Hausbesuch

Die künstlerische Märchenwelt von Wellingsbüttel

Jürgen Drese gestaltet seine Wellingsbütteler Wohnwelt, wie sie ihm gefällt. Auf drei Etagen und 400 Quadratmetern ist seine extravagante Kunst zu Hause.

Jürgen Drese gestaltet seine Wellingsbütteler Wohnwelt, wie sie ihm gefällt. Auf drei Etagen und 400 Quadratmetern ist seine extravagante Kunst zu Hause.

Foto: Roland Magunia/Funke Foto Services

Schrill, aber sehenswert: Künstler und Buchautor Jürgen Drese hat sein Haus auf 400 Quadratmetern in ein Traumschloss verwandelt. 

Hamburg. Als Kunst- und Theaterlehrer des Gymnasiums Ohlstedt lief er früher bei einem Abiball im maßgeschneiderten Frack auf. Aus Leder. In Orange. Mithin ist dieser Termin von einer Vorahnung begleitet. Dennoch dominiert an diesem Januarvormittag pures Erstaunen, gefolgt von der Frage: Wie hat er das bloß hingekriegt? Wenn es wirklich ein Kind im Manne gibt, dann hat es sich in diesem Gebäude ausgetobt. Lustvoll, teilweise schrill, jedenfalls außergewöhnlich, fantasievoll, bis in den letzten Winkel. Ein märchenhafteres Haus wird hierzulande kaum zu finden sein. Es ist die Heimat eines Individualisten erster Klasse.

Ob sich Jürgen Drese an die Verblüffung seiner Gäste gewöhnt hat? Viel mehr als ein verschmitzter Blick ist ihm nach der Begrüßung nicht anzumerken. Sodann schwenken die Blicke des Besuchers zwischen Gemälden an Wänden und Decken, Säulen, Kronleuchtern, selbst gebastelten Miniaturvillen, bunten Schränken und skurrilen Skulpturen auf der Fensterbank.

Ein privates Traumschloss im Nordosten Hamburgs

Schwere Entscheidung, wo man zuerst hingucken soll. Und wohlbemerkt: Wir befinden uns hier nicht in einem Märchenmuseum, sondern in einem Privathaus im Nordosten Hamburgs, das mit skurrilen Objekten ausgestattet ist. Ein Traumschloss, Baujahr 1937, rund 400 Quadratmeter Spielwiese eines ausgewachsenen Paradiesvogels. Der Mann ist drei Jahre jünger als sein Domizil. Kaum zu glauben, das Ganze. Vor allem ist dem Eigentümer ein Kunststück geglückt: Trotz farblicher Vielfalt und gewagter Akzente wirkt der Wohnbereich im Erdgeschoss gemütlich. Dazu tragen chromoxidgrüne (!) Plüschsofas, Wohnzimmertisch und Stühle im Chippendale-Stil, ein gepflegter Parkettboden sowie kuschelige Samtvorhänge bei. Die Kombination ist mutig. dennoch als Gesamtwerk stimmig. Von der Stange ist hier gar nichts, vor allem der Hausbesitzer nicht. Herzblut und Leidenschaft inspirieren sehenswert.

„Das hier ist mein Theater. Ich lebe in meiner eigenen Kulisse“, sagt er, schenkt Kaffee in ungewöhnliches Porzellan und platziert Franzbrötchen auf Teller, von denen Essen noch mehr Freude macht. Und in diesem seinem Theater gibt es nur einen Hauptdarsteller: Jürgen Drese. Hin und wieder kommen seine Freundin Emanuelle, seine Tochter oder die sechs zwischen elf und 25 Jahre alten Enkelkinder zu Besuch in eine unkonventionelle Fantasiewelt. Der Hausherr ist für immer neue Überraschungen gut. Sein kreativer Geist vollführt spontane Sprünge. Gemalt, lackiert, gefeilt oder geschraubt wird, was gerade Spaß macht. „Leben ist ein großes Glück“, sagt Drese, „und ich freue mich über jeden Tag.“ Seine Kunstobjekte sind unverkäuflich. Er fertigt sie zu seiner persönlichen Erbauung. Trennung fällt zu schwer.

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Dann springt Drese auf und zeigt, was in einem Holzhaus auf dem Holzgehäuse einer alten Standuhr steckt: gut und gerne 30 Zimmer auf drei Etagen, beleuchtet, alles eigenhändig hergestellt. Sogar das Mobiliar, bis ins Detail verspielt. Eine sprudelnde Schaffenskraft spiegelt sich auch in rund 200 Gemälden der Elbphilharmonie in stets anderer Umgebung wider. Darüber ist ein Buch („Tausendundeine Elphi“) im KJM-Verlag erschienen, eine erlesene Adresse in Blankenese. Dort wurden auch vier historische Romane über den Hamburger Straßenjungen „Jan Blaufink“ veröffentlicht. Bevor wir uns auf den Weg durch dieses Märchenreich machen, eilt er durch acht spannende Dekaden seines Lebens. Es ist ein Kapitel für sich. 1940 in Hamburg-Hamm geboren, wohnte Jürgen später bei seinem Stiefvater Karl Tonner in dessen Hotel Zum Karpfenteich in Ellerbek. Davor hatte „Kuddl“ an der Großen Freiheit auf St. Pauli die Spelunke Tonners Eck betrieben. Jürgen Drese lernte früh, aus wenig viel zu machen – auch beim Basteln und Spielen.

Drese war Rocker, Werbetexter und Lehrer

Nach dem Abitur in Niendorf und Staatsexamen an der Hochschule für Bildende Künste zog es den Rocker durch die Berufswelt. Stationen waren Theater, das NDR-Fernsehen, Galerien mit eigenen Bildern und Jobs als Werbetexter unter anderem für Esso und Otto. Zwischen 1975 und 2005 wirkte Drese als Lehrer für Kunst und Theater am Gymnasium Ohlstedt. Viele Ehemalige haben ihn bis heute nicht vergessen. Markenzeichen: blaue Lederhose, Lederweste, als Freigeist seemeilenweit entfernt von jedweder Konvention. Bei ihm lernten die Schüler tatsächlich fürs Leben. Nicht jedem gefiel das, klar.

Apropos See: Der Treppenaufgang ins erste Stockwerk ist bewusst so gemalt, als befände man sich inmitten starken Seegangs. Tatsächlich geht’s oben erst so richtig los. Jeder Raum ist eine Melange aus Werkstatt, Erfinderstube und Ausstellungsstätte. Der Fantasie dieses Mannes sind keine Grenzen gesetzt. Beispiele sind weitere Puppenhäuser, eine seltsame Eisenbahnanlage, Exponate aus Märklin-Bausätzen, fliegende Engel, vor allem Bilder, Bilder, Bilder. Wände und Schränke sind mit Holz verkleidet und so bemalt, wie es ihm gefällt. Ein Marionettentheater im Flur erinnert an illustre Abende einst im Freundeskreis. Dann durfte sich jeder erwachsene Gast ein bisschen als Kind fühlen.

Heute lässt es der seit 15 Jahren pensionierte Lehrer ruhiger angehen – aber nicht innerlich. Begeistert führt Drese durch seinen Garten. Von der Witterung abgesehen, fühlt man sich wie in Italien. Der Springbrunnen im Teich ruht derzeit. Steuerbords befindet sich eine Pergola, hinten ein in antikem Stil gemauerter Steinwall, eine große Grotte mit Gewölbecharakter. Sie beinhaltet einen weiteren Springbrunnen, eine Sitz-
ecke und eine urige Wandgestaltung mit Muscheln und Schneckenhäusern. Auch dieses extravagante Ensemble hat Seltenheitswert.

Seit dem Hauskauf vor 30 Jahren ist eine Menge passiert – außen wie innen. Drei Stockwerke Kunst, gestaltet nach seinem Gusto. „Ich bedaure all jene, die pensioniert sind und nicht wissen, was sie tun sollen“, sinniert Jürgen Drese. In seinem Alltag ist eine Menge los. Und eines gibt’s auf keinen Fall: Langeweile. Folglich existieren in seinem Leben auch keine Smartphones, Mails oder Fernseher. Viel zu gewöhnlich für einen, der am liebsten mit dem Besonderen flirtet.