Pandemie

Corona-Ausbruch im UKE: Keine Anklage, viele Fragen

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Christoph Heinemann und Jens Meyer-Wellmann
In der UKE-Onkologie kam es zu 60 Corona-Infektionen.

In der UKE-Onkologie kam es zu 60 Corona-Infektionen.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Strafverfahren eingestellt: Ablauf des Unglücks mit elf Todesopfern lässt sich nicht rekonstruieren. Angehörige prüfen Beschwerde.

Hamburg. Es war der bis dahin schwerste Corona-Ausbruch in einer Hamburger Klinik: Im Frühjahr 2020 verbreitete sich das Virus unbemerkt auf den Krebsstationen des UKE, 60 Menschen infizierten sich und elf Patienten starben infolge der Infektion.

Ihre Angehörigen erhoben teilweise schwere Vorwürfe gegen die Klinik – strafrechtlich bleibt das Geschehen jedoch vorerst ohne Konsequenzen. Die Staatsanwaltschaft hat drei Verfahren im Zusammenhang mit dem Ausbruch eingestellt und wird keine Anklage erheben, wie sie auf Anfrage bestätigte.

Der zuständige Oberstaatsanwalt Lars Mahnke sagte dem Abendblatt, der genaue Ablauf des Ausbruchs habe sich nicht detailliert genug rekonstruieren lassen. „Zentraler Grund für die Verfahrenseinstellungen war die von Anfang an bestehende Vermutung, dass die erforderliche Kausalität, also letztlich der Ansteckungsweg, nicht einmal mit der sogenannten Genomanalyse hinreichend sicher bestimmt werden kann. Dazu weist das Virus bedauerlicherweise eine zu geringe Mutationsrate auf.“

Corona im UKE – keine Ermittlungen gegen konkrete Personen

Auch ein in Auftrag gegebenes Gutachten habe nicht genügend belastbare Fakten ergeben. „Es kann nicht mit der für eine Anklageerhebung erforderlichen Sicherheit gesagt werden, wer wen wann angesteckt hat oder wie das Virus überhaupt in das Krankenhaus eingeschleppt worden ist.“

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurde deshalb gar nicht erst tiefgehend geprüft, ob Mitarbeiter des UKE ihre Sorgfaltspflicht zum Schutz der Patienten verletzt haben. Auch „bereits bekannt gewordenen Sorgfaltspflichtwidrigkeiten“ sei nicht weiter nachgegangen worden, da nicht sicher bewiesen gewesen wäre, dass sie die Infektion der Opfer verursacht hätten. Gegen konkrete Personen wurde ebenso nicht ermittelt.

UKE untersuchte Corona-Ausbruch auch selbst

Das UKE hatte selbst eine Untersuchung des Ausbruchs durchgeführt und den Ermittlern eine „Timeline“ zur Verfügung gestellt. Auf Nachfrage des Abendblattes hieß es von der Staatsanwaltschaft, dass eine Befragung der Mitarbeiter des UKE „vor dem Hintergrund der nicht nachweisbaren Kausalität nicht mehr erforderlich war“. Mahnke betont, dass „keine Erkenntnisse zu individuellen Pflichtwidrigkeiten bekannt geworden“ seien. Auch habe das UKE den Ausbruch ordnungsgemäß gemeldet. Ob es Versäumnisse oder Fehler vor oder während des Ausbruchs gegeben habe, könne man aber ausdrücklich nicht sagen.

Das UKE will sich nicht zu der Einstellung äußern, da ein entsprechender Brief der Staatsanwaltschaft noch nicht vorliege. Das Universitätsklinikum hatte jedoch wiederholt betont, alle Standards erfüllt zu haben. Das Ausbruchsgeschehen habe die Klinik „zutiefst betroffen gemacht“. Aber alle damaligen Maßnahmen seien „zielgerichtet und effektiv“ gewesen. „Ohne konsequentes Handeln“, glaubt das UKE, wären „weitaus mehr Betroffene zu erwarten“ gewesen.

Ende der Ermittlungen enttäuscht Angehörige

Bei den Angehörigen löst das Ende der Ermittlungen dagegen nicht nur Enttäuschung, sondern auch Widerstand aus. Nach Abendblatt-Informationen wird auch bei der Staatsanwaltschaft mit förmlichen Beschwerden gegen die Einstellung durch deren Anwälte gerechnet. Unter anderem hat die Tochter des Verstorbenen Niels Boldt aus Schenefeld bereits vor der Entscheidung rechtliche Schritte gegen das UKE eingeleitet. „Es gibt noch immer sehr viele, sehr dringende Fragen - und es darf nicht unter den Teppich gekehrt werden, was geschehen ist“, sagt sie.

Lesen Sie hier das Abendblatt-Dossier: Der Corona-Ausbruch – was im UKE geschah

Rückblick: Bereits am 18. März 2020 waren die ersten zwei Patienten im sechsstöckigen „Onkotower“ des UKE positiv auf Covid-19 getestet worden. Dabei gelten die dortigen Stationen als sensibelste und bestgesicherten Bereiche des gesamten Klinikums. Unter anderem gibt es in dem Gebäude Sicherheitsschleusen und Spezialfilter, die die Luft reinigen, um die stark immungeschwächten Patienten zu schützen. „Die haben uns gesagt, da drinnen könnte nicht einmal ein Brot verschimmeln“, sagte die Mutter der Patientin Ines Brandtjen, die im Alter von nur 21 Jahren an ihrer Corona-Infektion verstarb, dem Abendblatt im Sommer.

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Nach den ersten Fällen isolierte das UKE die Betroffenen und ließ Patienten und Mitarbeiter testen. Bereits Anfang April verstarb jedoch einer der Betroffenen und es kam erneut zu Corona-Fällen auf den Krebsstationen. Ein Mitarbeiter, der ein Freiwilliges Soziales Jahr im UKE absolvierte und sich nach Abendblatt-Recherchen privat streng isolierte, wurde Anfang April positiv getestet. Kurz darauf entdeckte ein Arzt auf einer Station eine Reinigungskraft mit offensichtlichen Symptomen. Gegen sie wurde nach Bekanntwerden des Ausbruchs von einem Unbeteiligten sogar eine Anzeige wegen versuchten Mordes erstattet.

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Bei den folgenden Testungen aller Mitarbeiter und Patienten in der Onkologie kamen zunächst 40 Infektionen zutage. Dennoch verging noch mehr als eine Woche, bevor nicht das UKE selbst, sondern der „Spiegel“ den Ausbruch öffentlich machte. In den folgenden Monaten starben zehn weitere Patienten. Eine mehrmonatige Recherche des Abendblattes ergab, dass alle Betroffenen nach den Ergebnissen der Rechtsmedizin ohne das Virus überlebt hätten und teilweise beinahe von ihrem Krebsleiden geheilt waren. Auch hatten sich 30 der 40 betroffenen Mitarbeiter laut UKE „hoch wahrscheinlich“ in der Klinik infiziert.

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Das UKE hatte alle Vorwürfe zurückgewiesen

Die Fragen der Angehörigen richten sich unter anderem darauf, warum das UKE die Patienten und Mitarbeiter nicht früher und umfassender auf Corona getestet hat. Auch war teilweise von direktem Patientenkontakt ohne Schutzkleidung und verweigerten Corona-Tests die Rede. Das UKE hatte alle Vorwürfe zurückgewiesen und betont, die gültigen Regeln jederzeit eingehalten zu haben.

Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grüne) hat einen Bericht des UKE zu dem Ausbruch erhalten, der aber laut einem Behördensprecher als „vertraulich“ eingestuft ist. Einige der Angehörigen der Opfer fühlen sich allein gelassen. „Ich kann verstehen, warum es juristisch nicht zu einer Anklage reicht“, sagte die Mutter der jung verstorbenen Patientin Ines Brandtjen. Sie selbst plant keine Beschwerde. „Ich möchte nur die Gewissheit, dass Konsequenzen gezogen werden. Dass alles unternommen wird, damit es nie wieder geschehen kann.“

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