Pandemie

Hamburger Eltern sind vom Corona-Alltag überfordert

| Lesedauer: 6 Minuten
Camilla John und Juliane Lauterbach
Vera Falck vom Verein Dunkelziffer, der sich für sexuell missbrauchte Kinder einsetzt. 

Vera Falck vom Verein Dunkelziffer, der sich für sexuell missbrauchte Kinder einsetzt. 

Foto: Rauhe

Und die Kinder bekommen es zu spüren. Bei den Beratungsstellen klingelt das Telefon fast durchgängig.

Hamburg. Deutlich mehr Beratungsanfragen, Familien, in denen Streit zum Alltag gehört und Kinder, die das vergangene Jahr zu Schulverlierern gemacht hat: Der Hamburger Kinderschutzbund und der Verein Dunkelziffer fürchten, dass viele Kinder und Jugendliche durch das vergangene Coronajahr schon jetzt Schaden genommen haben.

„Bei uns klingelt das Telefon unserer Beratungshotline fast durchgängig“, sagt Ralf Slüter, Geschäftsführer des Kinderschutzbundes Hamburg. „Oft betreffen die Fragen ganz konkrete Überforderungssituationen im Alltag, Unsicherheiten mit bei Umgangsregelungen, Erschöpfung der Eltern und Einsamkeit der Kinder, weil sie keine Freunde sehen dürfen.“

Besonders im ersten Lockdown im Frühjahr sei es dramatisch gewesen, wie wenig an die Bedürfnisse von Kindern gedacht worden sei. „Das empfinde ich jetzt im zweiten Lockdown anders“, so Slüter. „Dieses Mal bieten Schulen und Kitas weiterhin ein Notangebot an und das ist richtig.“ Ein schlechtes Gewissen, die Kinder in Betreuung zu geben, sei fehl am Platz. „Wer es zu Hause gut hinbekommt und vielleicht mal ein anderes Kind zu Besuch einlädt, der soll es natürlich so weitermachen. Aber wer es nicht schafft, der sollte das Angebot unbedingt nutzen“, rät er. Zum einen gehe es darum, den Druck aus überlasteten Familien zu nehmen und zum anderen hätten Kinder auch ein Recht darauf, mit anderen Kindern zu spielen und zu lernen.

Manche Kinder wurden im Coronajahr zu Schulverlierern

Grundsätzlich sei es so, dass Kinder schon früh dazu in der Lage seien zu verstehen, dass es sich gerade um eine Notsituation handelt, also etwas, das man aus eigenen Kräften nicht verändern kann. „Auch wenn es natürlich viele Kinder und Jugendliche gibt, denen durch den Wegfall von Abiparties, Studienbeginn und anderen Abenteuern etwas fehlt, denke ich, dass sie sich die Erfahrungen auf anderen Wegen zurückholen werden.“

Corona-Masken, Kitas, Homeoffice: Das gilt jetzt in Hamburg

Corona-Masken, Kitas, Homeoffice: Das gilt jetzt in Hamburg

Besonders aufpassen müsse man aber auf die Kinder, die schon vor Corona Probleme in der Schule hatten. „Die Pandemie hat die Schere noch weiter auseinandergehen lassen. Es gibt Kinder, die im Coronajahr zu Schulverlierern wurden und das wird die Systeme noch viele Jahre beschäftigen.“ Zu Beginn der Pandemie hatte Slüter befürchtet, dass es durch den Mangel an sozialer Kontrolle oder Aufmerksamkeit und die hohe Belastung in den Familien auch zu mehr Gewalt kommen würde. „Valide Zahlen dazu gibt es noch nicht. Das heißt aber nicht, dass die Hypothese falsch war“, so Slüter weiter.

Sexuelle Übergriffe und Missbrauch

Für Vera Falck von dem Verein „Dunkelziffer“, der sich für sexuell missbrauchte Kinder einsetzt, gibt es „ein Vor und ein Nach Corona“. Damit meint Falck, langjähriger geschäftsführender Vorstand bei Dunkelziffer e.V., dass auch heute noch Übergriffe und Vorfälle bekannt werden, die schon Monate zurückliegen. „Da sind Dinge im ersten Lockdown passiert, und erst jetzt trauen sich die Kinder und Jugendlichen, darüber zu sprechen.“ Es gehe um sexuelle Übergriffe, sexualisierte Gewalt, Missbrauch. Aber auch Gewalt und Straftaten, die durch das Internet und soziale Medien stattfinden.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Der aktuelle Lockdown verhindere erneut, dass Vorfälle entdeckt werden. „Sonst werden die Kinder in den Vereinen, Jugendtreffs und Kitas oder Schulen von Pädagogen gesehen, die sie gut und lange kennen und dann erkennen, wenn sich ein Kind auffällig oder anders verhält“, erklärt Falck. „Diese Angebote entfallen ja zum Teil komplett und die Kinder sind viel in ihren Familien zu Hause.“ Dort, im familiären Umfeld, wo 75 Prozent der Täter herkommen. Es meldeten sich auch Großeltern vermehrt, die ihre Enkel monatelang nicht besuchen durften und nun stark veränderte Kinder sehen. „Wir befürchten, dass es vermehrt in den sowieso schon gefährdeten Familien zu Gewalt kommt“, sagt sie.

Zahl der Beratungen verdoppelt sich

Durch das stetig klingelnde Telefon bei Dunkelziffer wird deutlich, dass es derzeit auf jeden Fall Redebedarf gibt. „Wir haben im Gegensatz zu 2019 in November und Dezember 2020 mit 43 und 78 Anrufen mehr als doppelt so viele Beratungsgespräche gehabt“, sagt Falk.

Eine derjenigen, die die Telefongespräche (erreichbar unter 040-421070010) entgegen nimmt, ist die Fachberaterin und Sozialpädagogin Alena Mess. „Wir bekommen viel mehr Anrufe zum Thema Kinderpornografie im Netz, also es geht um das Anfragen und Verschicken von Fotos oder Videos an Unbekannte“, sagt sie. Oft säßen die Kinder unbeaufsichtigt vor dem Computer, unterhielten sich per Apps wie Snapchat, Youtube oder Instagram oder anderen Plattformen mit Chatfunktion. „Online ist gerade ein sehr großer Nährboden, eine Eintrittskarte für den Täter von außen“, erklärt Mess. „Gerade in der Pubertät geht es um Bestätigung, die momentan draußen nicht erfolgen kann, also wird sie durch Posten von Videos oder Fotos eingefordert.“

Lesen Sie auch:

Oft berät sie auch Eltern, die überfordert sind und gar nicht wissen, in welchen Netzwerken ihr Kind unterwegs ist. „Mein Appell ist immer, dass man die Online-Welt nicht von der Offline-Welt trennen darf. Oben im Kinderzimmer vor dem Computer ist das Kind eben nicht sicher.“ Es bedürfe Regeln und fester Zeiten für die Mediennutzung. „Im April oder Mai erwarte ich gerade zu diesem Thema noch einmal einen erneuten Zulauf“, sagt Messe. Dann, wenn hoffentlich auch wieder mehr persönliche Beratungsgespräche stattfinden können.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg