzes geht inzwischen schneller voran als geplant. So schaffen wir die trittfeste Grundlage für eine klimafreundliche, gesundheitsfördernde und günstige Art der Fortbewegung und machen Hamburg zu einer immer lebenswerteren Stadt.“

Kritik übte dagegen die CDU. So sei die Fertigstellung des Veloroutennetzes eigentlich für Ende 2019 versprochen worden. Weil 32 der 62 Kilometer nur Radfahrstreifen seien, nannte CDU-Verkehrsexperte Richard Seelmaecker die Bilanz „eine dreiste Mogelpackung. Ein paar auf die Straße gepinselte Linien machen noch keinen richtigen Radweg. Es spricht Bände, dass ausgerechnet diese Provisorien den Löwenanteil des knapp erreichten Koalitionsziels bilden.“

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