Hamburger Turnerschaft

Der Kampf um die Macht beim ältesten Sportverein der Welt

| Lesedauer: 12 Minuten
Peter Wenig
Die HT 16 ist der älteste Sportverein der Welt.

Die HT 16 ist der älteste Sportverein der Welt.

Foto: Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Die HT 16 ist stolz auf ihre lange Geschichte und ihr neues Sportzentrum. Doch jetzt erhebt eine Initiative schwere Vorwürfe.

Die erste Turnhalle war ein Gotteshaus. Auf dem Zwischenboden der ehemaligen Johanniskirche an der Kleinen Alster turnten Wilhelm Benecke und Karl Krutisch, zwei Anhänger des Turnvaters Jahn, mit Gleichgesinnten. Am 2. September 1816, gründeten sie die Hamburger Turnerschaft von 1816. Der Verein überstand Kriege und Krisen, auch die grauenvollen Cholera-Epidemien des 19. Jahrhunderts. Mehr als 200 Jahre gilt der Club als ältester durchgängig existierender Sportverein der Welt. Inzwischen zählt die HT 16 mit derzeit rund 4500 Mitgliedern zu den größten Sportvereinen der Stadt.

Bei der Eröffnung des neuen Clubzentrums mit Sport- und Kletterhalle, Saunabereich, Fitnessstudio und Kita, erbaut für zwölf Millionen Euro am Sievekingdamm, sprach Bürgermeister Peter Tschentscher am 17. Januar 2020 das Grußwort.

Im Innenleben des Vereins rumort es derzeit mächtig. Eine Initiative aus Mitgliedern und ehemaligen wie aktuellen Mitarbeitern der HT 16 erhebt in einem 50-seitigen Dossier schwere Vorwürfe gegen Vorstand André Nöbbe und Geschäftsführer Andreas Wolff. Es liegt dem Abendblatt vor. Die Rede ist von Vetternwirtschaft, Duldung eines Trainers mit pädophilen Neigungen, den weitgehenden Verlust einer Erbschaft, Mobbing und Scheinbeschäftigungen. Die Initiative fordert eine außerordentliche Delegiertenversammlung. Nöbbe und Wolff sprechen dagegen von einer Gruppe, „die bewusst vereinsschädigend agiert“. Aus ihrer Sicht könnten „Falschaussagen und Unterstellungen“ sogar „strafbare Handlungen“ darstellen. Doch worum geht es im Detail?

Hamburger Turnerschaft: Der Streit um die Erbschaft

Die Initiative klagt in ihrem Dossier den „größten Diebstahl der Vereinsgeschichte“ an. Hintergrund ist eine Veruntreuung einer Erbschaft durch ein ehemaliges Vorstandsmitglied. Der Verein hatte den Rechtsanwalt Peter D. beauftragt, eine Erbschaft von 350.000 Euro abzuwickeln, 60 Prozent sollten an die SOS-Kinderdörfer gehen, 40 Prozent an die HT 16. „Zweifel an seiner Zuverlässigkeit gab es keine, daher hatten wir bis zum Zeitpunkt der Geschehnisse vollstes Vertrauen in Peter, insbesondere aufgrund seiner langjährigen Vereinsverbundenheit und seines immerwährenden zeitlichen wie unentgeltlichen Engagements für den Verein“, heißt es in einer Stellungnahme des Vorstands an die Delegierten.

Dieses „immerwährende Engagement“ mündete indes in einem der bizarrsten Auftritte der Hamburger Justizgeschichte. Am 29. Oktober 2019 brach Peter D. gegen 9.30 Uhr mit Stichverletzungen im Foyer des Landgerichts zusammen.

Selbstverletzung als „geplantes taktisches Verhalten“

Da ein Attentat befürchtet wurde, sperrte die Polizei mehrere U- und S-Bahnhöfe in der Umgebung. Doch dann stellte sich heraus, dass sich Peter D. auf dem Weg zu seiner Berufungsverhandlung selbst in die seitliche Rückenpartie gestochen hatte. In erster Instanz war der Jurist wegen Veruntreuung von Mandantengeldern – dabei ging es auch um die Erbschaft – zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden. Die Richterin wertete die Selbstverletzung als „geplantes taktisches Verhalten“ und schmetterte die Berufung ab. Inzwischen brummt der Anwalt seine Haftstrafe ab.

Den finanziellen Schaden hat nun der Verein. Zwar überwies Peter D. 2014 und 2015 – laut Vorstand „nach mehrmaliger Aufforderung“ – den der HT zustehenden Erbschaftsanteil. Die SOS Kinderdörfer gingen jedoch leer aus. Die Konsequenz: Ein Gericht teilte das Erbe neu auf. Laut Vorstand musste die HT 16 „inklusive Zinsen, Kosten und Gebühren“ 102.000 Euro an die SOS Kinderdörfer zahlen. Peter D. wurde aus dem Verein geworfen, der Vorstand hofft, dass man sich zumindest einen Teil dieser Summe noch vom inhaftierten Juristen holen kann. Die Initiative spricht von „grober Fahrlässigkeit“.

Die Pädophilen-Affäre

Hier geht es um einen Trainer der Schwimmabteilung, der auch im Schulschwimmen eingesetzt wurde. Laut Vorstand hätten Eltern einer Schülerin der Brüder-Grimm-Schule in Horn 2013 den Trainer angezeigt, da er sich „in der Mädchenumkleide unsittlich belästigend“ gezeigt habe. Die Schule habe allerdings große Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Zeugin gehabt. Dennoch habe die HT 16 den Trainer sofort beim Schulschwimmen nicht mehr eingesetzt. Erst nach Einstellung des Verfahrens habe er wieder in Schulen trainiert, allerdings nicht mehr in Schwimmbädern.

In einer anderen Schule sei es dann aber zu einem neuerlichen Vorfall gekommen, der strafrechtlich verfolgt worden sei. Weiter heißt es in dem Schreiben des Vorstands an die Delegierten: „Direkt nach Bekanntwerden des Vorfalls haben wir ihn aus allen Kindersportarten herausgenommen und das Arbeitsverhältnis unverzüglich zum 30.5.2018 beendet.“ Die Initiative spricht dennoch von einem „untragbaren Versäumnis“. Der Vorstand habe einen Trainer mit pädophilen Neigungen gedeckt: „Anstatt alle eventuell Betroffenen zu befragen und so vielleicht bislang unentdeckte Fälle aufklären zu können, wurde die jahrelange Trauer zu einem Pädophilen heruntergespielt. Bis heute.“

Vetternwirtschaft und Mobbing

Die Initiative wirft Geschäftsführer Andreas Wolff vor, seine damalige Lebensgefährtin und heutige Ehefrau 2019 als Kinderbetreuerin im Kindergarten der HT 16 eingestellt zu haben. Die Initiative behauptet: „Es mussten hierfür langjährige Mitarbeiterinnen gehen.“ Dabei würde ihr „Eignung und die notwendige Qualifizierung“ fehlen.

Wolff und Nöbbe sehen dies anders. Zunächst sei es um eine Bewerbung im Bereich der Rezeption des Clubs gegangen, passend, da sie zuvor 26 Jahre als Abteilungsleiterin in der Gästebetreuung eines Hotels gearbeitet habe. Auf Wunsch der Rezeptionsleitung sei von einer Einstellung abgesehen worden: „Eine Zwangsbesetzung hat nicht stattgefunden.“ Dann aber sei sie „auf ausdrücklichen Wunsch der Kita-Leitung“ als Kinderbetreuerin eingestellt worden. Inzwischen absolviere sie eine berufsbegleitende Ausbildung zur Erzieherin.

Vernichtendes Urteil über das Arbeitsklima bei der Turnerschaft

Ihren Einfluss auf personelle Entscheidungen bestätigt der Vorstand. Laut Schreiben an die Delegierten habe sie „im Zuge ihrer Tätigkeit grobe Mängel in der Personalführung der Kitaleitung und deren Organisation festgestellt“. Weiter heißt es: „Bei einer Überprüfung durch Andreas Wolff wurden unabhängig davon weitere Mängel offensichtlich.“ Die Kündigung von Arbeitsverhältnissen sei „aufgrund von objektiv beurteilbaren Missständen erfolgt.“ Detailliertere Angaben seien „aufgrund der laufenden arbeitsrechtlichen Maßnahmen und aus Gründen des Datenschutzes“ nicht möglich.

Die Initiative fällt ein vernichtendes Urteil über das Arbeitsklima bei der Turnerschaft. Die Rede ist von „großen psychosozialen Belastungen“, „nicht vorhandener Wertschätzung“ und „groben Mängeln an sozialen Umgangsformen“. Dazu bekennen sich 13 ehemalige Mitarbeiter in dem Dossier namentlich. Die Geschäftsführung habe ihre Machtposition missbraucht. Zudem würden die mit Kündigungen verbundenen Prozesskosten und Abfindungen hohe Kosten verursachen. Nöbbe und Wolff nennen dies „hanebüchen“. Viele Mitarbeiter der HT 16 würden „das gute Betriebsklima und die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Vorstand und Geschäftsführung schätzen“.

Der Überweisungsbetrug

Hier geht es um eine Überweisung von rund 30.000 Euro auf ein englisches Bankkonto. „Hierbei handelt es sich um einen Überweisungsbetrug, auf den unsere Mitarbeiterin leider reingefallen ist“, heißt es in dem Schreiben des Vorstands. Die Mitarbeiterin habe eine gefälschte E-Mail von Wolff erhalten, in dem der Verein aufgefordert wurde, umgehend ein Bauberatungshonorar zu zahlen. Das Geld sei aber keineswegs verloren, Gebühren im kleinen vierstelligen Bereich fielen jedoch an. Man habe die „mündliche Bestätigung der Hausbank“, dass die englische Bank die angewiesene Summe nicht ausgezahlt habe.

Das Problem: Eine Rücküberweisung sei ohne Zustimmung des Empfängers, also des Betrügers, nicht ohne weiteres möglich. Weiter heißt es in dem Schreiben: „Mit unserer Mitarbeiterin wurde ein der Situation angemessenes Personalgespräch geführt.“ Aktuell sei man dabei, den Zugriff auf die Konten auf ein Vier-Augen-Prinzip zu verändern.

Scheinbeschäftigung bei der HT 16

Auf den ersten Blick wirkt dieser Vorwurf der Initiative eher zu vernachlässigen. Es geht um 450-Euro-Verträge, sogenannte Mini-Jobs. Für die HT16 könnten diese Verträge jedoch unangenehme Folgen haben. Die Initiative spricht von einem „strafbaren Gebaren der Scheinbeschäftigung“. Eine Mitarbeiterin der Tochtergesellschaft Betreuen und Bewegen hat inzwischen einen Rechtsanwalt eingeschaltet, um zu prüfen, ob sie sich mit dem folgenden Konstrukt strafbar gemacht hat: Demnach hatte die Mitarbeiterin mit der Geschäftsführung vereinbart, dass ihr 1400 Überstunden und 23 Urlaubstage vergütet werden, da es ihr nicht möglich gewesen sei, den entsprechenden Freizeitausgleich zu nehmen. Dieser Betrag von 13487,28 Euro soll nach ihrer Darstellung im Zeitraum von Oktober 2019 bis März 2022 in monatlichen Raten von 450 Euro ausgezahlt werden - jedoch nicht von der Tochtergesellschaft, sondern von der Vereins-Kita Hort Hammer Trolle.

Unklar bleibt, ob der Arbeitgeber mit dieser Mini-Job-Konstruktion gegen geltendes Recht verstoßen haben könnte. Auf Abendblatt-Anfrage schreibt die Geschäftsführung: „Zu den Vorwürfen im Zusammenhang mit der Scheinbeschäftigung sind unsere Berater gebeten worden, die offenen Punkte zu klären. Deshalb können wir hierzu derzeit keine Antworten geben.“ Im Schreiben an die Delegierten heißt es zu dem Vorwurf, dass man vier Mitarbeiter auf Basis von 450-Euro-Verträge beschäftige, „bei denen wir die vertraglich vereinbarte Arbeitsleistung nicht abrufen. Beim Hort 1816 haben wir eine Mitarbeiterin von Betreuen & Bewegen gGmbH beschäftigt, für die das Gleiche zutrifft.“

Die Zukunft

Eine Einigung zwischen Vorstand und Initiative scheint ferner denn je, nachdem eine angedachte Mediation gescheitert ist. Der Reinbeker Sportsoziologe Prof. Hans-Jürgen Schulke, Ehrenmitglied der HT 16, sollte im Streit vermitteln. Doch die Initiative ist dazu nun nicht mehr bereit: „Sie haben trotz unserer Bereitschaft zu einer Mediation weiter versucht, Personal, welches sich für das Wohl des Vereins einsetzt, auf Kosten der Gemeinschaft ohne Rücksicht auf personelle sowie monetäre Verluste zu entfernen“, heißt es in einer dem Abendblatt vorliegenden Mail der Initiative an Vorstandschef Nöbbe.

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Gegenüber dem Abendblatt bedauert Wolff das Aus für die Vermittlung: „Die Protagonisten der Initiative verkennen leider erneut, dass es letztlich nicht um Partikularinteressen der Initiative geht, sondern allein um die Interessen des Vereins und seiner Mitglieder.“ Die Begründung der Absage hält er für „sachlich nicht nachvollziehbar; sie enthält diverse Behauptungen und Unterstellungen, ohne Belege und Begründungen“. Zudem habe der Verein seit seinem Amtsantritt als hauptamtlicher Geschäftsführer „vom Sanierungsfall zum bundesweit anerkannten Beispielverein“ entwickelt. Die HT 16 besitze nun „eine der modernsten Vereinssportanlagen Deutschlands“. Diese Neuausrichtung sei „bedauerlicherweise teilweise mit schwierigen, aber immer sehr abwägenden Personalentscheidungen verbunden gewesen. Versucht wurde dabei auch, menschliche Härten zu vermeiden. Wenn uns das nicht in allen Fällen gelungen sein sollte, bedauern wir dies.“

Nöbbe und Wolff werfen ihren Gegnern vor, „überwiegend aus persönlichen wirtschaftlichen Motiven zu handeln“. So habe sich ein Mitglied der Initiative vergeblich als Assistent der Geschäftsführung beworben.
Die Initiative weist diese Vorwürfe entschieden zurück. „Uns geht es allein um die HT 16. Wir wollen, dass Werte wie Gemeinschaft, Engagement, Tradition und Loyalität wieder im Vordergrund stehen und nicht die Interessen Einzelner“, sagt Matthias Beyer, einer der Sprecher der Initiative. Notwendig sei eine außerordentliche Delegiertenversammlung. Auf die Tagesordnung gehören aus Sicht der Initiative die Abwahl des Vorstands und seine Nicht-Entlastung.

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