Tourismus

Hotel Atlantic: Das Ende einer Ära an der Außenalster

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Franco Esposito
ist seit sechs
Jahren Direktor
des Atlantic.

Franco Esposito ist seit sechs Jahren Direktor des Atlantic.

Foto: Hernandez

Das Grandhotel gehört nach 63 Jahren nicht mehr zu Kempinski. Was sich dadurch ändert – und was beim Alten bleibt.

Hamburg. Der Schriftzug „Kempinski“ über dem Atlantic-Portal ist abgebaut. Auch die Pflegeartikel in den Zimmern und die Servietten, die den Namen der altehrwürdigen Hotelmarke Kempinski zierten, haben ausgedient. Das Grandhotel an der Außenalster erfindet sich ein Stück weit neu. Seit Kurzem hat das 1909 eröffnete Fünf-Sterne-Superior-Haus einen neuen Kooperationspartner. Es ist die exklusive „Autograph Collection“, der sich weltweit rund 200 Häuser der Luxuskategorie angeschlossen haben. Große Namen wie der Goldene Hirsch in Salzburg, dass The Mayflower in Washington oder das Hotel Am Steinplatz in Berlin gehören dazu. Und jetzt auch das Atlantic. 63 Jahre hatte die Partnerschaft mit Kempinski gewährt, jetzt weist am Eingang ein unauffälliges Schild auf die Autograph Collection hin, die zum amerikanischen Hotelkonzern Marriott gehört.

Der geschäftsführende Direktor Franco Esposito empfängt zum Gespräch in der neu gestalteten Empfangshalle des Hauses, nimmt auf einem mit braunem Samt bezogenen Sessel Platz. Gäste sind nicht in Sicht. Seit dem 2. November befindet sich Hamburg im zweiten Lockdown. Touristen dürfen nicht beherbergt werden, nur Geschäftsreisende. 23 von 221 Zimmern sind in der Nacht zu Mittwoch belegt. Die Restaurants und die Bar sind geschlossen. Das Frühstück wird auf dem Zimmer serviert. Die meisten Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, vor allem die Auszubildenden kümmern sich aktuell um die wenigen Gäste, und natürlich ist Franco Esposito vor Ort.

Weltweites Buchungssystem

Er leitet das Atlantic seit sechs Jahren. „Wir wollen auch in diesen schwierigen Zeiten für unsere Gäste da sein. Wir sind stolz darauf, dass wir nach rund drei Jahren Sanierung das Atlantic in neuem Glanz präsentieren können. Dazu passt auch, dass wir mit der Autograph Collection nun einen Partner haben, mit dem wir uns weiterentwickeln und neue Gästekreise für uns gewinnen möchten“, sagt Esposito. Wichtig ist dem Hotelier, der im Atlantic schon seine Ausbildung gemacht hat: „Wir sind natürlich weiterhin unabhängig, aber sind jetzt durch die Autograph Collection an ein weltweites Buchungssystem angeschlossen und können so auch mehr eine internationale Klientel erreichen.“ Zudem sei die Autograph Collection eine von internationalen Unternehmen nachgefragte Plattform, wenn es darum geht, weltweit Meetings und Veranstaltungen zu planen, sagt Esposito.

Die wichtigste Botschaft, auch für die Hamburger, die hier seit Generationen große Bälle und Familienfeiern begehen, ist für Esposito: „Das Atlantic bleibt das Atlantic. Unser Eigentümer ist weiterhin die Broermann Health & Heritage Hotelgruppe, und natürlich ändert sich auch bei unseren Mitarbeitern nichts. Das Besondere an der Autograph Collection ist, dass die angeschlossenen Häuser weiterhin ihre Individualität behalten, und das ist auch das, was unser Hotel ausmacht.“

Nachfrage nach Tagungen ist in Corona-Zeiten überschaubar

Normalerweise wäre im Atlantic jetzt die Ballsaison. Der Presseball stünde in diesen Wochen auf dem Programm, am 13. Februar der Ball über den Wolken. Dazu kämen zahlreiche Neujahrsempfänge und Jahresauftakttagungen. Aber in Zeiten von Corona sind große Events nicht gestattet, lediglich geschäftliche Zusammenkünfte mit bis zu 50 Personen und viel Abstand. Genügend Platz hätte Esposito in seinen Festsälen, auch die wurden aufwendig restauriert. Die Nachfrage nach Tagungen sei aber überschaubar, ebenso die Zimmerbuchungen für die kommenden Wochen. „Wir stehen vor großen Herausforderungen. Natürlich haben wir Buchungsanfragen von Individualreisenden für Ostern, aber noch wissen wir gar nicht, ob dann wieder touristische Reisen gestattet sind.“ Hamburg sei aber eine attraktive Reisedestination, und die Menschen hätten nach dem Lockdown sicherlich wieder Lust zu reisen. „Doch es wird dauern, bis wir wieder die Nachfrage wie zu Vor-Corona-Zeiten haben werden.“

Eigentlich ist die Lobby vom Atlantic mit der angrenzenden Bar ein pulsierender Ort. Hier treffen sich Hamburger zum Kaffee oder auf ein Glas Champagner; Geschäftsleute fädeln Deals ein. Touristen nehmen einen Drink an der Bar. Jetzt sitzt Esposito hier allein mit seinem Gesprächspartner. „Wir können an dieser aktuellen Situation nichts ändern. Natürlich ist es ein wenig surreal, wenn in einem Hotel wie diesem so wenig Leben ist.“

Hotelmarkt in Hamburg war schon vor Corona umkämpft

Es ist offensichtlich, dass der Tourismus in Hamburg bedingt durch die Corona-Lockdowns in einer nie da gewesenen Krise steckt. Wie berichtet, konnte wohl im vergangenen Jahr bei den Übernachtungen noch nicht einmal die Sieben-Millionen-Marke geknackt werden - in 2019 waren es noch mehr als 15,4 Millionen Übernachtungen.​ Der Hotelmarkt in Hamburg war schon vor Corona umkämpft. Auch an Nobelherbergen mangelt es nicht. Das The Fontenay liegt gegenüber auf der anderen Alsterseite, auch das Vier Jahreszeiten ist nur wenige Gehminuten entfernt. Dieser Konkurrenz dürfte sich Esposito durchaus bewusst sein, aber zu den Mitbewerbern würde sich der Hoteldirektor nie äußern. „Wir haben eine mehr als 110-jährige Geschichte und sind sozusagen eine Ikone der Hamburger Hotellerie. Wir haben eine umfangreiche Neugestaltung des Hauses abgeschlossen und dabei den Charme des Grandhotels erhalten. Das sehe ich als Alleinstellungsmerkmal.“

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Nach dem Ende der Kooperation mit dem Atlantic nach mehr als sechs Jahrzehnten hat Kempinski nun kein Haus in Hamburg mehr. Wie berichtet, hatte die international agierende Hotelkette offensichtlich Interesse daran, das Luxushotel The Fontenay als Partner zu gewinnen. Es gab dazu auch schon Gespräche, aber bislang ist Eigentümer Klaus-Michael Kühne auf diese Offerte nicht eingegangen.