Corona-Pandemie

Kleine Initiativen, die in der Krise Großes bewirken können

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Sabine Tesche
Heike Gerstmann, Leiterin des Seniorentreffs in den Kirchen des Wandsetals, brachte Briefe zu einsamen Alten.

Heike Gerstmann, Leiterin des Seniorentreffs in den Kirchen des Wandsetals, brachte Briefe zu einsamen Alten.

Foto: Jan Simonsen

Gesten der Menschlichkeit: Die Aktion Quartierstauben und die Suppengruppe der Kirchengemeinde St. Georg erfahren viel Unterstützung.

Hamburg. Es ist jeden Freitagmorgen das gleiche Bild: In einer langen Schlange stehen Menschen jedes Alters geduldig vor dem Eingang der Dreieinigkeitskirche in St. Georg. Drinnen sind auf langen Tischen Obst, Gemüse und andere Lebensmittel aufgereiht, die sich die bedürftigen Menschen mitnehmen dürfen. In einem weiteren Bereich des Kirchraums schenken Ehrenamtliche Suppe aus – zum Mitnehmen.

„Bis März 2020 waren wir eine reine Suppenküche vor allem für Obdachlose und andere arme Menschen, die hier bei uns in Ruhe eine Suppe löffeln konnten. Inzwischen sind wir eine Ausgabestelle der Tafel und versorgen viel mehr Leute. Bis zu 200 sind es bei jedem Einsatz“, berichtet Margarethe Lieckfeld, die für die Organisation der rund 30 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer zuständig ist.

Hotels und Kantinen beteiligen sich an den Spenden

Außerdem hält sie Kontakt zu den Suppenspendern – umliegende Hotels und Kantinen, die seit Jahrzehnten die Initiative der Kirchengemeinde St. Georg/Borgfelde mit bis zu 80 Liter Eintopf jede Woche versorgen. „Bis zum zweiten Lockdown im November haben wir Suppe unter anderem aus den Küchen vom Hotel Atlantic, dem Reichshof, Le Meridien, der Cenito Service GmbH, der Spiegel- und ,DZ Hyp AG‘-Kantine erhalten“, zählt Lieckfeld auf. Ihr ist es ein großes Anliegen, sich bei all den Spendern zu bedanken, „die auch in den schwierigen Zeiten an uns gedacht und für uns gekocht haben“.

Die 68-Jährige berichtet vom Koch des Jungen Hotels, der, obwohl er eigentlich zu Hause war, in die Hotelküche gegangen sei und Gemüse aus dem Gefrierschrank geholt habe, „um uns mit einer warmen Mahlzeit beliefern zu können“. Oder von den Betreiberinnen des Best Western Raphael Hotels, die zu Ostern Schokohasen vorbeigebracht hatten. „Und besonders haben sich unsere Bedürftigen über die 50 Gänsekeulen mit Beilagen gefreut, die der Europäische Hof an Weihnachten geliefert hat“, sagt Lieckfeld.

Die Pandemie bringt viel Mitmenschlichkeit hervor

Seit fünf Jahren ist die ehemalige Lehrerin bei der Suppenküche aktiv, doch so viel Hilfsbereitschaft wie während der Corona-Pandemie hat sie noch nie erlebt. Menschen spendeten spontan Geld, weil sie die Schlange vor der Kirche gesehen hätten, die St. Georg Apotheke Lange Reihe habe selbst genähte Masken zugunsten der Suppenküche verkauft und viele junge Menschen, die in Kurzarbeit oder im Homeoffice seien, engagierten sich nun ehrenamtlich bei ihnen.

Lieckfeld findet: „Bei all dem Negativen hat diese Krise auch viel Gutes bewirkt und die Mitmenschlichkeit gefördert. Das berührt uns alle sehr.“ Auch die Akteure des Stadtteil-Netzwerks „ZusammenWir! Hinschenfelde-Wandsbek“ sind tief berührt von dem Erfolg ihres Projekts „Quartierstauben“. Sie hatten Ende 2020 dazu aufgerufen, Briefe an ältere Menschen im Pflegeheim zu schreiben und sie an den Botanischen Sondergarten Wandsbek zu schicken. Auf der Abendblatt-Seite „Von Mensch zu Mensch“ veröffentlichten wir den Aufruf am ersten Advent: Das Echo war überwältigend, mit mehr als 1000 Briefen sind die „Quartierstauben“ ausgeflogen, um in der Weihnachtszeit älteren, einsamen Menschen damit eine Freude zu bereiten.

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Mehrere Schulen von Wandsbek-Gartenstadt bis Barsbüttel, von Billstedt bis Bargteheide haben sich beteiligt. „Weil so viele Hamburger mitgemacht haben, konnten wir außerdem vier ambulante Pflegedienste einbeziehen und ihnen Briefe für die Patienten mitgeben“, berichtet Helge Masch vom Botanischen Sondergarten. Eine Briefempfängerin aus Hinschenfelde konnte ihren Dank am Heiligabend über NDR 90,3 senden und kürte das Projekt zum Hamburger des Tages.

„Unser Ziel war es, durch Briefe neuen Mut zu stiften, und wie es aussieht, wurde das sehr oft auch erreicht. Bei den Rückmeldungen, die wir erhalten haben, ist uns aufgefallen, wie groß der Wunsch nach einer Fortsetzung des Briefkontakts ist. Mehr als die Hälfte der Briefe waren mit einem Absender versehen, sodass sich die Beschenkten bedanken konnten“, berichtet Pastor Jan Simonsen, einer der Initiatoren der Aktion. Er möchte das Projekt auch im neuen Jahr fortsetzen, „solange der Lockdown die Kontakte mit alten Menschen noch beschränkt“.

Wer mitmachen möchte, schreibt einen Brief und schickt ihn an: Quartierstauben c/o Botanischer Sondergarten-Wandsbek, Walddörferstr. 273, 22047 Hamburg.

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