Corona-Pandemie

Erste Fahrschulen in Hamburg verhängen Aufnahmestopp

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Martin Kopp
Hat in der aktuellen Pandemie viel zu tun: Fahrlehrerin Grit Melüh von der Fahrschule Fahrszination in Hamm. Fahrschüler müssen aktuell viel Zeit bis zur Prüfung mitbringen.

Hat in der aktuellen Pandemie viel zu tun: Fahrlehrerin Grit Melüh von der Fahrschule Fahrszination in Hamm. Fahrschüler müssen aktuell viel Zeit bis zur Prüfung mitbringen.

Foto: Andreas Laible

Lange Wartezeiten bei Prüfungen sorgen für Probleme. Rückstau der Schüler aus dem ersten Lockdown ist noch nicht abgearbeitet.

Hamburg. Grit Melüh schaut auf die Uhr. Die Hamburger Fahrlehrerin will pünktlich ihre nächste Fahrstunde erteilen. Nur der Schüler scheint zu trödeln. Langsam schlendert er zum Fahrzeug, als hätte er alle Zeit der Welt. Er weiß genau: Es wird noch Wochen dauern, bis er seine Führerscheinprüfung ablegen kann. Das liegt nicht an seinem fahrerischen Unvermögen, sondern an der Situation. Wer in Hamburg eine Führerscheinprüfung ablegen will, muss aktuell viel Geduld aufbringen.

Denn Hamburgs rund 180 Fahrschulen schieben eine riesige Bugwelle an ausgebildeten Schülern vor sich her, die auf ihre theoretischen und praktischen Führerscheinprüfungen warten. Es fehlen Prüfer, zudem sind die theoretischen Fahrprüfungen in der Pandemie zu einem Flaschenhals geworden, weil die Hygiene- und Abstandsregeln nur eine begrenzte Anzahl von Prüflingen pro Prüfung zulassen. Erste Fahrschulen der Hansestadt verhängen jetzt ein Aufnahmestopp für neue Schüler.

Prekäre Situation

Die Situation sei prekär, sagt Sabine Darjus, Vorstandsvorsitzende des Hamburger Fahrlehrerverbands. „Das Fahrschüleraufkommen ist immens hoch, sodass weitere Interessenten an einigen Stellen schon abgewiesen werden müssen.“ Der Rückstau von 6000 Fahrschülern aus dem Lockdown des vergangenen Frühjahrs sei noch nicht abgearbeitet, obgleich die Fahrschulen seit Sommer wieder arbeiten dürfen. Der Mangel an Führerscheinprüfern sei zwar erkannt. Da die Ausbildung zum Prüfer aber zwei Jahre dauere, sei mit einer kurzfristigen Entlastung nicht zu rechnen. „Und die theoretischen Fahrprüfungen sind aufgrund der Corona-Beschränkungen auf einen Standort in Hamburg begrenzt.“ Früher habe es drei weitere Standorte gegeben.

Ein weiteres Problem kommt seit Anfang des Jahres hinzu: Die Vorgaben für die praktische Fahrprüfung haben sich geändert. Sie dauert nunmehr 55 statt wie bisher 45 Minuten. Grund dafür ist unter anderem ein größerer Aufwand beim Prüfbericht, bei dem die Inspektoren keine Bögen mehr ausfüllen, sondern ihre Daten in Tablet-Computer eingeben. Durch die Verlängerung der Einzelprüfungen reduziert sich die Anzahl der täglichen Prüfungstermine.

Zahl der Fahrschüler in Hamburg steigt an

Dabei steige die Zahl der Fahrschüler in Hamburg seit Längerem an, so Darjus. Mitunter müssten Jugendliche einen Monat oder länger auf ihren Prüfungstermin warten. In der Zwischenzeit seien die Anwärter gezwungen, ein oder zwei weitere Fahrstunden zur Auffrischung zu nehmen. „Die Fahrschüler müssen also auch mit Mehrkosten rechnen.“ Zwischen 40 und 50 Euro nehmen Hamburgs Fahrschulen derzeit für eine Fahrstunde.

Einer, der die Aufnahme neuer Schüler limitieren muss, ist Marc Wollenbaecker, Inhaber der Fahrschule Fahrszination in Hamm und Arbeitgeber von Grit Melüh. Mit zwei angestellten Fahrlehrern ist die Fahrschule nicht besonders groß, aber sie ist gut strukturiert. So hat Wollenbaecker ein Abkommen mit dem TÜV, das ihm vier Prüfungsplätze pro Woche garantiert. Dennoch hat er viele Kunden im Bestand, die auf ihre Prüfung warten. „Deshalb muss ich die Aufnahme neuer Kunden auf zehn pro Monat begrenzen. Bevor es zu dem Engpass kam, konnte ich 15 oder 20 neue Fahrschüler aufnehmen.“ Wer jetzt als elfter Interessent kommt, hat das Nachsehen.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

„Er kann sich aber auch auf eine Warteliste setzen lassen für den Fall, dass jemand abspringt, oder sich für den Folgemonat anmelden“, sagt Wollenbaecker. Die Begrenzung auf zehn Neukunden pro Monat habe den Vorteil, dass er die theoretische Ausbildung in einem Block mit stets denselben Jugendlichen durchführen kann. „Mehr als zehn könnten in den Räumen unserer Fahrschule aufgrund der geltenden Abstandsregeln nicht gleichzeitig unterrichtet werden.“ Die Nachteile sind aber mindestens genauso groß: „Wirtschaftlich ist eine solche Limitierung natürlich einschränkend. Neue Kunden bedeuten ja auch neue Einnahmen.“ Doch das gehe nicht, weil der Bedarf an Fahrprüfungen das derzeitige Angebot des TÜVs übersteige.

Der TÜV hat ein neues Konzept bei den Prüfungen

Zuständig für die Führerscheinprüfungen in Hamburg ist der TÜV Hanse, der zum TÜV Süd gehört. Dort ist das Problem der fehlenden Prüfer bekannt. Prinzipiell verfüge der TÜV Hanse über ausreichend Prüfer, so ein Sprecher. Durch die Einführung der neuen optimierten Fahrerlaubnisprüfung, die längere Prüfungszeiten bei der praktischen Prüfung vorsehe, habe sich allerdings ein Mehrbedarf an Personal ergeben. „TÜV Hanse hat hierzu schon frühzeitig die Weichen gestellt und neun neue Mitarbeiter eingestellt, die sich derzeit in Ausbildung befinden. Bedingt durch den ersten Lockdown konnten diese Einstellungen aber nicht wie geplant, sondern erst verspätet zum 1. Oktober 2020 vorgenommen werden.“ Eine Anfrage an die Verkehrsbehörde zur Verkürzung der Ausbildungszeiten wegen der Umstände sei zurückgewiesen worden.

Hamburgs Corona-Regeln:

Die aktuellen Corona-Regeln für Hamburg im Überblick

  • Alle Regeln, die im Rahmen der Eindämmungsverordnung bis zum 10. Januar gelten sollten, werden grundsätzlich bis zum 14. Februar verlängert – ein Großteil des Einzelhandels bleibt geschlossen, bestellte Waren dürfen aber abgeholt werden. "Körpernahe Dienstleistungen" wie Friseure, Nagel-, Massage- und Tattoo-Studios dürfen nicht angeboten werden. Auch Kultur- und Freizeiteinrichtungen bleiben geschlossen, Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit bleibt verboten.
  • Kontaktregeln Angehörige eines Haushalts dürfen sich nur noch mit einer weiteren Person treffen. Ausnahmen für Kinder gibt es nicht.
  • Die Maskenpflicht wird angepasst: Stoffmasken reichen in den meisten Fällen nicht mehr aus. Stattdessen müssen medizinische Masken (mindestens OP-Masken, auch FFP2- oder KN95-Masken sind möglich) getragen werden. Bis zum 1. Februar gilt eine Übergangsphase, danach werden Verstöße mit Bußgeldern geahndet.
  • Kitas und Schulen: Die Präsenzpflicht an den Schulen bleibt aufgehoben, stattdessen soll so weit wie möglich Distanzunterricht gegeben werden. Kinder sollen – wann immer möglich – zu Hause betreut werden. Die Kitas wechseln in die "erweiterte Notbetreuung". Die privat organisierte Kinderbetreuung in Kleingruppen bleibt gestattet.
  • Arbeitgeber sind angehalten, so weit wie möglich ein Arbeiten von zu Hause aus zu ermöglichen. Zusätzlich soll eine neue Bundesverordnung Arbeitgeber dazu verpflichten, Homeoffice anzubieten, so weit das möglich ist. Betriebskantinen dürfen nur öffnen, wenn sie für den Arbeitsablauf zwingend erforderlich sind.
  • Sollte die Sieben-Tage-Inzidenz auf einen Wert über 200 steigen, müsste eine Ausgangsbeschränkung erlassen werden, die den Bewegungsradius auf 15 Kilometer rund um den Wohnort einschränkt. Wie genau diese Regel in Hamburg angewandt würde, ist noch nicht bekannt – der Senat will darüber entscheiden, sollte sich die Inzidenz dem Grenzwert annähern.
  • Senioren- und Pflegeeinrichtungen sollen mehrmals pro Woche Personal und Besucher testen. Das war in Hamburg schon verpflichtend und gilt nun bundesweit.
  • Zwei-Test-Strategie bei Reiserückkehrern aus Risikogebieten: Ein Corona-Test direkt nach der Einreise ist verpflichtend, die zehntägige Quarantäne kann frühestens fünf Tage nach der Einreise durch einen weiteren Test verkürzt werden. Die Kosten für die Tests werden nicht übernommen.

Verzögerungen bei den theoretischen Prüfungen weist der TÜV zurück: „Zwar verringern sich durch die Hygieneschutzmaßnahmen und die damit erforderlichen Mindestabstände die Anzahl der Personen, die bei einem Termin geprüft werden können. Am Standort Hamburg–Mitte am Brackdamm können im Moment etwa 60 Prozent der sonst üblichen Prüfplätze an einem Durchgang belegt werden. TÜV Hanse bietet hier aber als Ausgleich zusätzliche Prüftermine an.“ Durch dieses Angebot sei die Zahl der angebotenen Prüfungen bei etwa 110 Prozent im Vergleich zu der Zeit vor Corona, so der Sprecher. Allerdings würden diese von den Fahrerschülern nicht ausgeschöpft. Zu den 3500 im Dezember gebuchten Prüfungen seien mehr als 300 Personen nicht erschienen.

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Die Frage, wie viele Personen pro Durchgang ihre theoretische Führerscheinprüfung ablehnen können, wollte der TÜV-Sprecher nicht beantworten. Dass die Prüfungen vor Corona an mehreren TÜV-Standorten abgelegt werden konnten, streitet er ab. Verbandschefin Darjus hält dagegen: „Natürlich hat der TÜV früher an mehreren Standorten geprüft. Die sind aber so klein, dass unter den Corona-Gegebenheiten dort nur eine Handvoll Leute ihre Prüfung hätten ablegen können. Da ist es effizienter, das zu konzentrieren.“ Aber nicht schneller.

Grit Melüh hat derweil ihren Fahrschüler eingesammelt. „Jetzt noch ein, zwei Stunden, dann melden wir sie an“, sagt sie. „Mal sehen, wann die Prüfung kommt.“

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